Szenenfoto aus der Generalprobe zur Uraufführung des Tanzstücks „New Creation“ des brasilianischen Choreografen Bruno Beltrão und seiner Companie Grupo de Rua; © Wonge Bergmann
Wonge Bergmann
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Tanz im August - Abschluss des Festivals - Choreografien von Bruno Beltrão u. Trajal Harrell

Zum Abschluss von Tanz im August waren gestern Abend eine Choreografie zu den gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Zuständen in Brasilien zu sehen und ein Tanzstück zum legendären Köln-Konzert des Jazz-Pianisten Keith Jarrett 1975. Zwei außergewöhnliche Stücke.

Bruno Beltrãos Stück, das er nur "New Creation" genannt hat, präsentiert eine düstere und stürmisch konfliktgeladene Atmosphäre. In kurzen Episoden, deren konkrete anekdotische Bedeutungen meist rätselhaft bleiben, drücken sich Verzweiflung und Hilflosigkeit, Wut und Aggression aus.

Bruno Beltrao: New Creation © Wonge Bergmann
Bruno Beltrao: New Creation | Bild: Wonge Bergmann

Düstere konfliktgeladene Atmosphäre

Bruno Beltrão, der vom Breakdance kommt, mit 16 Jahren schon seine erste Company gegründet hat und seitdem an Verbindungen zwischen HipHop und Zeitgenössischem Tanz arbeitet, war seit 2002 immer wieder beim Tanz im August. In diesem Stück hat er sich so weit wie noch nie von seinen Wurzeln im Urban Dance entfernt. Es sind nur noch Spuren der Breakdance-Bewegungen zu erkennen, vor allem in den explosiven Ausbrüchen der Tänzerinnen und Tänzer, in der Boden-Akrobatik, in den hier horizontalen Verschraubungs-Bewegungen, die Beltrão zumeist in extrem dicht miteinander verwobenen Soli zeigt.

Kleinere Gruppen, Duos, Trios sind eher selten - wenn doch, dann brilliert Beltrão mit außergewöhnlichen Sprung- und Hebefiguren.

Druck, Zwang, Ausweglosigkeit – hilflose Wut

Dies ist ein effektvoller, teils spektakulärer Tanz auf einer zumeist verschatteten, dunklen Bühne, mit dem Beltrão Zustände von Druck und Zwang, von Ausweglosigkeit zeigt. Diese Zustände entladen sich immer wieder in rasende, aber hilflose Wut, die schnell in sich zusammenbricht.

In seinem Stück "INOAH" von 2018 hat er noch eine Gesellschaft nah am Abgrund, kurz vor dem Zusammenbruch gezeigt – jetzt scheint es nur noch bittere Verzweiflung in seiner Gesellschaftsanalyse zu geben. Ein ausgezeichnetes Stück.

Trajal Harrell: Tanz zu Keith Jarrett und Joni Mitchell

Völlig anders ist hingegen der US-Amerikaner Trajal Harrell an das Köln-Konzert von Keith Jarrett herangegangen. Trajal Harrell, ebenfalls schon mehrfach, nicht immer überzeugend, zu Gast bei Tanz im August, hat Musik von Joni Mitchell, darunter ihr Klassiker "Both Sides Now" mit dem Köln-Konzert von Keith Jarrett verbunden - eine Legende, nicht nur unter Jazz-Fans.

Trajal Harrell: The Köln Concert © Reto SchmidTrajal Harrell: The Köln Concert

"The Köln Concert": Voguing-Drag-Tanz, divenhafte Expressivität

Harrell, der aus der amerikanischen Voguing-Szene kommt, hat vor kurzem am Schauspielhaus Zürich eine kleine Tanzkompanie gründen können und gemeinsam mit seinen sechs Tänzerinnen und Tänzer zeigt er nun einen ungefiltert emotionalen Voguing-Drag-Tanz. Einen Tanz voller Freude und Trauer, Tragik, Schmerz und vor allem voller Stolz.

Die Tänzerinnen und Tänzer präsentieren sich würdevoll und kühn, in divenhafter Expressivität, in Drag-Catwalks in Netzstrumpfhosen, Rock und Nerzmantel, in Barfuß-Torkeltänzen als trügen sie unsicher schwankend Highheels. Zu dem sehr langen improvisierten Klavier-Solo von Keith Jarrett tanzt immer eine oder einer von ihnen, während die anderen auf Klavierhockern sitzen, in sich versunken, ernst, traurig oder auch ergriffen und bekümmert.

Sie bieten sich in schonungsloser Offenheit dar, offenbaren in klug kalkulierter Beinahe-Unkontrolliertheit ihre Gefühle, sie greifen die Emotionen der Musik auf, schluchzen und stöhnen auch mal – wir sehen sie in sehr intimen Situationen. Eindrucksvoll inszeniert – das beste Stück bislang von Trajal Harrell.

Das letzte Festival unter Leitung von Virve Sutinen

Zwei außergewöhnliche Tanzstücke zum Abschluss einer hervorragenden Tanzfestival-Ausgabe, einer der besten seit vielen Jahren. Kuratorin Virve Sutinen hat eine enorme Vielfalt an Themen und Tanzstilen und -Formen präsentiert, eine Reise um die Welt. Mit Stücken aus Asien, Australien, Afrika oder Südamerika, sehr oft sehr politisch in den Auseinandersetzungen mit Kolonialismus und Rassismus, mit Umwelt- und Menschenrechtsaktivismus, auch mit der kritischen Befragung von Tanztraditionen, seien es nun klassisches Ballett oder traditioneller Tanz aus Thailand. Und das sind nur einige wenige Beispiele für die enorme Bandbreite der in diesem Jahr eingeladenen Stücke.

Mit ihrer letzten Festivalausgabe hat Virve Sutinen alle Türen und Fenster zu Tanz in aller Welt weit aufgestoßen und hat Rausch und Party und Unterhaltung und für den, der wollte auch Akademie nach Berlin gebracht.

Nach diesem Festival, es gab in ihren neun Jahren Berlin auch schwächere, fällt der Abschied von Virve Sutinen schwer.

Der Nachfolger Ricardo Carmona

Es fällt auch schwer, ähnliches für die Zukunft zu erhoffen. Ihr Nachfolger Ricardo Carmona, seit 2012 schon Tanzkurator am HAU - Hebbel am Ufer, für seine Arbeit dort sehr zu schätzen, muss erst noch zeigen, ob er diese große Aufgabe bewältigen kann und er muss zeigen, ob er die Unabhängigkeit des Tanzfestivals vom Hauptgastgeber, dem HAU, bewahren kann.

Seine Ernennung als Nachfolger von Virve Sutinen ist, anders als bei ihr, nicht durch eine internationale Findungskommission erfolgt, sondern wurde intern von HAU-Chefin Annemie Vanackere mit der Berliner Senatskulturverwaltung ausgehandelt. Das ist in der Tanzszene nicht besonders gut angekommen und eine schwere Hypothek für ihn. Die Zukunft wird erweisen, ob die Entscheidung, ihn als Kurator für Tanz im August einzusetzen, die richtige war.

Jetzt heißt es, Virve Sutinen zu verabschieden, mit einem größtmöglichen Dankeschön!

Frank Schmid, rbbKultur

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