Staatsballett Berlin: Bovary; © Serghei Gherciu
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Staatsballett Berlin - "Bovary" - Tanzstück nach Gustave Flaubert

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Einen Roman der Weltliteratur hat Christian Spuck, der neue Intendant des Berliner Staatsballetts, für seine erste Uraufführung mit dem Staatsballett gewählt: "Madame Bovary" von Gustave Flaubert. Mitte des 19. Jahrhunderts ein Skandal in Frankreich, immerhin erzählt Flaubert von einer jungen Frau, die sich nach Freiheit sehnt und vom Scheitern einer bürgerlichen Ehe, erzählt von den Seitensprüngen der Emma Bovary und ihrem Suizid.

Dieser Handlung folgt Christian Spuck in seiner Choreografie überraschend deutlich. Von Emmas Hochzeit mit Charles, von ihrer Langeweile in der Provinz und in der Ehe, von ihren Fluchtversuchen in Kaufrausch und in den Seitensprüngen mit dem Studenten Leon und dem Gutsherren Rodolphe bis hin zu ihrem Selbstmord, überschuldet und von den Liebhabern zurückgewiesen – Spuck folgt der Handlung, ohne eigene Interpretation. Insofern ist sein Stück ein recht konventionelles Handlungsballett, konzentriert auf die Figur der Emma, alle anderen Figuren dienen der Ausleuchtung ihrer Psyche, ihres Zutreibens auf den Abgrund.

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Emma Bovary – Selbsttäuschungen in Wunschträumen

Auch bei seiner Interpretation der Emma-Figur folgt Spuck den üblichen Konventionen. Auch seine Emma ist eine junge Frau, die das Leben und die Liebe mit ihren Groschenromanen verwechselt, die in einer Wunschtraumwelt lebt, die sich nach überwältigenden Leidenschaften und berauschender romantischer Liebe sehnt und an diesen Sehnsüchten zugrunde geht. "Bovarysme" heißt das in der französischen Literatur: die Enttäuschung der zu hohen Erwartungen führt in Eskapismus. Sogar in die Psychologie hat Flaubert Eingang gefunden: "Bovarismus" beschreibt eine soziale Verhaltensstörung, eine chronische emotionale Unzufriedenheit, die aus überhöhten Idealen, v.a. Liebesidealen entsteht. Beziehungen auf Augenhöhe, ohne obsessive Anteile von Vergötterung des Partners oder der Partnerin, ohne Abstürze in Melancholie sind nicht möglich.

Genauso hat auch Christian Spuck seine tiefenpsychologische Interpretation der Emma Bovary angelegt. So kann man der Handlung gut folgen, auch wenn man den Roman nicht kennt, zumal auch Textauszüge vom Band vorgetragen werden, aber einen neuen Interpretationsansatz erwartet man vergeblich.

Bühne, Kostüme und Musik des 19. Jahrhunders

Angesiedelt hat Spuck seine Roman-Ausleuchtung im 19. Jahrhundert. Das Einheitsbühnenbild ist ein verwitterter, alter Saal, wurmstichig, leicht schimmlig. Die Kostüme von Emma Ryott, die schon seit 20 Jahren mit Spuck zusammenarbeitet, sind der Zeit entsprechend, mal kleinbürgerlich, mal adelig mondän, alles sehr erlesen und geschmackvoll. Die gesamte Inszenierung ist von einer kultivierten Noblesse geprägt. Eine hervorragende Idee ist es, die Musik von Camille Saint-Saëns einzusetzen - besonders dessen Klavierkonzerte. Die musikalischen Dramen passen perfekt zur Handlung, wie Spuck sie erzählt.

Aparte, aber wenig innovative Tanzsprache

Christian Spucks Tanzsprache wirkt apart und elegant und auf den ersten Blick auch den dramatischen Ereignissen entsprechend. Allerdings erweist er sich auch hier, wie schon bei "Messa da Requiem", seinem ersten Stück in Berlin, das er im Frühjahr als Berlin-Premiere mit dem Staatsballett gezeigt hat, als wenig innovativer und wenig abwechslungsreicher Tanzerfinder. Dehnen, Strecken, Wirbeln, Drehen – v.a. Drehen – in zahllosen Wiederholungen, viele Umarmungen, viele Küsse. Das ist auf Dauer eintönig, zumal Spuck allein mit dem Tanz, allein in der Bewegung selten tiefgründig erzählen kann, weder die Geschichte noch die Emotionen.

Immenser szenischer Aufwand

Dazu braucht er wie bei "Messa da Requiem" einen immensen szenischen Aufwand: Massenchoreografien, die wie Revuetänze wirken, Tänzerinnen und Tänzer, die wie Imaginationen von Emmas Melancholie daherkommen, Videos, auf denen Bauernhöfe, Hochzeiten und Kussszenen aus alten Filmen zu sehen sind, eine Livebild-Kamera, immer nah am Gesicht der leidenden Emma.

Nur im zweiten Teil des Abends, im kurzen Liebesglück von Emma und Leon, das mit ihrem Verlassenheitsschmerz endet und v.a. in der sehr langen Schlussszene, der Sterbeszene, dem Höhepunkt des Stückes, findet Spuck den adäquaten tänzerischen Ausdruck für die Liebesleidenschaften und das Sterbedrama, das er zugleich kühl und ohne jede Glorifizierung inszeniert.

Staatsballett Berlin: Bovary; © Serghei Gherciu
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Solistinnen und Solisten vor allem darstellerisch gefordert

Die Tänzerinnen und Tänzer, die Solisten sind v.a. darstellerisch gefordert. Weronika Frodyma ist als Emma exzellent, zeigt keine Figur, mit der man mitleidet und mitfiebert, dafür ist sie zu egozentrisch, aber dieses Emma-Porträt ist Spucks Interpretation gemäß punktgenau. Alexei Orlenco, auch schon seit Jahren beim Staatsballett, muss als Ehemann Charles den treudoof Liebenden, den spießigen Bürger geben. Alexandre Cagnat ist als Leon großartig im Ausstellen oberflächlicher Leidenschaft und David Soares glänzt als selbstverliebt-eitler machtbewusster Gutsherr. Die Besetzung ist durchweg stimmig und passend.

Seriös-gediegene Nacherzählung

Christian Spuck erzählt die Geschichte klar und schlüssig, seine Choreografie ist eine seriös-gediegene, etwas biedere Roman-Nach-Erzählung, die v.a. tänzerisch nicht glänzt. Eine Aktualität, wie Spuck sie nach seinen Worten zeigen wollte, Parallelen der Romanhandlung zu unserer Zeit, Eskapismus und Selbstverlust im Konsum und in zwanghafter Selbstdarstellung in Sozialen Medien – diese Aktualität gibt es allerdings nicht.

Das Publikum hat mit viel Applaus für die Solisten und Christian Spuck reagiert. Diese "Bovary" könnte trotz aller Einwände ein Erfolg für das Staatsballett werden.

Frank Schmid, rbbKultur

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