DT: Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert © Jasmin Schuller
Jasmin Schuller
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Deutsches Theater - "Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" von Sivan Ben Yishai

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Sivan Ben Yishai, preisgekrönte Autorin und eine der spannendsten Stimmen des zeitgenössischen Theaters, rückt die unsichtbaren Protagonist:innen des Ibsen-Klassikers in den Fokus. Sie nimmt das Herrinnenhaus der Nora Helmer auseinander, untersucht das zerfallende Konstrukt und hinterfragt Grundlegendes: Ist es möglich, die sich immer wiederholenden Narrative zu Grabe tragen? Kann man seiner Lebensgeschichte entkommen? Und neue Erzählungen pflanzen?

Ibsensche Nora-Show

Wie in einem Traum öffnen sich die Türen zur Hinterbühne und legen ein Haus frei, zwei Stockwerke, zum Zuschauerraum offen. Gestalten in beigefarbenen eleganten Kleidern des 19. Jahrhunderts stehen bewegungslos wie Puppen in Ibsens Puppenheim. Dies ist eine Geschichte über ein Haus, sagt eine Erzählerin, die das Gebäude nach vorne zieht. Wer hat Zugang zu diesem Haus? Wer muss draußen bleiben?

Am Ende wird das Herrenhaus kompostiert sein und Erde für eine neue Saat hinterlassen haben. Doch jetzt läuft hier noch die Ibsensche Nora-Show. Mit dem Original-Paketboten, der seine einzigen vier Silben des Abends sagen darf: "50 Öre.“

Doch diese 145 Jahre alten Figuren gelangen im Hier und Heute auf die Bühne. Und da lässt sich das Hausmädchen nicht mehr die eigene Anrede vorschreiben: "Zum siebten Mal für heute, Mrs. H. Ich verstehe mich nicht als weiblich. Deswegen verstehe ich mich auch nicht als Hausmädchen ok?“

Zunächst wirkt das angestrengt und abgehangen: Die woken Bediensteten, die gegen Klassismus aufbegehren; und eine Autorin, die auf Teufel komm raus Ibsens Stück beerdigen will. Als würde die Postdramatik seit Jahrzehnten etwas anderes tun als Klassiker zu dekonstruieren und Helden vom Thron zu stoßen.

Grandiose Schauspielkunst

Sivan Ben Yishais Trumpf ist: Erstens – sie hat Humor. Zweitens – sie schreibt nicht nur politisch korrekt. Und Glück hat sie obendrein, denn die kroatische Regisseurin Anica Tomić hat ein geschicktes Händchen für großes Schauspiel, Komödie und Revue.

Und so ist es über die Hälfte des Abends ein Spaß, dabei zuzusehen, wie Peter René Lüdicke als Paketbote verzweifelt versucht, dem Stellenabbau zu entgehen. Und wie die grandiose Anja Schneider als Bourgeois-Feministin Nora Status und Geld dazu benutzt, sich die Angestellten gefügig zu machen.

"Keine unsterblichen Helden mehr. Keine verklärten Täter."

Nora ist hier Hauptfigur und gleichzeitig Managerin der Show, die seit Jahrhunderten um die Welt tourt. Mit der Ibsenschen Nora hat diese Bad Bitch, die sich ohne mit der Wimper zu zucken als Opfer eines frauenfeindlichen Übergriffs inszeniert und ihre Angestellten disst, nicht viel zu tun. Und so wird diese Stück-Abschaffung zum Rundumschlag gegen alle bürgerlichen Klassiker, die nun mal Klassismus- und Kapitalismus-Kritik nicht mitverhandeln.

Die Forderung: "Keine unsterblichen Helden mehr. Keine verklärten Täter. Lasst die alten Autoren jetzt in Ruhe. Lasst die Sprache sterben. Und sich erholen.“

Das ist jedenfalls eine klare Ansage. Weniger einleuchtend sind die Szenen, in denen die Angestellten in die Fußnoten verschwinden und aus der Unsichtbarkeit heraus das Haus stürmen – das funktioniert grafisch auf Papier, nicht aber auf der Bühne. Ohnehin wird hier einerseits zu sehr auf Metaebenen geraunt, andererseits überdeutlich auf plakativen Botschaften herumgeritten. Bislang wächst noch nicht viel Neues aus der Erde des kompostierten Herrenhauses.

Gedanken- und Schauspielfutter

Doch diese saftige erste Inszenierung von Anica Tomić am Deutschen Theater bietet zumindest Gedanken- und Schauspielfutter für einen Abend über Klassismus, Pseudo-Feminismus und ausbeuterische Systeme, zu denen auch das Theater zählt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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