Mann fasst sich an die Brust (Quelle: imago/emil umdorf)
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- Der tägliche Kampf gegen den Herzinfarkt

Starke Schmerzen hinter dem Brustbein, Atemnot und Angst vor einem Herzinfarkt: rbb Praxis begleitet einen Tag lang drei Patienten und die Ärzte der Chest Pain Unit des Virchow Klinikums der Berliner Charité. Die Spezialisten arbeiten hier rund um die Uhr, damit Herzinfarkte so schnell wie möglich erkannt und behandelt werden.

Brustschmerzen mit Ausstrahlung in den linken Arm – das sind nur einige der typischen Symptome bei einem Herzinfarkt. Doch ähnliche Schmerzen können auch bei einem banalen Muskelkater auftreten oder bei einer Bronchitis. Viele Betroffene sind deshalb unsicher, wann sie den Rettungsdienst rufen sollten oder wann es ausreicht, sich am nächsten Tag dem Hausarzt vorzustellen. 

Männer und Frauen haben unterschiedliche Symptome

Täglich erleiden rund 800 Menschen in Deutschland einen Herzinfarkt, etwa jeder vierte überlebt die Unterversorgung der Herzmuskulatur nicht. Oft wird der Herzinfarkt schlicht zu spät erkannt. Leitsymptom beim Herzinfarkt ist der Brustschmerz. Charakteristisch ist dabei, dass die Betroffenen ihn wie einen Druck, Brennen, Ziehen oder ein Einschnüren empfinden.

Frauen verspüren jedoch häufiger als Männer zudem Luftnot, Magenschmerzen, Schmerzen in beiden Armen und Schultern oder Kiefer- und Halsschmerzen. Bei Männern mit Herzinfarkt strahlt der Brustschmerz häufiger als bei Frauen in den linken Arm aus. Brustschmerzen ist aber auch das Leitsymptom vieler anderer Erkrankungen. Dazu zählen die Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, eine Hochdruckkrise, eine Aortenruptur, Lungenembolie, eine Lungenentzündung oder Erkrankungen der Speiseröhre.

Chest Pain Unit ist die geeignete Anlaufstelle bei Herzinfarkt

Da die Prognose bei einem Herzinfarkt besonders gut ist, wenn er innerhalb der ersten 60 bis 90 Minuten erkannt und sofort behandelt wird, ist bei jedem Verdacht auf Herzinfarkt Eile geboten. Um die Diagnostik und Therapie zu optimieren, hat man deshalb inzwischen deutschlandweit zertifizierte Brustschmerzambulanzen eingerichtet, sogenannte Chest Pain Units (CPUs). In Berlin und Brandenburg gibt es aktuell 21 derartige spezialisierte Ambulanzen. Patienten mit unklaren Schmerzen in der Brust können sich hier vorstellen oder werden von Rettungsdiensten bei Verdacht auf Herzinfarkt gezielt hierhin gebracht. Die Experten der CPU untersuchen die Herz-Kreislauffunktionen und überwachen sie bei Bedarf rund um die Uhr. Die Kardiologen sind darauf spezialisiert, schnell und effektiv "harmlose" Brustschmerzen von schwerwiegenden Herzerkrankungen zu unterscheiden. Die Herausforderung dabei ist es, keinen Herzinfarkt zu übersehen, auch wenn die Beschwerden nicht eindeutig sind.

Der Ablauf in der CPU folgt einem klaren Schema. Zunächst wird den Patienten Blut abgenommen und ein Elektrokardiogramm (EKG) geschrieben. Im Blut von Herzinfarkt-Patienten findet sich oft das sogenannte Troponin. Das Enzym wird ausgeschüttet, wenn Herzmuskelzellen vermehrt untergehen – wenn also ein Herzinfarkt besteht. In den CPU kann der Troponinwert mit einem Schnelltest innerhalb von 20 bis 30 Minuten bestimmt werden. Ist der Untergang der Herzmuskelzellen noch zu "frisch", ist das Troponin oft noch nicht nachweisbar erhöht. Dann werden Patienten mit dem Verdacht auf Herzinfarkt mithilfe eines Überwachungsmonitors sechs Stunden nachbeobachtet. Gefährliche Rhythmusstörungen als Folge des Herzinfarktes bemerken die Experten so beispielsweise sofort. Oft führen die Kardiologen zudem einen Herzultraschall durch. Diese Untersuchung zeigt, ob und welche Areale des Herzens nicht richtig pumpen. Weitere Diagnosemöglichkeiten sind die Computertomografie (CT) und der Kernspin (MRT).

Herzkatheter schafft Klarheit über den Zustand im Gefäß

Um den konkreten Zustand der Herzkranzgefäße zu beurteilen, werden viele Patienten dann mit dem Herzkatheter untersucht. Dabei wird ein dünner, biegsamer Katheter über ein entfernt vom Herzen gelegenes Blutgefäß, meist in der Leiste, bis ins Herz vorgeschoben. Unter Röntgenkontrolle lässt sich erkennen, ob die Herzgefäße verengt sind. Stellen die Experten eine bedrohliche Verengung der Herzkranzgefäße fest, können sie das Gefäß mit einem speziellen Ballon-Katheter weiten und setzen im Bereich der Verengung ggf. einen Stent (Gefäßstütze) ein. Falls eine Behandlung per Kathetertechnik nicht ausreichend, können die Patienten zügig an Herzchirurgen weitervermittelt werden, um Bypässe operativ anzulegen.

Etwa jeder zweite Patient, der in einer CPU untersucht wird, konnte nach sechs Stunden zur Behandlung an den Hausarzt verwiesen werden. Durchschnittlich 70 Prozent der anderen Hälfte hat eine manifeste Herzerkrankung. Rund 40 Prozent der Patienten kommen mit dem Krankenwagen, zwei Drittel von ihnen in Begleitung eines Notarztes. Auf keinen Fall sollte man bei unklaren Brustschmerzen sich selbst ins Auto setzen oder sich fahren lassen.

Werden Patienten ohne klare Diagnose entlassen, arbeiten die CPUs auch mit niedergelassenen Kardiologen zusammen, bei denen die Patienten schnell einen Termin bekommen, um weiter abzuklären, was die Ursache der Brustschmerzen war.

Die Idee der CPUs wurde in den USA entwickelt. Dort hat sich gezeigt, dass eine Klinik eine um 37 Prozent geringere Sterblichkeit aufweist, wenn sie eine CPU führt. In Deutschland hat die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie Anfang 2009 ein Zertifizierungsverfahren entwickelt, mit dem Kliniken geprüft werden, die eine CPU anbieten wollen. Derzeit führen 53 Kliniken in Deutschland dieses Zertifikat. Sie müssen viele Kriterien erfüllen, unter anderem zum Beispiel rund um die Uhr ein Katheterlabor mit dafür qualifizierten Ärzten anbieten können.

Herzinfarkt-Symptome

•Typisch sind starke Schmerzen hinter dem Brustbein, die nicht nur für Sekunden, sondern mindestens etwa fünf Minuten bestehen. Die Schmerzen können in den linken Arm, die Schulter, zwischen die Schulterblätter in den Rücken oder den Oberbauch ausstrahlen. Statt über Schmerzen berichten manche auch über ein stark brennendes Gefühl.

•Die Patienten spüren ein starkes Engegefühl oder einen intensiven Druck im Herzbereich. Immer wieder hört man von Herzinfarktpatienten, sie haben das Gefühl einer schweren Last auf der Brust.

•Vor allem Frauen haben unspezifische Anzeichen, die normalerweise auch bei anderen Erkrankungen auftreten können. Dazu gehören Übelkeit, Atemnot, Schmerzen im Oberbauch und Erbrechen.

•Manche Patienten sind sehr unruhig, andere sehr ruhig. Die meisten zeigen Angst, haben oft eine blassgraue Gesichtsfarbe und sind kaltschweißig. 

Die Schwierigkeit ist es, einen Herzinfarkt auch dann zu erkennen, wenn die Anzeichen weniger deutlich sind. Experten raten, lieber einmal umsonst als zu spät den Rettungsdienst zu rufen. Dann ist das Risiko auch in Brandenburg nicht erhöht, wenn es um die Notfallrettung bei Herzinfarkt geht. 

Beitrag: Ursula Stamm
Infotext: Beate Wagner / Susanne Faß 

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