Volksbühne: Ophelia's got Talent © Nicole Marianna Wytyczak
Nicole Marianna Wytyczak
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Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Ophelia's got Talent"

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Als die österreichischen Choreografin Florentina Holzinger 2020 zum Theatertreffen eingeladen war, standen in ihrer Produktion "Tanz" ausschließlich Frauen splitternackt auf der Bühne und ließen sich unter anderem an Fleischerhaken im Rücken in die Luft heben. Auch ihr neuer Abend "Ophelia's got Talten" wird mit Trigger-Warnungen angekündigt und für Menschen über 18 Jahren empfohlen – zu Recht.

Volksbühne: Ophelia's got Talent © Nicole Marianna Wytyczak
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Jedenfalls sollte man auf Selbstverletzung und die explizite Schilderung einer Vergewaltigung gefasst sein – auch für Menschen über 18 möglicherweise problematisch. Allerdings überwiegen die Szenen, die den Magen flau werden lassen über jenen, die Traumatisches triggern können. Etwa der Moment, in dem die Schwertschluckerin nicht nur unglaublich lange Schwerter in ihrem Rachen versenkt, sondern einen Schlauch mit einer Kamera, sodass man auf den großen Bühnen-Leinwänden bis in ihren Magen sieht. Dort schwimmt ein Fisch. Dann werden Fische im Meer eingeblendet, als würden sie ebenfalls in ihrem Bauch schwimmen. Das ist eklig, aber auch ziemlich komisch.

Ein "Abend über das Wasser und die vielen literarischen Vorlagen"

Einer Performerin wird zudem live ein Schiffsanker auf den Hintern tätowiert. Und zwei andere, darunter Florentina Holzinger, bohren sich dicke Haken durch die Wangen und ziehen am Fleisch, als wären sie Fische, die am Haken zappeln.

Auf der Homepage der Volksbühne ist verschwurbelt vom "Wasser als Element der Domestizierung der weiblichen Subjektivität" die Rede. Holzinger selbst hat es im Gespräch einen "Abend über das Wasser und die vielen literarischen Vorlagen" genannt, bei denen "die Frau am schönsten ist, wenn sie tot im Wasser liegt".

Opfer-Erzählungen von Frauen oder Wasserwesen also: Leda und der Schwan, Undine, die Sirenen. Doch auch Stoffe wie Schillers "Taucher" und Schuberts "Forelle" werden zitiert, letztlich schwimmt alles auf die Bühne, was mit Wasser zu tun hat.

"Talent-Show"

Ganz konkret ist "Ophelia’s got Talent" jedoch der Name einer Talent-Show. Ein weiblicher Captain Hook, mit schiefen Zähnen und untenrum nackt, wie alle Frauen auf der Bühne nackt sind, ist die Gastgeberin der Show, die weibliche Talente castet. Drei Frauen (darunter Inga Busch, die einzige Spielerin aus dem Ensemble) geben am Bühnenrand die Jury: Wenn ihnen eine Nummer nicht gefällt, dürfen sie den roten Buzzer drücken. Hier tritt besagte Schwertschluckerin auf und auch eine wunderbare Akrobatin, die an einer Stange in der Luft einen Unterwasser-Überlebenskampf imitiert. Zudem eine Entfesselungskünstlerin, die in einem wassergefüllten Glas-Bassin unter Wasser ohne Sauerstoff die Ketten lösen muss. Die Spannung steigt, indem man vorgibt, dass sie es nicht schafft und ertrinkt, Techniker eilen auf die Bühne. Ein Spiel mit Effekten.

Ein wahrer Bilderrausch

Nach diesem gefakten Unfall übernimmt Captain Hooks Piratinnen-Crew das Ruder. Mit einer schmissigen Irish-Folk-Stepptanz-Einlage im Riverdance-Stil. Darüber hinaus wird kaum getanzt, jedoch über fast drei Stunden eine Nummer nach der nächsten abgefeuert. Zwar mit wenig Sinn und Verstand, doch es sieht bombastisch aus, ein wahrer Bilderrausch.

Florentina Holzinger ist schließlich ein Fan des XXL-Formats. Sie hat eine der denkbar teuersten und kompliziertesten Konstruktionen gewählt: In die Bühne ist ein Swimmingpool eingelassen – dessen Wassertonnen müssen erst einmal getragen werden. Darin schwimmen die Frauen oder sie werden wie zappelnde Fische herausgeangelt und in die Luft gezogen – eine artistische, wunderschön anzusehende Nummer.

Für eine Schiffbruch-Szene, apropos immenser Aufwand, wird ein Helikopter von der Decke gelassen. Die Frauen im Wasser steigen an Seilen auf und masturbieren so lange zu Porno-Gestöhne auf der Maschine, bis ihr Ejakulat vom Himmel tropft. Hinter dem großen Pool steht ein weiteres gigantisches Aquarium, in dem Meerjungfrauen schwimmen. Ein traumhafter Wahnsinn.

Ophelia’s Got Talent
Ophelia’s Got Talent | Bild: Nicole Marianna Wytyczak

Die Energie der Frauen ist beeindruckend, der Cast divers und integrativ

Nach der ersten misslungenen Spielzeit der Volksbühne unter René Pollesch hat die Volksbühne nun zumindest (voraussichtlich) einen Kassen- und Publikumserfolg gelandet. Schon allein des riesiges, schönen Spektakels wegen, mehr Zirkus-Kunst und Nummern-Revue als Theater.

Doch auch, weil die Energie der Frauen beeindruckend ist. Holzinger arbeitet mit einem diversen, integrativen Cast – leider bleiben die Woman of Colour und die Performerin mit Trisomie Randfiguren, der Körper der kleinwüchsigen Performerin wird dagegen immer wieder gefeiert.

Intellektuell betrachtet bleibt der Abend allerdings, wie immer bei Holzinger, schrecklich unterfordernd. Fünf (!) Dramaturginnen werden auf der Homepage genannt – zu sehen ist davon: so gut wie nichts. Bei den literarischen Einsprengseln herrscht gedanklich eher Ebbe.

Intellektuell ist Luft nach oben

Holzinger lässt einen Knalleffekt auf den nächsten folgen wie ein News-Gewitter auf dem Smartphone – sogar eine Kinderschar (natürlich nur Mädchen, die aber bekleidet) tritt auf: die nächste Generation, Captain Hooks neue Crew. Es regnet Plastikflaschen vom Himmel, um zuletzt noch Plastik-Ozeane und Klimakrise anzuprangern.

Intellektuell ist Luft nach oben. Doch der Abend hat eine Bildkraft und die Frauen feiern ein Empowerment, das man selten auf der Bühne sieht.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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