Computer Artwork: Ausstrahlender Schmerz am Knie (Quelle: imago/Science Photo Library)
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- Neue Therapien gegen schmerzende Gelenke

Die rbb Praxis zeigt neue Entwicklungen in der Diagnostik und Therapie, wann Medikamente oder High-Tech-Operationen bei Gelenkproblemen helfen und welche Erfahrungen es mit Naturheilverfahren gibt. Außerdem sind die rbb-Reporter live bei einem Eingriff am Handgelenk dabei.

Das Kniegelenk
Das Kniegelenk ist das größte und am meisten beanspruchte Gelenk im Körper, ein sogenanntes Dreh-Gleitgelenk. Es verbindet die beiden längsten Knochen des menschlichen Körpers, den Oberschenkelknochen (Femur) und den Unterschenkelknochen (Tibia), wie ein Scharnier. Diese Konstruktion ermöglicht neben Beugung und Streckung auch das Drehen. Weil der kugelige Kopf des Oberschenkelknochens und die plateauförmige Gelenkfläche des Unterschenkelknochens nicht exakt zusammenpassen, stabilisieren zahlreiche Bänder das Gelenk. Je zwei Knorpelscheiben (Menisken) wirken als Stoßdämpfer. Die Kniescheibe schützt das Gelenk und lenkt die Kräfte vom Oberschenkel auf den Unterschenkel um.

Der komplexe Aufbau macht das Knie anfällig für Arthrose. Etwa fünf Millionen Menschen leiden unter den Verschleißerscheinungen. Die Beschwerden sind immer ähnlich: Das Knie schmerzt, gelegentlich wird es heiß und schwillt an. An Sport ist nicht zu denken. Irgendwann geht auch bei alltäglichen Bewegungen nichts mehr ohne Krücken; das Kniegelenk ist permanent gereizt. Häufig beginnt die schleichende Abnutzung des Knorpels schon mit Mitte 30. Auf dem Röntgenbild zeigen sich typischerweise Knorpelschäden an den Gelenkköpfen und der Rückseite der Kniescheibe. Der Gelenkspalt zwischen Oberschenkelknochen und Schienbein verringert sich.

Schreitet der Verschleiß weiter fort, bringen nicht-operative Therapien keine Linderung mehr; es hilft nur noch ein künstliches Kniegelenk. Mittlerweile bieten Hersteller alle möglichen Varianten von Prothesen. Egal, welches Modell die Orthopäden implantieren, das Ziel ist immer gleich: eine störungsfreie Funktion des Gelenkes. Damit die Beschwerden sich nach der Operation wirklich bessern, muss die Prothese richtig sitzen. Denn nur, wenn das neue Gelenk punktgenau eingesetzt ist, wird es auch die nächsten 10 bis 20 Jahre halten.

Das Hüftgelenk

Das Hüftgelenk besteht aus dem Oberschenkelkopf und der Hüftpfanne. Beide sind mit einer schützenden Knorpelschicht überzogen, so dass die Strukturen nicht direkt aufeinander reiben. Bei einer Coxarthrose – also einer Arthrose des Hüftgelenks – ist diese Schicht teilweise oder ganz abgetragen. Der häufigste Grund für den Verlust ist ein Verschleiß mit zunehmendem Alter. Rund fünf Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre leiden hierzulande an einer Coxarthrose.

Ärzte unterscheiden drei Stadien der Erkrankung. Im ersten Stadium kann es zu stechenden Schmerzen kommen, wenn der Betroffene schwere Lasten hebt oder Treppen steigt. Patienten, die unter der Hüftarthrose im zweiten Stadium leiden, haben oft schon Schmerzen, wenn sie nach dem Sitzen einige Schritte gehen. Experten nennen das den so genannten Anlaufschmerz. Die Ursache: Der Knorpel zwischen Pfanne und Gelenkkopf ist schon deutlich abgebaut und geschädigt, die Knochen verdichten sich zunehmend. Im dritten Stadium haben die Patienten auch in Ruhe starke Schmerzen. Die Knochen im Hüftgelenk reiben direkt aufeinander und sind stark deformiert. Das Gelenk versteift zunehmend. Ohne Operation wird das Leben für viele Betroffene zur Qual. Bestehen die Probleme über längere Zeit, gesellen sich durch Schonhaltung oft noch Schmerzen in den nächstfolgenden Gelenken wie im Kreuz-Darmbein oder im Knie hinzu.

Jedes Jahr erhalten in Deutschland etwa 250.000 Menschen ein künstliches Hüftgelenk. Der Eingriff gehört damit zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen – mit den höchsten Erfolgsquoten. Wer einen Eingriff vor sich hat, sollte sich an orthopädischen Fachkliniken informieren. Sie bieten meist eine große Auswahl verschiedener Prothesen und Operationsverfahren an. Es gibt nicht das einzig wahre Hüftgelenk, alle haben Vor- und Nachteile. Neben dem Material (Keramik, Metall oder Kunststoff) ist für den Ausgang des Eingriffs auch entscheidend, ob der Patient noch weitere Erkrankungen hat, wie mobil er noch ist – und welcher Chirurg ihn operiert.

Mit grüner Medizin Gelenkschmerzen lindern

Moderne Medikamente und Gelenkersatz sind für viele Arthrose-Patienten ein Segen. Dennoch suchen Ärzte und auch viele Betroffene nach ergänzenden Verfahren, auch um die Medikamentendosis so gering wie möglich zu halten oder den Gelenkersatz noch eine Weile hinauszuzögern. Die Naturheilkunde bietet hier verschiedene Ansätze. Dazu gehören unter anderem Wasseranwendungen, Bewegung, der Einsatz von Wärme und Kälte sowie gesunde Ernährung und Heilfasten. Viele Betroffene erzielen gerade mit Fasten oder der so genannten Kältekammer erstaunliche Erfolge.

Wärme und Kälte gegen die Schmerzen

Wärme und Kälte tun schmerzhaften Gelenken gut. Die Kassen tragen die Kosten im Rahmen eines stationären Aufenthalts, ambulante Patienten müssen die Behandlungen zumeist selbst bezahlen. Wärmeanwendungen können warme Linsen- oder Erbsenbäder, heiße Rolle oder Paraffinbäder sein. Das Prinzip bei den Anwendungen ist das Gleiche: Die Wärme führt dazu, dass sich die Gefäße erweitern, das Blut besser zirkuliert und Spannungen reduziert werden. Die Gelenke lassen sich wieder besser bewegen.

Gerade Patienten mit starken Schmerzen profitieren dagegen von Kälteanwendungen. Sie reduzieren auf reflektorischem Weg das Schmerzempfinden. Starke Kälte wie beispielsweise eines Cool Packs sollte immer nur kurz angewendet werden. Bei längerer Anwendung dürfen nur milde Kälteträger wie kalte Bohnen oder kalter Raps verwendet werden.

Ernährung

Bei degenerativen Erkrankungen wie Knorpelverschleiß und einer Arthritis spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Stichwort Übersäuerung: Der Mangel an basischen Puffersubstanzen ist eine typische Begleiterscheinung vieler Erkrankungen, u. a. der Arthrose. Experten empfehlen bei Arthrose deshalb eine fleischarme, am besten rein vegetarische Ernährung. Denn die im roten Fleisch enthaltenen Fettsäuren begünstigen die entzündlichen Prozesse in den Gelenken. Auch Zucker, Getreide und Süßigkeiten erhöhen den Säuregehalt in Blut und Gewebe und verstärken Schmerzen bei Kniearthrose. Basische Ernährung dagegen mit viel Gemüse hemmt den Knorpelabbau. Besonders effektiv sind Lauch, Zwiebel und Knoblauch. Auch Hagebutten-Pulver (täglich 2,5 Gramm) verbessert laut einer Studie bei Kniearthrose die Beweglichkeit und fördert die Knorpelregeneration.

Fasten

Von einer Fastenkur profitieren insbesondere Rheuma- und Arthrose-Patienten. Durch das Fasten wird Fett abgebaut und Hormone werden ausgeschüttet. Diese Hormone haben eine entzündungshemmende Wirkung, was sich positiv im ganzen Körper auswirkt, auch auf die Gelenke. Im Gegensatz dazu fördert Fettgewebe Entzündungen. Deshalb entwickeln Menschen mit Übergewicht eher Gelenkbeschwerden als schlankere.
Wichtig: Heilfasten ist keine Diät, denn Abnehmen ist beim Fasten nicht das primäre Ziel. Eine Fastenwoche kann jedoch den Einstieg in eine dauerhafte Änderung des Lebensstils bedeuten. Denn wer fastet, besinnt sich ganz neu auf den eigenen Körper.

Mindestens zweieinhalb Liter Flüssigkeit sollte man am Tag zu sich nehmen. Zusätzlich zu klaren Gemüse-Süppchen trinkt man Tee und Wasser. Eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme verhindert Gichtanfälle und Nierensteine, denn beim Fasten fallen vermehrt Stoffwechsel-Abbauprodukte an. Oft wird dabei von "Schlacken" gesprochen; es handelt sich jedoch um so genannte Ketonkörper, die durch das Hungern entstehen. Auch der Harnsäure-Wert kann steigen und sollte vorsichtshalber kontrolliert werden.

Im Immanuel Krankenhaus Berlin unterstützen regelmäßige Aufenthalte in der Kältekammer die Schmerztherapie: Durch die Kälte ziehen sich die Gefäße zusammen, die Durchblutung wird kurzfristig vermindert und der Stoffwechsel gedrosselt. Anschließend kurbelt der Körper die Durchblutung und damit auch den Stoffwechsel verstärkt an. Die Kälte reizt den Organismus und setzt im Körper zahlreiche schmerz- und entzündungshemmende Mechanismen in Gang. Dadurch wirkt die Kältekammer schmerzdämpfend und entzündungshemmend.  

Akupunktur - heilsame Nadelstiche

Die Akupunktur ist ein Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Der Begriff "Akupunktur" geht zurück auf die lateinischen Worte acus = Nadel und pungere = stechen. Dafür sticht der Akupunkteur mit Nadeln in bestimmte Punkte am Körper des Patienten. Nach der chinesischen Lehrmeinung fließt die Lebensenergie, das Chi, in bestimmten Bahnen durch den Körper, den sogenannten Meridianen. Bei Erkrankungen ist dieser Energiefluss gestört. Die Nadelstiche an speziellen Punkten entlang der Meridiane sollen den Energiefluss wieder ins Gleichgewicht führen.

Schmerzen "entstehen" im erkrankten Körperteil, wahrgenommen werden sie jedoch erst nach Verarbeitung der Schmerzimpulse im Gehirn: Der Schmerz wird auf Nervenbahnen an das Rückenmark und weiter zum Gehirn geschickt und dann erst "gefühlt". An den Akupunkturpunkten befinden sich besonders viele Endpunkte von Nervenbahnen. Durch den Reiz der Akupunkturnadel wird – so die Idee der Verfechter dieser Methode – die Weiterleitung des Schmerzreizes an das Gehirn unterbrochen. Zudem setzen die feinen Stiche so genannte Endorphine frei, auch bekannt als körpereigene Schmerzmittel. Tatsächlich ist die Schmerzbehandlung das Hauptgebiet der Akupunktur. Nebenwirkungen gibt es bei richtiger Durchführung der Akupunktur nicht.

Die Kosten für eine Akupunktur werden seit 2007 von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, jedoch nur bei chronischen Rückenschmerzen und chronischen Schmerzen bei Kniegelenksarthrose. Die Kassen übernehmen die Kosten nur, wenn die Beschwerden mindestens drei Monate bestehen.

Schröpftherapie

Das Schröpfen zählt zu den ältesten naturheilkundlichen Therapieverfahren; erste Darstellungen sind seit etwa 5000 Jahren bekannt. Im klassischen Griechenland gab es sogar einen Gott des Schröpfens – Telesphorus – und die Schröpfglocke war Emblem der Ärzte. Auch im ägyptischen Altertum, in China und in der indischen Ayurveda-Heilkunde war und ist das Schröpfen Teil therapeutischer Maßnahmen.

Schröpfen hat das Ziel, schädliche Stoffe oder krank machende Substanzen aus dem Körper zu entfernen. Dafür werden unter Vakuum stehende Schröpfgläser auf die Haut, hauptsächlich auf den Rücken aufgesetzt. Die lokale Durchblutung, der Lymphfluss und der Stoffwechsel werden im behandelten Hautareal verbessert, Verspannungen und Verhärtungen (Gelosen) in der betreffenden Region gelockert und Schmerzen gelindert. Zudem befinden sich am Rücken auch bestimmte Schröpfzonen, die als Reflexzonen gelten und mit inneren Organen und Organsystemen in Verbindung stehen. Das Schröpfen soll sie positiv beeinflussen.

Blutegel

Wer ihm in der Natur begegnet, der ekelt sich meist vor ihm. Doch in der Medizin wird der Süßwasseregel Hirudo medicinalis immer öfter zum Therapeuten. Gerade Menschen mit chronischen Schmerzen lassen sich freiwillig von ihm beißen. Denn während der Egel saugt, gelangt sein medizinisch wertvoller Speichel in die Wunde. Darin enthalten sind über bis zu 30 verschiedene Substanzen, die schmerzstillend, entzündungs- und gerinnungshemmend wirken. Zudem beeinflusst der Cocktail die Gewebe- und Stoffwechselfunktionen an dem betroffenen Gelenk positiv.

Die Egeltherapie ist vor allem für die Patienten eine Option, die schon viele andere Therapien erfolglos ausprobiert haben. Dass sie wirken, haben die Tiere in zahlreichen Studien bewiesen: Das Immanuel Krankenhaus in Berlin führte eine Studie mit 32 Patientinnen mit Daumenarthrose durch. Etwa 80 Prozent der Teilnehmer berichteten nach einer einmaligen Anwendung der Blutegel-Kur über deutlich weniger Schmerzen als die Patienten, die über einen Monat zwei Mal täglich das Schmerzmedikament Diclofenac erhalten hatten. Der Effekt hielt mindestens zwei Monate an. In anderen Studien schwankte die schmerzstillende Wirkung der Blutegel zwischen dreißig und sechzig Prozent.

Offenbar ist die Hirudo-Therapie, wie die Behandlung mit den Blutegeln unter Fachleuten heißt, am Daumen- und Zehengelenken besonders erfolgversprechend. Die Egel können hier gezielt an den schmerzenden Gelenken appliziert werden. An den Ansatzstellen der Egel sollte die Haut ausreichend dick und durchblutet sein. Ansonsten ist die Wirkung reduziert und die Heilung der Bisswunde kann beeinträchtigt sein. Um die Haut vor einer Blutegeltherapie ausreichend zu erwärmen und zu durchbluten, haben sich warme Fuß- und Handbäder als hilfreich erwiesen. Weitere Untersuchungen zeigen, dass die Egelspucke auch gegen Arthrose-Schmerzen am Knie hilft – und zwar besser als die Standardmedikation. Ihre schmerzstillende Wirkung haben die Egel auch beim Tennisellenbogen und bei chronischen Rückenschmerzen bewiesen.

Normalerweise kosten eine Blutegelbehandlung zwischen 80 und 120 Euro. Für Teilnehmer von Studien und während eines Klinikaufenthaltes werden die Kosten übernommen. Ein Patient sollte mit ein bis drei Sitzungen rechnen.

Beitrag: Erika Brettschneider
Infotext: Constanze Löffler

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Rapid recovery - schnelle Genesung

Rapid Recovery ist ein spezielles Programm für Patienten, die einen künstlichen Hüft- oder Kniegelenksersatz oder eine andere häufige OP bekommen. Die Eingriffe laufen nach optimierten, standardisierten Prozessen und Protokollen ab, die das medizinische Fehlerrisiko verringern und die Sicherheit für den Patienten erhöhen sollen. Der Patient wird befähigt, rascher und effizienter zu genesen.  

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Wenn ein Prothesenwechsel nötig ist

Immer mehr Menschen erhalten ein künstliches Knie- oder Hüftgelenk. Früher erhofften sich Prothesenträger davon vor allem einen schmerzfreien Alltag. Heute wollen auch ältere Menschen länger sportlich aktiv bleiben. So entscheiden sich auch immer mehr für eine Prothese, die jünger sind als 60 Jahre.

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Schmerzende Hände - was steckt dahinter?

Unsere Hände sind ein wahres Wunderwerk der Natur: 36 Gelenke und 27 Knochen, verbunden durch Sehnen und Bindegewebe, beweglich gemacht durch 39 Muskeln. Wir können damit sanft streicheln, aber auch fest zugreifen. Umso gravierender ist es, wenn die Hände schmerzen und der Schmerz den Alltag beherrscht.