Kindheitsarchive Schaubühne Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Kindheitsarchive"

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Die französisch-vietnamesische Theatermacherin Caroline Nguyen ist dem Berliner Publikum vom FIND-Festival an der Schaubühne bekannt. Jetzt hat sie zum ersten Mal direkt an der Schaubühne inszeniert – ein Stück, das sie selbst geschrieben hat: "Kindheitsarchive". Es geht um Auslandsadoptionen, die – wie die Autorin findet – vor allem Schmerz verursachen – für alle Beteiligten.

Schaubühne: Kindheitsarchive © Gianmarco Bresadola
Bild: Gianmarco Bresadola

Das Stück ist einfach konstruiert. Geschichte folgt auf Geschichte. Jede arbeitet exemplarisch einen Aspekt des Themas ab. Mitunter sind die Dialoge so stark mit Hintergrundinformationen angereichert, dass sie unnatürlich wirken. Trotzdem nimmt die Inszenierung das Publikum von Anfang an gefangen. Sie ist psychologisch sehr dicht und berichtet über Schicksale, die wirklich ans Herz gehen.

Auslandsadoptionen als eine Art von Exil

Das Stück legt den Finger auf eine schmerzhafte Wunde. Adoptiveltern gehen davon aus, dass es den Kindern bei ihnen besser geht – schließlich können sie ihnen viel Liebe und materielle Sicherheit bieten. Den Bruch, den es für das Kind bedeutet, von einer Kultur in die andere zu wechseln, ziehen sie selten in Betracht. Die Gesetzgebung hingegen schon. Es gilt das Subsidiaritätsprinzip, das besagt, dass alles getan werden muss, damit das Kind in seiner natürlichen Umgebung bleiben kann. Nur wenn es im Herkunftsland wirklich niemanden gibt, der sich um das Kind kümmern kann, werden Adoptionen befürwortet.

Caroline Nguyen bezeichnet Auslandsadoptionen in Interviews als eine Art von Exil. Sie ist selbst als Tochter einer Vietnamesin in Frankreich aufgewachsen und obwohl sie kein Adoptivkind ist, fühlte sie sich unwohl – fernab von ihrer eigentlichen Kultur. Wäre sie adoptiert worden, kämen wahrscheinlich noch Schuldgefühle hinzu: Zeige ich meinen Adoptiveltern genügend Liebe und Respekt? Verrate ich mein Herkunftsland, wenn ich mich in meiner neuen Heimat anpasse? Habe ich ein Leben im Wohlstand verdient, auch wenn es meiner Herkunftsfamilie schlecht geht?

Über diese Fragen wird auch im Stück gesprochen.

Die Gefühle der Adoptivmutter scheinen nicht zu zählen

Wir blicken ins Büro einer Organisation, die Auslandsadoptionen organisiert. Die Wände sind hellblau gestrichen, die Möbel aus Buchenholz, am Rand gibt es eine kleine Spielecke. Die erste Klientin ist eine junge Frau auf, der mitgeteilt wird, ihr Antrag sei positiv beschieden worden. Sie könnte den siebenjährigen Son aus Vietnam adoptieren. Kurze Zeit später tauchen jedoch Zweifel auf. Die vietnamesischen Behörden glauben, dass die Mutter des Jungen noch leben könnte, und legen die Adoption auf Eis.

Die Gefühle der Adoptivmutter scheinen gar nicht zu zählen. Die junge Frau ist enttäuscht und wütend und schreit die Mitarbeiterinnen der Adoptionsvermittlung an. Diese weisen freundlich darauf hin, dass es vor allem ums Kindeswohl gehe, doch das verletzt die junge Frau umso mehr: Wie kann jemand annehmen, dass ein Kind, das in Vietnam in einem Heim leben muss, dort besser aufgehoben ist als bei ihr?!!

Alina Vimbai Strähler, Ruth Rosenfeld, Veronika Bachfischer
Bild: Gianmarco Bresadola

Eien facettenreiche und bewegende Inszenierung

In einer Szene kommt die junge Nina ins Büro der Adoptionsvermittlung und verlangt Auskunft über ihre leiblichen Eltern. Sie ist 18 und darf daher einen entsprechenden Antrag stellen. Doch ihre Adoptivmutter, die von Stefanie Eidt gespielt wird, versucht das zu verhindern. Sie tritt mit großer Arroganz auf, doch es ist zu spüren, dass sie damit nur ihre Verletzlichkeit verbergen will. Am Ende stimmt sie jedoch zu. Sie ist dabei, als Nina per Videocall mit ihrer Mutter spricht, die in Moskau lebt – und das ist ein wirklich hochemotionaler Moment. Die russische Mutter vergeht vor Scham, weil sie ihr Kind einst zur Adoption freigegeben hat, die deutsche Mutter kann das Gefühl verstehen und hat Mitleid, doch sie hat auch Angst ihr Adoptivkind zu verlieren. Und Nina steht ratlos in der Mitte.

Es ist eine Qualität der Inszenierung, dass sie diese verschiedenen Perspektiven in großer Klarheit sichtbar macht – auch die der Mitarbeiterinnen der Adoptionsstelle, die sich durchaus nicht immer einig sind. Das gesamte Ensemble spielt mit großer Intensität. Caroline Nguyen ist eine facettenreiche und bewegende Inszenierung gelungen.

Oliver Kranz, rbbKultur

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