Steven Cohen: Put your heart under your feet… and walk! © Allan Thiebault
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Berliner Festspiele | Auftakt Performing Arts Season - Steven Cohen: "Put your heart under your feet ... and walk!"

Bewertung:

Die Berliner Festspiele haben gestern Abend ihre neue Performing Arts Saison eröffnet und das mit der Deutschen Erstaufführung einer "Trauerzeremonie von unerträglicher Schönheit", so die Ankündigung der Berliner Festspiele des Stückes "Put your heart under your feet .. and walk!". So heißt das Stück des südafrikanischen Künstlers Steven Cohen in Erinnerung an seinen verstorbenen Lebensgefährten, den Tänzer und Choreographen Elu, so dessen Künstlername.

Steven Cohen hat mehr als 20 Jahre mit Elu gearbeitet und gelebt, dieser ist 2016 gestorben und diese Performance ist die Reaktion von Cohen auf diesen Verlust, ist der Versuch, mit künstlerischen Mitteln auf Tod und Schmerz zu reagieren. Dafür vereint Cohen Performance, Bildende Kunst, Installation und Videokunst in einem Ritual von extremer Künstlichkeit, in dem er auch z.T. extreme Mittel und Szenen verwendet

Phantasiegeschöpf – Drag-Queen-Elfe

Steven Cohen selbst tritt als Kunstwesen auf, als Drag-Figur mit grauweißem Mieder und steif abstehendem Rock, der an ein Tutu erinnert. Das Gesicht ist komplett weiß geschminkt und bunt bemalt mit Blumen- und Pflanzenmustern, ist beklebt mit bunten Strass-Steinen und bunten Insektenflügeln, vermutlich von Schmetterlingen, der Lippenstift-Mund ist riesig, die Wimpern viele Zentimeter lang. Er hat sich verwandelt in ein Phantasiegeschöpf, eine Drag-Queen-Elfe, ein künstliches Wesen jenseits aller Normen.

Und ebenso hybrid und künstlich-überformt ist auch diese Performance, die über die konkrete Trauer weit hinausgeht.

Szene aus Steven Cohens "Put Your Heart Under your Feet...and Walk" (Bild: Berliner Festspiele/ Pierre Planchenault)
Bild: Berliner Festspiele/ Pierre Planchenault

Den Tod verstehen und spüren

Cohen will, soviel wird deutlich, den Tod, das Sterben verstehen, erspüren, schmecken, ertasten, sucht nach Wegen, den Schmerz des Verlustes zu ertragen und für die Zuschauer nachvollziehbar zu machen und es geht ihm auch darum, einen Weg für das Weiterleben zu finden, mit der Qual des Überlebenden zurechtzukommen.

Warnung vor dem Weiterlesen - Extremes Schlachthof-Video

Wofür er auch ein extremes, drastisches Video einsetzt, das etliche Zuschauer aus dem Saal getrieben hat. Darin sieht man Steven Cohen in seiner Drag-Queen-Elfen-Gestalt in einem realen Schlachthof performen. Man sieht das Töten der Rinder, die Gedärme, das Blut, sieht, wie Steven Cohen sich in einer Wanne mit Eingeweiden und Blut wälzt, Gesicht und Körper mit Blut beschmiert. Das ist ekelerregend und an der Grenze des Zumutbaren.

Schmerz und Ekel – Konfrontation mit dem Tod

Cohen konfrontiert uns hier zwar mit der tagtäglichen Realität des industriellen Tötens von Tieren und es wird deutlich, dass er damit ein Bild für die Konfrontation mit dem Tod sucht und dass er mit dieser Videosequenz sich selbst und uns Zuschauer bewusst Schmerz aussetzt … Aber: so ganz erschließt sich die Funktion dieses Videos im Stück nicht, denn davor und danach sind die Szenen ausschließlich privater Natur, sind Bilder von individueller Erinnerung und Trauer.

Installation mit Kunstobjekten – Ballettschuhe, Kindersärge, Lieder

Da wandelt Cohen durch eine Installation von Ballettschuhen, die in Kunstobjekte verwandelt sind. Die Ballettschuhe, vermutlich die seines Partners Elu, sind an einer Jesusfigur, an einer Thorarolle, an Puppen, an einem toten Vogel befestigt. Cohen stakst zu Beginn durch diese Installation auf kleinen weißen Kinder-Särgen, auf denen seine High Heels befestigt sind, gestützt auf meterlange Krücken, eine wankende, fragile, immer vom Absturz bedrohte Figur.

In einer anderen Szene trägt er vier alte Grammophone, auf denen vier Versionen des Liedes "Dance Ballerina Dance" abgespielt werden – dieses Lied war in der Fassung von Nat King Cole das Lieblingslied von Cohen und Elu.

Die Asche seines Lebensgefährten

Und gegen Ende, wenn er die Kerzen in den Kerzenständern angezündet hat, wenn er ein jüdisches Schabbat-Gebet gesprochen hat – Cohen ist Jude, in Südafrika geboren, lebt heute in Frankreich – dann holt er aus einer kleinen Kiste etwas Asche, vermeintlich die Asche seines verstorbenen Lebensgefährten und schluckt sie. Die letzten Worte von Elu vor dessen Tod, so erzählt es Cohen, seien gewesen: "Ich will für immer bei dir sein" – indem er dessen Asche schluckt, sich einverleibt, soll sich dieser Wunsch erfüllen.

Abstoßendes und Anrührendes

Diese in Teilen verstörende Performance, in der Abstoßendes und Anrührendes sich die Waage halten, ist der Versuch, mit künstlerischen Mitteln Tod, Trauer und Schmerz nahezukommen und für Steven Cohen war die Arbeit am Stück anfangs sicherlich eine Form der Trauer-Bewältigung. Aber er zeigt es nun auf Theaterbühnen, sein Schmerz wird öffentlich ausgestellt, soll für uns Zuschauer verstehbar werden, vielleicht kathartische Wirkung erzeugen. Und hier hat das Stück seine Schwächen – wegen der Überformung in extreme Künstlichkeit, die Identifikation und Mitleid fast unmöglich machen und wegen der Provokationen.

Das Schlachthof-Video, die Kindersärge, das Spiel mit religiösen Traditionen wirken überspannt, aggressiv, wirken wie eine demonstrative Herausforderung, bleiben jedoch indifferent und unklar in Aussage und Bedeutung. Zudem findet Steven Cohen kein Mittel, seine Botschaften in dazu passende Bewegung, in Tanz zu übersetzen.

Auch wenn das Stück nicht restlos überzeugt, ist es eine außergewöhnliche Performance, mit der die Berliner Festspiele ihre neue Performing Arts Saison eröffnet haben.

Frank Schmid, rbbKultur

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