Programmheft mit dem Spielplan für die neue Saison an der Neuen Bühne Senftenberg
rbb/Josefine Jahn
Spielplan für die neue Saison | Bild: rbb/Josefine Jahn Download (mp3, 8 MB)

Neue Bühne Senftenberg - FestSpiel Neue Heimat: "Utopia" und "Über Menschen"

Theaterspektakel haben in der Lausitz Tradition: Am Staatstheater Cottbus hießen sie "Zonenrand-Ermutigungen", an der Neuen Bühne Senftenberg erst "GlückAuf-Feste", dann "Spektakel", und jetzt - wo ein neues Leitungsteam an den Start geht - "FestSpiel". Das Grundprinzip ist jedoch immer das Gleiche: Es werden mehrere Premieren an einem Abend geboten.

Die alte Bergwerksglocke auf dem Dach der Neuen Bühne läutet und die Zuschauer:innen begeben sich zu den Bussen, die sie zu den Spielstätten fahren, in denen die ersten Inszenierungen des Abends laufen. Auf dem Programm stehen das Rechercheprojekt "Neue Heimat Senftenberg" und die Stücke "Gott ist drei Frauen" von Miroslava Svolikova und "Utopia" von Mikhail Durnenkov. Das Publikum hat die Qual der Wahl.

"Utopia" - eine Gesellschaftsparabel

"Utopia" läuft im ehemaligen Senftenberger Zechenhaus. Gespielt wird in einem kathedralenhohen gekachelten Raum, der zunächst für eine Entziehungsanstalt steht. Dort vegetiert Ljoscha vor sich hin, ein früherer Kneipenwirt, der durch seine Alkoholsucht alles verloren hat. Ein finsterer Geschäftsmann macht ihm ein Angebot: Wenn er aufhört zu trinken, soll er seine alte Kneipe wieder leiten. Allerdings nur, wenn er es schafft, dass die Räumlichkeiten genauso aussehen wie früher.

Ljoscha willigt ein und holt seine Familie mit ins Boot. Für ihn, seine Frau und seinen drogenabhängigen Sohn wird die Kneipe, die ausgerechnet "Utopia" heißt, zum Rettungsanker. Die Vereinbarung, dass sich an der Einrichtung und am Getränkeangebot nichts ändern darf, erweist sich allerdings als Belastung. Ljoscha fühlt sich gegängelt, schafft es aber nicht, sich gegen seinen Chef durchzusetzen. Am Ende trinkt er wieder und seine Frau flüchtet sich in die Religion.

Das Stück ist eine Gesellschaftsparabel, die vor drei Jahren in Moskau mit dem Theaterpreis Goldene Maske ausgezeichnet wurde. Heute darf es dort nicht mehr gespielt werden, weil der Autor Mikhail Durnenkov den Krieg gegen die Ukraine kritisiert hat.

Die Handlung wird von Russland nach Deutschland geholt

Die Regisseurin Catharina Fillers inszeniert es in Senftenberg wie eine Achterbahnfahrt.

Dumpfe schnelle Rhythmen treiben die Handlung voran. Man sieht wie sich Ljoscha und seine Familie abstrampeln, sie ziehen sich schrille Glitzerkostüme an, um jung und positiv zu wirken, aber am Ende scheitern sie doch. Durch den Spielort, das ehemalige Senftenberger Zechenhaus, wird die Handlung von Russland nach Deutschland geholt.

"Es geht darum, die Vergangenheit wieder heraufzubeschwören", erklärt Daniel Ris, der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg. "Und das Zechenhaus hat eine irre Vergangenheit." Dort haben sich früher die Bergarbeiter umgezogen, gewaschen und außerdem ihre Zeche, also Bezahlung erhalten. "Es gibt Leute, die heute zu unserem Publikum gehören, die haben da noch gearbeitet. Doch inzwischen ist der Bergbau untergegangen und die Tradition droht verloren zu gehen. Das Zechenhaus ist ein Stück verlorene Heimat." Die jetzt durch das Theater zurückerobert wird.

Tosender Applaus für "Über Menschen"

Die anderen Stücke des Senftenberger FestSpiels werden in einer Kirche und einer ehemaligen Turnhalle aufgeführt. Danach gibt es auf dem Hof des Senftenberger Theaters eine lange Pause mit Imbiss und Musik. Für die Zuschauer:innen eine Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Im zweiten Teil des FestSpiels sehen alle gemeinsam die Bühnenadaption des Romans "Über Menschen" von Juli Zeh: Die Geschichte von Dora, die während des Corona-Lockdowns aus der Großstadt in eine kleines brandenburgisches Dorf zieht. Sie kauft ein Haus mit einem großen verwilderten Garten. Doch die Idylle verfliegt, als sie bemerkt, dass ihr Nachbar ein Neonazi ist, und auch die anderen Dorfbewohner scheinen aus dem Klischee-Bilderbuch zu stammen – vorerst.

Nach und nach ergibt sich ein differenzierteres Bild, das auch die Inszenierung von Elina Finkel mit spielerischer Leichtigkeit vermittelt. Es wird geschickt zwischen Erzählen und direkten Dialogen hin und her gesprungen, Requisiten werden mit Kreide an die Wand gemalt und die verschiedenen Dorfbewohner-Typen werden von den Schauspielern derart treffend skizziert, dass es eine Freude ist. Am Ende tosender Applaus.

Senkrechtstart für das neue Leitungsteam

Das FestSpiel ist kleiner dimensioniert als die früheren GlückAuf-Feste. Es werden nur vier Premieren geboten, von denen man an einem Abend maximal zwei sehen kann. Doch die Stücke haben mit dem Leben der Menschen vor Ort zu tun. Für das neue Leitungsteam des Senftenberger Theaters ist das FestSpiel ein Senkrechtstart.

Oliver Kranz, rbbKultur

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