Abstrakte grafische Darstellung eines menschlichen Gehirns (Quelle: imago/Science Photo Library)
imago/Science Photo Library
Bild: imago/Science Photo Library

- Schlaganfall – die Zeit läuft

Auf der Stroke Unit werden Patienten mit akutem Schlaganfall überwacht und behandelt - mit 24-Stunden Bereitschaft, Fachärzten und intensivmedizinischer Betreuung. Und was passiert danach mit den Patienten? Therapie und Rehabilitation. rbb Praxis hat die Charité und die die Fachklinik Wolletzsee besucht, die erste Klinik in der Region, die konsequent auf "hightech" setzt.

Halbseitige Lähmungen, motorische Ausfälle, Sprach- und Sehstörungen, Verwirrtheitszustände: Mit diesen typischen Symptomen trifft der Schlaganfall meist den Menschen. Mit jährlich 200 000 bis 250 000 Betroffenen zählt der Hirnschlag zu den häufigsten Erkrankungen in den Industrienationen. Weltweit stellt er die zweithäufigste Todesursache dar. Experten nennen den Schlaganfall die Epidemie des 21. Jahrhunderts.

Bei dem häufigen sogenannten ischämischen Schlaganfall verstopft ein Blutgerinnsel (Thrombus) eine Hirnarterie, die Durchblutung im Gehirn ist schlagartig vermindert. Das Ausmaß der Durchblutungsminderung im Gehirn variiert, je nachdem wo, wie lange und wie stark diese ist. Seltener liegt beim Schlaganfall eine Hirnblutung vor. Der durch die Blutung entstehende hohe Druck schädigt das Hirngewebe. Experten sprechen von dem sogenannten hämorrhagischen Infarkt. Von einem subarachnoidalen hämorrhagischen Infarkt ist hingegen die Rede, wenn eine Aussackung in der Gefäßwand, auch "Aneurysma" genannt, reißt. In der Folge tritt Blut in den engen Raum zwischen Gehirn und Schädel ein.

Versorgung von Schlaganfall-Patienten: Vorteile der Stroke Unit

Nur eine rasche Therapie kann den unwiederbringlichen Untergang der Gehirnzellen und Todesfälle durch Schlaganfall verhindern. Schlaganfall-Patienten gehören daher bestenfalls in eine Klinik, bei der es rund um die Uhr möglich ist, die Ursache des Schlaganfalls zu diagnostizieren. Dazu bedarf es vor allem diverser Bildgebungsverfahren wie MRT, CT oder Ultraschall. Noch besser sind Kliniken, die mit einer Schlaganfall-Spezialabteilung (Stroke Unit) ausgestattet sind. Mittlerweile gibt es bundesweit über 200 derartige Einrichtungen. Erreicht der Patient sie innerhalb von zwei bis vier Stunden nach dem Ereignis, hat er durch das rasche Eingreifen der Ärzte gute Chancen, dass sich die Symptome ganz oder zumindest deutlich zurückbilden. Viele Ärzte sprechen sogar von einer goldenen Stunde. Wie auch immer: Je ehe, desto größer die Chancen.

Genaue Diagnostik – passende Therapie

Die engmaschige Kontrolle der Patienten auf der Stroke Unit ist Studien zufolge für die Prognose entscheidend, sie konnte die Rate an Komplikationen in den letzten Jahren deutlich senken. In der Stroke Unit geht es vor allem um die schnelle Diagnostik: Ist es tatsächlich ein Schlaganfall? Hat der Patient ein verstopftes Gefäß oder ein geplatztes Aneurysma? Erreicht ein Patient mit einem frischen Schlaganfall die Rettungsstelle oder die Stroke Unit, machen die Ärzte zunächst eine Computertomographie. Das CT gibt darüber Aufschluss, ob dem Hirnschlag eine Blutung, eine Durchblutungsstörung oder ein Aneurysma im Gehirn zugrunde liegt.

Diese Unterscheidung ist extrem wichtig, weil sich nach der Ursache die Akuttherapie richtet: Verstopft ein Thrombus ein Blutgefäß im Gehirn, leiten die Neurologen sofort die Lyse ein: Dabei löst ein Medikament das Blutgerinnsel über die Vene auf. Falls das nicht ausreicht oder funktioniert, legen die Ärzte eine medikamentenbeschichtete Gefäßstütze (Stent), die das verengte Blutgefäß offen halten soll. Beim hämorrhagischen Infarkt können die Hirnchirurgen die beschädigte Arterie reparieren oder den Druck des ausgetretenen Blutes auf das Gehirn operativ senken. Es gibt auch Medikamente, die dazu beitragen, die Hirndurchblutung wieder zu normalisieren. Wichtig außerdem: die physiotherapeutische Frührehabilitation. Auf der Stroke Unit beginnt sie in den ersten Stunden nach Schlaganfall.

Studien belegen, dass die medikamentöse Lysetherapie bei kleineren Blutgerinnseln gute Ergebnisse erzielt. Bei größeren Gerinnseln ab einer Länge von etwa sieben Millimetern bleibt sie jedoch häufig erfolglos. Etwa knapp zehn Prozent aller Schlaganfälle sind Hirninfarkte, bei denen große Gefäße verschlossen sind. In diesen Fällen, oder wenn der Thrombus sehr hartnäckig ist, kommt ein innovatives neuroradiologische Katheterverfahren zum Einsatz: die mechanische Thrombektomie. Bei der Methode schieben die Ärzte über eine dünne Katheter-Hülse ein winziges Fanggitter zum Gerinnsel im Gehirn vor. Der Thrombus wird eingefangen und abtransportiert. Wenn das Gefäß verengt ist, dehnen die Experten die Engstelle mitunter mit einem Ballon auf, bis wieder Blut in die bisher unterversorgten Hirngefäße strömt.

Die mechanische Thrombektomie wurde in den letzten Jahren so weit verfeinert, dass fast 90 Prozent der Gefäße wieder eröffnet werden können. Einer kürzlich in der Fachzeitschrift Lancet publizierte Meta-Analyse zufolge bleibt vielen Patienten durch die mechanische Thrombektomie schwerwiegende Behinderungen infolge des Schlaganfalls erspart.

Thromektomie sechs Stunden erfolgreich

Vorteil der Thromektomie ist, dass das Zeitfenster dieser mechanischen Lyse sechs Stunden ist. Lässt sich mittels der Magnetresonanztomografie (MRT) mit spezieller Durchblutungsmessung nachweisen, dass das Hirngewebe noch durchblutet wird, ist das Verfahren auch noch später einsetzbar. Das ist sinnvoll, denn oft haben ältere Menschen und Frauen untypische Symptome wie Kopfschmerzen und Erbrechen. Folge: Die Diagnose wird viel zu spät gestellt und die Patienten landen in einem Krankenhaus, das die Lyse nicht durchführen kann.

Wenige Wochen nach einem akuten Schlaganfall gehen Schlaganfallpatienten zudem meist in die Rehabilitation. Hier erhalten sie intensive Trainingseinheiten in der Physio- und Ergotherapie. Durch die täglichen Übungen lernen sie, die ausgefallenen Körperfunktionen wieder zu aktivieren oder Einschränkungen zu überwinden. Auch lernen und üben Schlaganfallpatienten, ein Körperteil wie beispielsweise den Arm wieder dauerhaft zu belasten.

Innovative Therapie in Brandenburg

In der Rehabilitationsklinik in Angermünde in Brandenburg trainieren Patienten neuerdings mit innovativen robotik- und computergestützten Therapiegeräten. Für jede Phase der Rehabilitation bieten diese abwechslungsreichen Anwendungen, zum Beispiel um die Finger- und Armbeweglichkeit wieder zu verbessern. Die Patienten sitzen während des Trainings vor einem Monitor. Der Computer gibt ihnen Anweisungen, wie stark sie beispielsweise die in dem Übungsarm befestigte Hand zur Faust ballen oder wie oft sie den Unterarm heben soll. Die Therapeuten kennen die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Patienten genau und stimmen deshalb das Übungsprogramm genau auf sie ab. Mithilfe einer bestimmten Software lassen sich die Wirkungen der Rehabilitation und der Verlauf lückenlos dokumentieren und nachvollziehen.
Die Software bietet auch ein Riesenangebot an Therapiespielen – welche die Motivation und Kontrolle über den Rehabilitationsverlauf verbessern. Alle Therapiegeräte sind individuell anpassbar und lassen Arzt und Therapeuten genügend Freiraum, um die Rehabilitation kreativ und perfekt auf den Patienten zugeschnitten zu gestalten.

Langfristig verhindern Medikamente den erneuten Schlaganfall

Um einen erneuten Schlaganfall durch ein Blutgerinnsel zu verhindern, verordnet der Arzt Blutverdünner wie Acetylsalicylsäure, Dipyridamol und Clopidogrel, die lebenslang eingenommen werden müssen. Eine erneute Hirnblutung kann durch die konsequente Senkung des Blutdrucks verhindert werden. Auch gegen Übergewicht und erhöhte Blutfettwerte sollten Maßnahmen getroffen werden. Dazu zählen Bewegung, Gewichtsabnahme, Ernährungsumstellung und gegebenenfalls Medikamente und der Verzicht auf Nikotin und zu viel Alkohol.

 

Filmbeitrag: Cornelia Fischer-Börold
Infotext: Beate Wagner

weitere Themen der Sendung

Verband wird um eine Wunde an der Hand gelegt (Quelle: imago/Westend61)
imago/Westend61

Chronische Wunden richtig versorgen

Es gibt Wunden, die nur schwer heilen – z.B. als Folge von Durchblutungsstörungen, Diabetes oder schwerer Krankheit. Doch wie sieht eine ideale Wundversorgung aus? Wo können sich Betroffene oder Angehörige Hilfe suchen? Die rbb Praxis zeigt moderne Pflaster und Wundauflagen und auch, wie Ernährung die Wundheilung unterstützt.

Frau hält sich die Hand an die Schläfe (Quelle: imago/Science Photo Library)
imago/Science Photo Library

Neue Migräne-App - neue Hoffnung?

Mehrere Hunderttausend Gesundheits-Apps sind derzeit auf dem Markt, täglich kommen neue hinzu. Für Migränepatienten gibt es nun eine als Medizinprodukt zertifizierte App - entwickelt von einem Spinoff der Humboldt Universität Berlin. Eine neue Hoffnung für Migräne-Patienten?

Schwangere Frau lächelt und hält eine Tasse in der Hand (Quelle: imago/Westend61)
imago/Westend61

Schwanger dank Immuntherapie

Thea S. hatte vier Fehlgeburten. Sie und ihr Partner dachten schon über eine Adoption nach, dann empfahl die Frauenärztin einen Besuch bei einem Immunologen. Das war bei ihnen der Schlüssel zum Erfolg. Jetzt hat sie einen gesunden Sohn geboren.