Staatstheater Cottbus "Ich mach ein Lied aus Stille" © Bernd Schönberger
Bernd Schönberger
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Staatstheater Cottbus - "Ich mach ein Lied aus Stille"

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Für die einen ist die Heimat ein identitätsstiftender Sehnsuchtsort der Zugehörigkeit und Geborgenheit, für die anderen ist sie ein von Nostalgie und Nationalismus vernebelter Alptraum. Was Heimat ist und sein kann: darauf hat darauf eine andere Antwort - oder mehrere. Auch Autor und Regisseur Armin Petras macht sich Gedanken und hat sich mit der Lyrikerin Eva Strittmatter, dem streitbaren Sozialisten Erwin Strittmatter sowie der von der Verlorenheit in der Moderne erzählenden Autorin Judith Hermann mehrere literarische Paten gesucht: "Ich mach ein Lied aus Stille" nennt Petras seine "Heimat-Trilogie", die jetzt am Staatstheater Cottbus uraufgeführt wurde.

Von Eva Strittmatter nimmt Petras Gedichte aus dem Band "Ich mach ein Lied aus Stille" (1973): poetische Erkundungen der brandenburgischen Landschaft, Suche nach regionaler Verwurzelung, Naturschönheit und Liebesverlangen wird zur Heimat. Ihr Mann, Erwin Strittmatter, ist mit seinem Roman über "Ole Bienkopp" (1963) vertreten, in dem der bäuerlich-proletarische Anti-Held in einem fiktiven brandenburgischen Dorf die Kollektivierung der Landwirt propagiert, den Aufbau des Sozialismus vorantreiben will. Judith Hermann schickt in ihrem Roman "Daheim" (2021) eine namenlose Erzählerin aus der digitalen Orientierungslosigkeit der Großstadt hinaus in die Welt: Sie lässt ihr altes Leben und ihren Alltagstrott hinter sich, sucht in einem alten Haus am Meer sich selbst und ein Stückchen neue Heimat.

Staatstheater Cottbus "Ich mach ein Lied aus Stille" © Bernd Schönberger
Bild: Bernd Schönberger

Lieder, Sprechchöre und Live-Kamera

Für die Gedichte von Eva Strittmatter hat Juli Niemann Lieder komponiert, mit denen die von Liebe und Heimat beseelte Lyrik mit Disco-Pop, Jazz-Rhythmen und Schlagermelodien eingehegt und das Pathos mit musikalischer Ironie gebrochen wird. Zu Zeilen wie: "Erst wenn man weiß, dass sie enden kann / hat man den Anfang der Liebe erreicht / Hasse nicht, leide nicht Liebe / Und denk daran / ich mach ein Lied aus Stille" werden als maximaler Kontrast Kunstwerke aus dem Orkus der real-sozialistischen Propaganda-Bilder-Schlacht emporgezogen und auf den Eisernen Vorhang projiziert.

Bei Erwin Strittmatters "Ole Bienkopp" stehen dampfende Sprechchöre unter Dauerstrom, der bäuerliche Volkskörper wabert und hackt auf dem verzweifelten Ole (Kai Börner) herum, der mit seiner Ehe und mit dumpfen Bonzen hadert. Der Chor schrammelt dazu: "Was ist geschehen Genossen / ein Mann war krank / seine Frau bestellte sich einen anderen / das Paar wird sich trennen / oder nicht / die Erde reist durch den Weltenraum." Einar Schleef, der Zerberus der Sprechchor-Diktatur, schickt dazu Grüße aus dem Jenseits.

Bei der Dramatisierung von Judith Hermanns "Daheim" kommt die Stunde der Live-Kamera. Sie umzingelt alles und vervielfacht das Geschehen, wirft die kleinen Fluchten und großen Ängste der Frau (Charlotte Müller), die ihren in einer mit Müll verstopften Wohnung hausenden Mann verlassen hat und ihre in der Welt herum geisternde Tochter nur manchmal in via Skype zu Gesicht bekommt, überlebensgroß auf den durchsichtigen Vorhang. Ob die Frau sich erinnert, wie einst ein Zauberer sie für seine Tricks gewinnen und mit auf Reisen nehmen wollte, ob sie im Haus am Meer lernt, ihren Träumen zu vertrauen und endlich den Käfig zu öffnen, in dem sie nicht nur einen Marder, sondern auch ihre Gefühle gefangen hält: die Kamera ist immer dabei.

Theatertanz auf der Rasierklinge

Petras setzt auf das Disparate, jongliert mit Gegensätzen, es ist ein Theatertanz auf der Rasierklinge. Wenn der Eiserne sich hebt und den Blick freigibt auf eine halbkreisförmige, sich permanent drehende Bretterwand, ist es schlagartig vorbei mit der bunten Hippie-Idylle und den lyrischen Liedern, die natur- und heimatbeseelt verkünden: "Ein Vergehen gibt es nicht / und Der Tod ist eine dumme Lüge". Dann beginnt der knarzende sozialistische Realismus, hetzen grau gekleidete Bauern mit groben Händen und bewaffnet mit Hammer und Sichel durch ihre von Kargheit und Armut geprägte Heimat.

Die Menschen sind anonyme Gestalten im Räderwerk der Geschichte, ihre Namen tragen sie wie Gefängnisnummern auf dem Rücken, auch Ole, der immer wieder ausbricht aus dem Chor der Mitläufer und ruft: "Mensch ihr seid doch verrückt! So gewinnen wir nicht den Wettlauf mit dem Kapitalismus."

Wohin die Welt nach dem Zerfall des Sozialismus gedriftet ist, wie Gewissheit und Gemeinsamkeit im digitalen Zeitalter abhanden gekommen sind, zeigt uns Petras dann mit einem Overkill an Filmsequenzen und Szenenschnipseln. Wo Anything Goes zum Lebens-Elixier wird, findet die ruhelose Frau Heimat nur in sich selbst und in ihrer angstfreien Zone im Haus am Meer.

Staatstheater Cottbus "Ich mach ein Lied aus Stille" © Bernd Schönberger
Bild: Bernd Schönberger

Unbequem, aber anregend

Das Premieren-Publikum reagiert verhalten und etwas ratlos. Der Saal leert sich im Laufe des Abends zusehends. Eigentlich schade. Denn gerade, weil Petras keine Kompromisse schließt und die Texte durch den theatralischen Fleischwolf dreht, entsteht ein wahnwitziges, die Seh- und Sprechgewohnheiten aufbrechendes und die Sinne schärfendes Panoptikum widersprüchlicher Empfindungen: Petras will uns nicht erklären, was Heimat ist, sondern offen legen, wie schwierig, ja fast unmöglich es ist, Heimat dingfest zu machen. Er stellt Fragen, verweigert Antworten. Die müssen wir selbst suchen. Das ist unbequem, aber ungemein anregend.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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