Deutsches Theater: Angabe zur Person © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Angabe der Person" von Elfriede Jelinek

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Am Deutschen Theater gab es gestern die Uraufführung von Elfriede Jellineks "Angabe der Person". Inszeniert von Jossi Wieler, der schon sehr lange eng mit Jellinek zusammenarbeitet. Inhaltlich geht es um "die Lebenslaufbahn" Jellineks, ihre wechselhafte Biografie. Sie erzählt von ihren Eltern und Großeltern, vom jüdischen Teil ihrer Familie, von Vetreibung, Flucht und Verfolgung, von der Entschädigung der Täter, von alten und neuen Nazis. Jellinek schreibt in dem Text als "beschuldigte Klägerin, als Opfer und als Anwältin".

Deutsches Theater: Angabe zur Person © Arno Declair
Deutsches Theater: "Angabe zur Person" von Elfriede Jelinek | Regie: Jossi Wieler | Bild: Arno Declair

Elfriede Jelineks neustes Werk ist sowohl als gedrucktes Buch erschienen als auch soeben am Deutschen Theater uraufgeführt worden. Da die österreichische Literaturnobelpreisträgerin keine Dialogstücke schreibt, sondern Fließtexte, könnte man meinen, es wäre angenehmer, das Buch zu lesen, statt das Stück auf der Bühne anzuschauen. Doch man muss Jossi Wieler Recht geben, der im Interview mit dem TIP sagte: "Trotzdem fällt es mir bis heute schwer, ihre Texte zu lesen. Sie sind zum Hören gedacht, sie müssen gesprochen werden."

Die Texte sind eine Partitur, sie haben eine Melodie, einen besonderen Sound aus Wortspielen und Kalauern. Und da Wieler ein großer Opernregisseur ist, ist er oft auch ein guter Jelinek-Regisseur.

Ein Pamphlet über den deutschen Staat

Anlass für "Angabe der Person" war eine Steuerprüfung, die Elfriede Jelinek über sich ergehen lassen musste. Ein Problem mit ihren beiden Wohnsitzen in München und in Wien, ganz versteht sie es selbst nicht. Das Verfahren wurde eingestellt. Doch Jelinek war tief schockiert darüber, geradezu traumatisiert, dem deutschen Staat derart ausgeliefert zu sein und fremde Männer persönlichste Dinge abtransportieren zu sehen, inklusive ihrer Festplatte mit privatesten Korrespondenzen.

Das klingt nun nicht zwingend nach einem spannenden Thema fürs Theater oder die Literatur. Doch Jelinek zieht eine verwegene historische Parallele und schreibt ein Pamphlet über den deutschen Staat, der Jelineks jüdische Familie in der Nazi-Zeit zwar verfolgt, sie jedoch kaum entschädigt hat – anders als manche Familien der Täter. Dabei kommen Baldur von Schirach und sein Enkel, der Schriftsteller und Anwalt Ferdinand von Schirach ins Spiel, der hier viele Federn lassen muss.

Einer der persönlichsten Texte Jelineks

Dass der Autorin alles, was lose in ihren Archiven lagert, weggenommen werden kann, wird für sie zum Grund aufzuschreiben, was nicht vergessen werden darf. Vor allem Biografisches. Noch nie konnte man so vieles über ihre jüdische Familienseite lesen, ihre Onkel und Cousins, die vor den Nazis geflohen oder im KZ ermordet worden sind.

Es ist einer der persönlichsten Texte Jelineks – selbst ihr Ehemann Gottfried Hüngsberg kommt darin vor, der im September verstorben ist. Ein Text, der der Autorin in seinem Zorn, seinem Schmerz über die Toten sehr nah kommt. Und auch Jelineks Eitelkeit – ununterbrochen nimmt sie sich selbst auf die Schippe in ihrem Wahn, für die Opfer sprechen zu wollen.

Weg vom Brimborium, hin zur Sprache

Jossi Wieler inszeniert diese Textmassen sehr reduziert, musikalisch und einzig und allein auf die Sprache konzentriert. Nur die Andeutung eines Hauses dreht sich auf der Bühne, darin eine Toilette und ein überdimensionierter Wasserzähler, weil, so heißt es im Text, die Steuerfahnder sogar die Toilettenspülung auswerten, um zu schauen, wie oft das Haus bewohnt ist. An der Bühnenseite ein Klavier, das immer mal wieder von selbst zu spielen beginnt. Bernd Moss tüftelt mit Tonbändern am Schreibtisch und wirft als Jelineks Ehemann Stichworte ein.

Im Rampenlicht stehen jedoch Linn Reusse, Fritzi Haberlandt und Susanne Wolff. Jede dieser furiosen Schauspielerinnen hält einen 40-minütien Monolog an der Rampe ins Publikum. Frisur, Makeup, Kleidung erinnern an die Autorin selbst. Viel mehr passiert nicht. Doch das ist ungeheuer fesselnd.

Alle drei gewinnen sie ihrer Jelinek-Figur unterschiedliche Facetten ab. Linn Reusse spricht mit einer jugendlichen Koketterie, die ältere Susanne Wolff mit einem abgeklärten Sarkasmus – am erstaunlichsten ist jedoch Fritzi Haberlandt, die ihrer Jelinek-Sprache eine derart frische Ironie eingibt, dass ihr Auftritt wirkt wie ein tiefschwarzes, sprachgeniales, sehr persönliches Kalauer-Kabarett. Es bleibt einem beim Zuhören der Mund offen stehen. Zweieinhalb Stunden ohne Pause, nur Monologe an der Rampe – und trotzdem sprüht der Abend vor Wut und Galle und Sprachmusik.

Deutsches Theater: Angabe der Person © Arno Declair
Deutsches Theater: "Angabe der Person" von Elfriede Jelinek | Regie: Jossi Wieler | Bild: Arno Declair

Genial und bewegend

Jossi Wielers Inszenierung wirkt karg, ist jedoch eine klare, konsequente Entscheidung weg vom Brimborium, hin zur Sprache. Am Ende kommen die Sprachspuren nur noch vom Band, überlagern sich, die Spielerinnen verschwinden, bis schließlich nur das Regiebuch bleibt, das Bernd Moss vom Pult der Souffleuse aufgreift und vorliest. Eine kleine Hommage an den verstorbenen Gottfried Hüngsberg. Ein tieftrauriger Abschiedsgruß.

Man kann nicht wissen, ob es stimmt, was die Autorin kürzlich angekündigt hat: keine Stücke mehr schreiben zu wollen. Dieser Abend wirkt jedenfalls wie ihr großes, eindrückliches Alterswerk – und auch ein bisschen wie der Abschied einer Ausnahme-Autorin von der Bühne. Wenn dem so wäre: es wäre ein genialer und bewegender.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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