Volksbühne: "Drama" von Constanza Macras © Thomas Aurin
Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin Download (mp3, 7 MB)

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - Constanza Macras: "Drama"

Bewertung:

Ganz viel Drama hat die Berliner Choreografin Constanza Macras für ihr neues Stück "Drama" versprochen, einen Kosmos der großen Gefühle und der Illusionen. Gestern war Uraufführung in der Berliner Volksbühne.

Volksbühne: "Drama" von Constanza Macras © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Und tatsächlich gibt es so viel Drama, dass man den Überblick verlieren kann. Constanza Macras hüpft mit Anleihen beim Varieté leichtfüßig-munter durch die Theater- und Popkultur-Geschichte - von der griechischen Antike bis in die Gegenwart, mit Abstechern bei Shakespeare und Kino-Musical-Tanzfilmen und Telenovelas und argentinischen Theater-Revuen der 60er und 70er Jahre.

Munteres Hüpfen durch Theatergeschichte und Popkultur

Diese typische Macras-Mixtur ist mal wieder atemberaubend und diesmal auch toxisch, denn sie kritisiert zugleich, was sie an Show-Elementen aufbietet. Die Katze beißt sich in den Schwanz – auf allerdings unterhaltsame Weise. Denn Macras hat diesmal konsequent auf Revue-Charakter gesetzt, auf dutzende kürzere und manchmal längere aneinandergereihte Show-Nummern. Gib den Zuschauern Zucker, bis ihnen schlecht wird, könnte das Motto sein.

Aufmerksamkeitsspanne in der digitalen Welt

Dass die Aufmerksamkeitsspanne von Zuschauern in der digitalen Welt abgenommen habe, hat Macras schon vorab als ein Thema dieses Stücks beschrieben. Und diesen Effekt - ob es ihn gibt oder nicht - bedient sie mit gnadenlos düsterer Heiterkeit.

Volksbühne: "Drama" von Constanza Macras © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Shakespeare und Familiendramen – ein Komödiantenstadel

Gleich zu Beginn zitieren die Performerinnen und Performer, die sich wie zuckende Gliederpuppen bewegen, etliche Shakespeare-Stücke: Hamlet, Macbeth, Romeo und Julia, Richard 3. In kurzen Szenensplittern werden Messer gezückt, Totenköpfe hervorgeholt, Küsse geraubt und Gifttränke geschluckt. Es wird blitzschnell gestorben und wieder auferstanden – das Shakespeare-Drama wird zum Komödiantenstadel.

So auch, wenn die Performer steif wie Playmobil-Figuren Familien-Situationen spielen: Mutter und Vater im Ehekrach, der Sohn verhätschelter Liebling. Oder eine Mutter-Tochter-Szene, in der Mama sexieer sein will, heiße Fotos von sich über Dating-Apps verschickt und ihre Tochter mit Highheels absticht, nachdem diese sie mit Säure übergossen hat. Die Familie, der klassische Ort des Theater-Dramas, auch hier persifliert und voller Genuss, in aller Komik ausgespielt.

Das Theater von heute muss Show-Werte haben, um gegen die digitale Welt zu bestehen – könnte man das bittere Fazit dieser Szenen beschreiben.

Telenovela-Stories und argentinische Theater-Revuen

Ähnlich etwa wie bei den Telenovela-Stories, die Macras hier in giftig böser Satire zitiert. Es gibt Liebe, Fremdgehen, Trennung, Sex, Drogen und Mord - wie diese TV-Soaps nun mal funktionieren.

Oder ähnlich wie bei den argentinischen Theater-Revuen der 60er und 70er Jahre. Von diesen berichten die Performer in Tagebuch- und Interview-ähnlichen Texten. Das Leben und Leiden der Stars – drei Shows pro Abend trotz Krankheit und unter Schmerzmitteln.

Glamour-Unterhaltungsshow auf Showtreppe

Hier feiert Constanza Macras ungeniert die große Glamour-Unterhaltungsshow, lässt die Performer, Frauen wie Männer, in knappen Höschen, mit Perlenröckchen, mit viel Glitzer und Federbusch-Schmuckkronen die Showtreppe rauf und runter tänzeln, wie es nur das Fernsehballett besser könnte. Bei diesen Szenen stellt sich dann doch etwas Übersättigung ein, ein Zuckerschock sozusagen. Erst recht, wenn dann noch berühmte Kino-Tanzfilme wie "Fame" zitiert werden - mit dem Showtanz aus "Fame" und live gesungen -, dazu kommt sogar ein Chor auf die Bühne.

Popkultur als Massenkultur

Auch die Popindustrie bekommt dann noch ihr Fett weg. Dazu werden pathetisch Popsongs geschmettert – einige der neuen Macras-Performer können hervorragend singen, etwa den Amy McDonald Song "This is the Life". In einem grandiosen Zusammenschnitt sind auf einer Leinwand dutzende Videos zu sehen, wie Amateure und Profis diesen Song nachsingen. Popkultur als Massenkultur, die individuelle Gefühle und Erfahrungen verdrängt.

Volksbühne: "Drama" von Constanza Macras © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Immer ein doppeltes Spiel

In "Drama" gibt es immer ein doppeltes Spiel: Macras inszeniert eine frivole Unterhaltungsshow und macht sich darüber lustig und kritisiert die marktkapitalistischen Mechanismen, das Heteronormative und Patriarchale, die Zurichtung auf universellen Massengeschmack. Und passend zu unserer Zeit kritisiert sie auch Political Correctness im Theater: Heute würden ja alle People of Color sein wollen und sich mit People of Color solidarisch erklären. Denn es sei ja besser, Opfer zu sein als Täter. Eine scharfe Analyse, auf die allerdings gleich die nächste Popsong-Einlage folgt.

Trotz der Überlänge, der Übersättigung mit viel zu viel Glitzer-Glamour, trotz der Leerlauf-Momente, der Albernheiten und mitunter auch banalen Witzeleien funktioniert diese Unterhaltungs-Revue-Show, die die Kritik daran gleich mitliefert, prächtig. Das Publikum hat durchaus nachvollziehbar gejubelt.

Frank Schmid, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Gorki Theater: Bühnenbeschimpfung © Ute Langkafel MAIFOTO
Ute Langkafel MAIFOTO

Maxim Gorki Theater - "Bühnenbeschimpfung"

In ihrem neuen Stück beschäftigt Autorin Sivan Ben Yishai sich auf radikale Weise mit dem Theater an sich und stellt Fragen über Macht, Gehorsam und Widerstand. Teil der Aufführung ist ein vielstimmiger Chor, der die die Ansichten von Masha Gessen oder Michel Foucault, sowie vielen weiteren Autor*innen darstellt.

Download (mp3, 6 MB)
Bewertung:
Deutsches Theater: Angabe zur Person © Arno Declair
Arno Declair

Deutsches Theater - "Angabe der Person" von Elfriede Jelinek

Am Deutschen Theater gab es gestern die Uraufführung von Elfriede Jellineks "Angabe der Person". Inszeniert von Jossi Wieler, der schon sehr lange eng mit Jellinek zusammenarbeitet. Inhaltlich geht es um "die Lebenslaufbahn" Jellineks, ihre wechselhafte Biografie. Sie erzählt von ihren Eltern und Großeltern, vom jüdischen Teil ihrer Familie, von Vetreibung, Flucht und Verfolgung, von der Entschädigung der Täter, von alten und neuen Nazis. Jellinek schreibt in dem Text als "beschuldigte Klägerin, als Opfer und als Anwältin".

Download (mp3, 7 MB)
Bewertung:
Schaubühne: Nachtland © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola

Schaubühne am Lehniner Platz - "Nachtland" von Marius von Mayenburg

Ein Aquarell in Sepia und Braun, unterzeichnet mit A. Hiller – oder steht die schwer zu entziffernde Signatur eigentlich für Adolf Hitler? Das Kunstwerk, gefunden auf dem Dachboden von Nicolas und Philipps verstorbenem Vater, entfacht eine moralische Debatte über den Umgang mit einer nicht geahnten Nazivergangenheit der Familie. Die Nachforschungen lassen einen Streit hochkochen, der den Graben zwischen den Geschwistern immer tiefer werden lässt. Eine Provenienzforschung, die zur bitterbösen Komödie über das schwere Erbe der deutschen Geschichte wird.

Download (mp3, 8 MB)
Bewertung: