Warten auf Godot © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk Download (mp3, 6 MB)

Hans Otto Theater - "Warten auf Godot" von Samuel Beckett

Bewertung:

Irgendwie ist es dann doch fast eine Beckettsche Pointe: Die Kritikerin steckt wegen eines Polizeieinsatzes auf freier Strecke in der S-Bahn fest und kann das Warten kaum aushalten, möchte sie doch mit den Menschen im Theater auf Godot warten. Und als sie dann 40 Minuten zu spät, die alles oder auch nichts bedeuten können, just in dem Moment ins Theater trampelt, als auf der Bühne absolute Stille herrscht, packen die ersten Zuschauer:innen schon ihre Sachen ...

Die Einen haben genug gewartet, die anderen an der falschen Stelle, die Dritten... wer weiß es schon.

Das Warten auf der Bühne sieht traurig aus. Obwohl Gogo und Didi mit weißer Farbe im Gesicht zu Clowns geschminkt sind, hängen ihre grauen Bärte trist herab. Henning Strübbe als Gogo trägt freien Oberkörper und sieht ganz schmal und halb erfroren aus. Und das mitten im Schnee, der in kleinen Häufchen auf dem Boden liegt. Seine Stimme ist kurz vor dem Verlöschen: "Hilf mir dran zu denken, dass ich morgen einen Strick mitbringe."

Warten auf Godot – das ist eine Lebensaufgabe

Jon-Kaare Koppe als Didi ist da beherzter. Optimistischer. Er glaubt, dass Godot kommen wird. Warten auf Godot – das ist eine Lebensaufgabe: "Was machen wir hier? Das muss man sich fragen. In dieser ungeheuren Verwirrtheit haben wir das Glück es zu wissen. Wir warten darauf, dass Godot kommt. Wir sind keine Heiligen, aber wir sind da. Wie viele Leute können das von sich behaupten?"

Pozzo und Lucky jedenfalls nicht. Dieses Gegensatzpaar zu den Clowns macht sich keine Gedanken über einen Godot oder einen anderen Existenzsinn. Es beschäftigt sich damit, Herr und Sklave zu spielen. René Schwittay gibt den dicken Pozzo als verblassten Las Vegas-Kapitalisten ganz in weiß, mit Pelzmantel und Cowboyhut. Paul Wilms als nackter Lucky dagegen wirkt mit seiner Zottelmähne und dem dichten Bart wie ein Jesus-Märtyrer mit Nietzsche-Irrsinnsblick. Als menschliches Zirkuspferd vertreibt Lucky nicht nur den Clowns die elende Wartezeit, sondern auch dem Publikum. "Tanze, zu Schwein!", befiehlt Pozzo. Und dann macht Lucky ein paar unmotiviert ausdruckstänzerische Bewegungen, wie Beckett sich das gewünscht hätte. Bevor Lucky in seinem zweiten Auftritt gegen den Kaktus pinkelt.

Das Bühnenbild versucht auf die hippe und lustige Tour mit dem Publikum zu sprechen

Genau, ein Kaktus. Das Bühnenbild versucht nämlich auf die hippe und lustige Tour mit dem Publikum zu sprechen. Statt des halbtoten Baumgerippes, das Beckett sich für sein Stück gewünscht hat, inspiriert von Caspar David Friedrich, steht hier ein Baumstamm so massiv und unverrückbar wie eine Walze. Und daneben: der Kaktus. Daran ein Zettel: "Nimm dir einen Spiegel und schau dir deine Vulva an."

Aha. Vielleicht will das absurdes Theater sein – ziemlich genial wäre das, wenn Didi und Gogo tatsächlich eine Vulva unter ihren zu weiten Hosen präsentieren würden. Aber so ist es nicht. Und wir schweifen ab.

Hans Otto Theater: Warten auf Godot © Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Ein langes Warten

Auf der anderen Bühnenseite der Depri-Satz: "Nothing Moves Me Anymore" – nichts bewegt mich mehr. Vermutlich: weder im Innern, noch weg von diesem Ort. Darüber hängt eine gigantische Kartoffel, wohl ein Apokalypse-Meteorit kurz vor dem Einschlag auf die Erde.

Fanny Brunners Inszenierung bemüht sich also gleichzeitig um Lustigkeit und Tiefsinn und manche Szenen gelingen hier wirklich schön tiefschwarz. Die meiste Zeit aber changieren Didi und Gogo zu sehr zwischen Witzigkeit und Rührseligkeit, ohne, dass es existenziell würde oder sie uns hier und heute näher angingen. Da wird das Warten lang - selbst mit 40 Minuten Abkürzung. Es ist eben eine hohe Kunst, Langeweile auf der Bühne darzustellen, ohne zu langweilen. Man könnte auch sagen: ein Beckettsches Paradox.

Barbara Behrendt, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Schlosspark Theater: The Addams Family © DERDEHMEL/Urbschat
DERDEHMEL/Urbschat

Seefestival Wustrau - "The Addams Family"

Erfunden wurde die exzentrische "Addams Family" in den 30er Jahren von Cartoonzeichner Charles Addams für das Magazin "The New Yorker". Seitdem hat sie viele Wandlungen durchlaufen: als Realfilm und Animation, in Serie und als Spielfilm-Trilogie - und seit 2009 auch als Broadway Musical. Gesine und Marten Sand brachten das Musical - oder besser "Grusical" - als Regisseur und Choreografin in Berlin auf die Bühne des Schlosspark Theaters. Ab morgen ist das Stück beim Seefestival in Wustrau zu sehen.

Download (mp3, 8 MB)
Bewertung:
Schlosspark Theater: The Addams Family © DERDEHMEL/Urbschat
DERDEHMEL/Urbschat

Schlosspark Theater - "The Addams Family"

Erfunden wurde die exzentrische "Addams Family" in den 30er Jahren von Cartoonzeichner Charles Addams für das Magazin "The New Yorker". Seitdem hat sie viele Wandlungen durchlaufen: als Realfilm und Animation, in Serie und als Spielfilm-Trilogie - und seit 2009 auch als Broadway Musical. Gesine und Marten Sand bringen dieses Musical - oder besser "Grusical" - als Regisseur und Choreografin jetzt in Berlin auf die Bühne.

Download (mp3, 8 MB)
Bewertung:
Szene aus "MÄRCHEN IM GRAND-HOTEL" am Staatstheater Cottbus
Bernd Schönberger

Staatstheater Cottbus - "Märchen im Grand-Hotel"

Am Staatstheater Cottbus ist ganz schön viel Betrieb! Kaum hat Intendant Stephan Märki verkündet, er wolle seinen 2025 auslaufenden Vertrag aus Altersgründen nicht verlängern, sondern lieber das von ihm wieder auf Kurs gebrachte Haus einem jüngeren Kollegen übergeben und für einen geordneten Übergang sorgen, stand am Wochenende auch schon wieder die nächste Premiere auf dem Spielpan: "Märchen im Grand-Hotel", eine "Lustspiel-Operette" von Paul Abraham.

Download (mp3, 10 MB)
Bewertung: