Hans Otto Theater: "Wie es euch gefällt" © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater - "Wie es euch gefällt" von William Shakespeare

Bewertung:

Das Hans Otto Theater hat Shakespeares rasante Verwechslungskomödie als Spektakel auf der Sommerbühne am Tiefen See inszeniert. Frank Dietschreit war bei der Premiere.

Der Sommer ist endlich da und alles drängt nach draußen. Auch die Kultur. Das Potsdamer Hans Otto Theater hat am Tiefen See eine Sommerbühne aufgebaut und eröffnet die Open-Air-Saison mit einem Komödien-Klassiker von Shakespeares: "Wie es euch gefällt", in einer Textfassung von Marc Becker, der auch die Regie des Stückes übernommen hat, in dem es eine Gruppe von Geflüchteten und Vertriebenen in den Wald von Arden verschlagen hat, der zu einem Ort der Eheanbahnung wird und vier Liebespaaren das Glück bringt.

Der Zauberwald als ungeordnetes Mikado

Der Wald von Arden wird zu einem eher abstrakten Gebilde aus Sperrholzplatten und Holzlatten: Hier gibt es keine Blätter und kein Buschwerk, das einen schützen könnte vor den Nachstellungen der politischen Feinde und der bösen Verwandtschaft. Alles liegt offen zutage, jeder kann sehen, was geschieht und wie es passiert, die Geheimnisse des Theaters, sagt die Inszenierung augenzwinkernd, basieren nur auf Fantasie und einigen Zaubertricks, mit denen man die Wahrnehmung der Zuschauer nach Lust und Laune steuern kann. Die Welt ist eine Bühne, auf der Schauspieler Schauspieler spielen, die Schauspieler spielen.

Der Zufluchtsort und Zauberwald der Liebenden, Vertriebenen und Geflüchteten ist eine windschiefe Bastelei: ein paar Holzstämme wie ein ungeordnetes Mikado, ein stilles Örtchen aus groben Holzlatten. Auch wenn den ökologisch korrekten Waldmenschen, die keinesfalls die Natur verschandeln wollen, irgendwann das Klopapier ausgeht, so hat die mit einem niedlichen Herzchen versehene Hütte als Ort flüchtiger erotischer Zusammenkünfte und zwielichtiger politischer Absprachen doch eine wichtige Aufgabe.

In Schaffellen wird um die Liebe gerungen

Marc Becker verlegt er die alte Komödie in eine zeitloses Ungefähr, singt der Schönheit der Sprache eine Hymne und streckt dem flachen Zeitgeist die Zunge aus. Er webt in den alten Text immer wieder neue Sprachfloskeln ein, macht sich über die Floskeln des Modegeplappers lustig, benutzt das Zeitgeistgequassel, um uns die Verbohrtheit und Verdummung einiger Figuren vor Augen zu führen.

Aber wenn es um die große Liebe geht, bleibt er lieber eng bei Shakespeare. Becker weiß, dass Shakespeares Komödie auf einem damals sehr beliebten "Schäfer"-Roman basiert: Weil das Schäferpaar Silvius und Phoebe verzweifelt um die Liebe ringt, steckt er alle Darsteller immer mal wieder in Schaffelle und lässt sie laut meckern und "mähen".

Der Oberhirte sieht mit langen Gewändern, zotteligem Bart und mildem Blick aus wie ein Jesus-Doppelgänger, der seine Schafe friedlich weidet und auf den rechten Pfad der Tugend führt: Es ist Musiker Johannes Winde, der den Schauspielern die Flötentöne beibringt und mit ihnen alte Schlager sing: "Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zu anderen". Das Volkslied "Froh zu sein, bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König" lässt er mit den Zuschauern im Kanon singen: klingt schön-schräg.

Gern kommentiert er das Geschehen keck auf der Posaune und animiert seine Waldbewohner zu Solo-Nummern: Da tut sich vor allem Philipp Mauritz hervor, der als Hofnarr Touchstone nicht nur darstellerisch grandios-komisch ist, sondern auf der Ukulele und mit der Blockflöte auch ein besonderes musikalisches Talent hat. Das ist alles nicht immer zielführend und inhaltlich auch manchmal ziemlich hinrissig, aber es macht allen Beteiligten viel Spaß: Das Publikum jedenfalls amüsiert sich köstlich.

Shakespeare erhält einen Cameo-Auftritt

Ein bisschen schraubt Becker auch am Shakespeare-Personal, aber das macht nichts, es dient dazu, das Tempo zu steigern und die Verwirrung darum, wer eigentlich wer ist, noch bizarrer und witziger zu gestalten: Aus Herzog Friedrich, der seinen älteren Bruder Herzog Senior entmachtet und in den Wald verbannt, wird eine Figur mit doppeltem Gesicht: Herzogin Frida und Herzogin Ann, wunder-wandelbar gespielt von Kristin Muthwill, sie braucht nur ihren Mantel von einer zur anderen Seite wenden und ihre Mimik von einer fies-intriganten Grimasse auf ein verständnisvoll-schüchternes Lächeln umstellen: schon ist sie eine andere.

Auch Guido Lambrecht, Bettina Riebesel und Paul Sees schlüpfen in mehreren Rollen und Kostüme, einmal flaniert – nach dem Motto: "Was ihr wollt" – Shakespeare persönlich durchs Getümmel, weiß nicht, wie er in dieses Kuddelmuddel geraten ist und verschwindet schnell wieder.

Jörg Dathe ist als Spät-Punk verkleidet und verbreitet als Jaques melancholischen Weltschmerz. Mascha Schneider ist eine selbstlose Celia, die mit allen Mitteln versucht, den zaudernden Orlando, herrlich naiv verkörpert von Arne Lenk, mit ihrer besten Freundin, Rosalinde, zu verkuppeln. Charlott Lehmann ist diese Rosalinde, das Mädchen, das einen Jungen spielt, der ein Mädchen spielt: wie frisch und frech, leicht und schwebend sie das macht, obwohl nach einem Unfall kurz vor der Premiere mit einem Gipsarm gehandicapt, das ist wirklich zum Niederknien.

Mangelnde Vielschichtigkeit trotz amüsantem Treiben

Auf den ersten Blick ist das alles überzeugend und unterhaltsam. Wenn man aber genauer hinschaut, fehlt die gedankliche Tiefe, die moralische Doppelbödigkeit, der böse Abgrund, der bei Shakespeare immer, auch in seinen Komödien, unterschwellig lauert.

Nach zweieinhalb Stunden geht der Inszenierung die Puste aus, alle Witze sind gemacht, schnell noch werden die vier Paare vermählt und ein Hoch auf das Theater gesungen - dabei geht völlig unter, dass Herzog Friedrich (jetzt: Herzogin Frida) von einem religiösen Eiferer zu einem besseren Menschen bekehrt wurde und Herzog Senior (jetzt: Herzogin Ann) an die Macht zurückkehren darf, das Exil und das ökologisch tugendhafte Waldleben beendet ist, das Gehölz seinen Zauber und seine Funktion verloren hat und – wer weiß? – vielleicht bald abgeholzt wird. Könnte man als Regisseur mal drüber nachdenken, muss man aber nicht.

Die Zuschauer aber sollten dringend daran denken, sich warm anzuziehen und eine Decke mitzunehmen. Auch nach einem sommerlichen Tag weht am Abend vom Tiefen See ein sehr kalter Wind, der einem ganz schön zusetzen kann.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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