Tanz im August: Oona Doherty - "Navy Blue" © Sinje Hasheider
Sinje Hasheider
Oona Doherty: "Navy Blue" | Bild: Sinje Hasheider Download (mp3, 7 MB)

Tanz im August - Oona Doherty: "Navy Blue"

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Die hohen Erwartungen wurden erfüllt, die junge irische Choreografin Oona Doherty begeistert bei Tanz im August mit ihrem neuen Stück "Navy Blue". Ein hochemotionales Tanzstück zu Musik u.a. von Sergej Rachmaninow.

Das zweite Klavierkonzert von Rachmaninow, mit dem er sich befreit hat von jahrelanger Depression und künstlerischer Agonie, hat Oona Doherty im Pandemie-Lockdown für sich entdeckt, als sie allein im Tanzstudio trainiert hat. Zwei Sätze daraus sind der Soundtrack für den ersten Teil dieses mutigen Stückes, mit dem Oona Doherty sich in die tiefsten Tiefen der Verzweiflung, sogar der Depression begibt, einen Tanz des Aufbegehrens zeigt. Einen Tanz, der im zweiten Teil des Stückes von düsteren Elektro-Musik-Klangwolken des britischen Musikers Jamie xx geprägt wird.

Tanz im August: Oona Doherty - "Navy Blue" © Sinje Hasheider
Bild: Sinje Hasheider

Explosiver, eruptiver Tanzstil

Oona Doherty hat ein wuchtiges Aufbäumen gegen Depression und Leid, gegen Zwang und Unterdrückung inszeniert, einen explosiven und eruptiven Tanz für die zehn Tänzerinnen und Tänzer in blauen Hosen und Jacken, die an Arbeiterkluft erinnern. Ihr Tanz wandelt immer nah am Abgrund, ihre Körper, von Beklemmungen, Ängsten, Zwängen geprägt, scheinen in den Bewegungen in alle Richtungen zu zerbersten, zu zerspringen. Der Tanz ist ein scharfkantiges Gliederschleudern, ein abruptes Katapultieren von Kopf, Armen, Beinen, des ganzen Körpers, ein Wegschleudern der Gliedmaßen, schneidend hart, rasend schnell.

Gerade weil diese Tänze aus Beklemmungen und Verhärtungen entstehen, wirken die Tänzer:innen in diesen plötzlichen, aufbegehrenden Eruptionen noch hilfloser und verzweifelter – ein beeindruckender Tanzstil.

Menschen der Gegenwart – gefangen in Zwangssystemen

"Navy Blue" hat keine Handlung im eigentlichen Sinne, ist aber ein in jedem Moment miterlebbares Erzählen von Gefühlszuständen. Im ersten Teil z.B. begleitend zu den Leidenschaften in der Musik von Rachmaninow, zu Trauer und Leid und Sehnsucht, zu all der Romantik der Musik. Die Gesichter der Tänzer:innen und ihre Körper drücken all das aus und auch Sorge, Tapferkeit, den Willen, zu widerstehen. Sie sind Menschen der Gegenwart, gefangen in Zwangssystemen, der Arbeit, des Überlebenwollens, des Überlebenskampfes.

Tanz im August: Oona Doherty - "Navy Blue" © Ghislain Mirat
Bild: Ghislain Mirat

Etwas unklar und undeutlich

ABER: nach trockenen harten Knallgeräuschen, die vielleicht Schüsse sind, fallen sie eine nach dem anderen zu Boden, werden niedergestreckt von einer Macht, die wir, wie sie nicht sehen, nicht kennen, aber deren Gewalt anwesend ist. Hier bleibt Oona Doherty etwas undeutlich und so auch später, wenn sie selbst über die Farbe Blau spricht, zu der es endlos viele Assoziationen gibt: Farbe des Himmels, der Schöpfer, die blaue Blume, die blaue Nacht – für Oona Doherty wohl auch die Farbe von Stillstand und Depression und deren Überwindung.

Hoffnungsschimmer am Ende

Am Ende gibt es einen Hoffnungsschimmer. Aus den vielen Verzweiflungsumarmungen davor, wird ein Umarmen in Trost und Fürsorge. Eine junge Tänzerin wird nach ihrem entrückt ekstatischen Schmerz-Tanz, nach ihrer Entladung düsterer leidvoller Wut von allen anderen Tänzerinnen und Tänzern sorgend umarmt. Hoffnung ist also in der Gemeinschaft zu finden.

Scharfer Humor, harter Realismus

Zuvor hat Oona Doherty, die schon 2019 bei Tanz im August einen scharfen Humor gezeigt hat, in ihrer Rede vom Band die Produktionskosten ihres Tanzstückes aufgezählt: Kostüme, Honorare für Tänzer:innen, Technik, Reisekosten usw. Am Ende kommt sie auf eine Summe von 256.000 Euro und fragt: "Und wofür das Ganze?".

Ein Akt des Widerstands gegen den Kulturbetrieb, der sie gerade feiert, weil sie jung ist und Neues wagt und Politik wie Sozialkritik in ihre Stücke aufnimmt. Nach jungen Talenten wird immer gesucht, wie lange sie sich halten, bevor sie verbraucht sind und nicht mehr auf den Tanzfestivals herumgereicht werden, ist oft nur eine Frage weniger Jahre. Oona Doherty weiß das.

Es steckt also auch ein harter Realismus in diesem wuchtigen, überwältigenden Stück, in dieser packenden Choreografie in düsterer Atmosphäre und minimal hoffnungsfrohem Ausgang.

Oona Doherty, im letzten Jahr mit dem renommierten Silbernen Löwen der Tanzbiennale Venedig ausgezeichnet, konnte dieses Stück nur mit der finanziellen Unterstützung mehrerer Produzenten, Partner, Förderer und Tanzfestivals entwickeln. Das wird nicht immer so möglich sein. Ihren Weg als an politischen und sozialrealistischen Themen orientierte Tanzkünstlerin wird sie dennoch gehen.

Frank Schmid, rbbKultur

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