Volksbühne: "Und jetzt?" von René Pollesch © Apollonia T. Bitzan
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Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Und jetzt?" von René Pollesch

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Der Dramaturg und Regisseur René Pollesch war ein Garant für Erfolg für die Berliner Volksbühne - an der kleinen Spielstätte Prater, die Pollesch leitete, aber auch an der großen Bühne. Seit dem vergangenen Jahr ist Pollesch Intendant der Volksbühne und meldet sich in der neuen Spielzeit mit dem Stück "Und jetzt?" über das Petrolchemische Kombinat Schwedt zurück.

Volksbühne: "Und jetzt?" von René Pollesch © Apollonia T. Bitzan
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Seit man Frank Castorf sein Lieblingsspielzeug weggenommen hat, kommt die Berliner Volksbühne nicht zur Ruhe. Nachfolger Chris Dercon verzettelte sich mit kuriosen Ideen. Interimsintendant Klaus Dörr musste nach Sexismus-Vorwürfen seinen Stuhl räumen. Die Rückkehr von René Pollesch, dem verlorenen, zum Heiland verklärten Sohn, sollte die Rettung bringen. Doch bisher ist alles nur Stückwerk, Spielplan und Inszenierungen nur matter Abglanz früherer Erfolge. Pollesch wirkt lustlos und ausgelaugt.

"Und jetzt?" heißt seine neue Text- und Regiearbeit, die der Volksbühne neues Leben einhauchen könnte.

Tiefer Griff in die Theater-Mottenkiste

Doch um den anderthalbstündigen Schabernack als selbstkritische Befragung oder als mutigen Ruck zu verstehen, den seit Monaten in seichtem Wasser dahin dümpelnden Theater-Panzerkreuzer in stürmische See zu lotsen und die Volksbühnen wieder zu einer ersten Adresse für Theaterinnovationen und Bühnenprovokationen zu machen, muss ziemlich um die Ecke denken können und historisch sattelfest sein.

Pollesch greift tief in die Theater-Mottenkiste und geht in die Jahre 1968/69 zurück, als die DDR noch an den realen Sozialismus glaubte, die Kunst dem Volk dienen sollte. Damals inszenierte Benno Besson mit dem Arbeitertheater der Erdölwerke in Schwedt ein Stück von Gerhard Winterlich: "Horizonte", das auf dem "Sommernachtstraum" von Shakespeares basierte. Besson überführte später "Horizonte" an die Berliner Volksbühne. Mit dabei waren Stars wie Angelica Domröse, Eberhard Esche und Ursula Karusseit. Pollesch reanimiert nun diesen vergessenen Versuch, das Arbeitertheater aus der Provinz ins Berufstheater der Hauptstadt zu überführen: Warum er das macht und welche Lehren er für heute - Stichwort "Und jetzt?" - daraus zieht, bleibt aber die unbeantwortete Frage des Abends.

Déjà-vu-Erlebnis

Wieder wird es ein Text-Labyrinth, in dem Schauspieler nach Lust und Laune herumirren können, eine Collage aus Literaturfundstücke. Wer einen Blick auf das Kleingedruckte des Programmzettels wirft, wird Hinweise auf Brecht finden und auf Bücher, die vom Katastrophenprinzip handeln, von Kybernetik und dem Theater als Kampf und Kollektiv.

Auf der Bühne ereignet sich eine Theaterschlacht aus Sozialismus-Persiflage und Agitprop-Groteske, durchmischt mit Zeitgeist-Satire und Kanzler-Klamauk, alles geschieht mit Wumms und Doppel-Wumms, nichts wird ernst genommen, alles kurz und klein gehäckselt und durch den Theaterfleischwolf gedreht. Winterlichs "Horozonte" wird herbeigeredet und Shakespeare "Sommernachtstraum" geprobt, die Rolle des Zufalls diskutiert und der Kosmos als Folge von Katastrophen gedeutet. Das ist hanebüchen komisch, aber auch unendlich harmlos, ein Déjà-vu-Erlebnis: alles war schon bei Pollasch-Abenden zu erleben, nur früher viel spannender und provokanter.

Volksbühne: "Und jetzt?" von René Pollesch © Apollonia T. Bitzan
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Ein heiterer, grellbunter Kindergeburtstag

Es gibt ein freudiges Wiedersehen mit zwei Helden der großen Volksbühnen-Ära, Martin Wuttke und Milan Peschel. sie spielen in der Weltklasse-Liga der traurigen Clowns, kauzigen Wortverdreher und aberwitzigen Grimassenschneider, krakeelen und quasseln sich um Kopf und Kragen, machen hinreißend alberne Kunstpausen und verhaspeln sich lustvoll in Stotter-Arien. Manchmal wissen sie selbst nicht, wer und wo sie gerade sind in ihren scheußlichen Arbeiteroveralls und ausgeleierten, blumigen Hippie-Shirts. Sie irrlichtern durch die Zeiten und absolvieren endlose Slapsticknummern, lassen sich, immer wenn Shakespeare "Macbeth" erwähnt wird, vom Blitz der Erkenntnis erschlagen und sinken elektrisiert und zitternd zu Boden.

Regen prasselt, Schirme gehen in Flammen auf, Textbrocken verlieren sich im Lärm der eingespielten Schlager- und Diskomusik: ein heiterer, grellbunter Kindergeburtstag. Da kann man schon mal den Anschluss verpassen und braucht dringend die Hilfe der Souffleuse, die mit dem Textbuch und einem feinen Grinsen immer zur Stelle ist, das turbulente Tohuwabohu und den überdrehten Theater-Schabernack umsichtig beäugt und den gestreßten Mimen gern aus der Patsche hilft.

Innovation: Fehlanzeige - doch das Publikum amüsierte sich wie Bolle

Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die in der Castorf-Ära für die bizarren Liederabende von Christoph Marthaler rätselhafte Bühnen-Bunker gebaut hat, erschafft diesmal das genaue Gegenteil: ein karger, offener Raum, eine Referenz an das Brecht-Theater. Holzlatten, Baumstämme, ein kleines Podest für eine Wandertruppe steht achtlos herum. Plastikstühle und abgenutzte Tische: da kann man mal Pause machen und eine Zigarette rauchen, bevor es wieder ins Getümmel geht und man Pollesch-Sätze absondern muss wie: "Der Moment deiner Erscheinung ist die absolute Bedeutungslosigkeit", oder: "Die Sinnlosigkeit, mit der wir hier alles bereden, das ist so erleichternd."

Ja, dieser Abend ist ziemlich sinnlos, verrückt und eine Erleichterung. Ob jetzt alles wieder gut wird an der Volksbühne? Zweifel sind angebracht. Innovation: Fehlanzeige. Statt Aufbruch in die Zukunft volle Kraft zurück in die Vergangenheit. Das Publikum aber fand es toll, amüsierte sich wie Bolle und applaudierte kräftig. Man ist ja so bescheiden geworden.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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