Symbolbild: Laborgläser (Quelle: imago/blickwinkel)
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- Immuntherapie – neue Hoffnung im Kampf gegen Krebs

Neben den klassischen Behandlungsmethoden bei Krebs - Operation, Chemotherapie und Bestrahlung - spielt seit einigen Jahren das Immunsystem eine immer größere Rolle. Das Prinzip dabei: Das körpereigene Immunsystem wird mit Hilfe moderner Biotechnologie so stimuliert, dass es selbst gegen den Krebs kämpfen kann.

Die Immuntherapie ist die Hoffnung vieler Krebspatienten, bei denen keine andere Behandlung mehr anschlägt. Die Wirkstoffe der Immuntherapie zielen nicht direkt auf den Tumor, sondern nutzen und aktivieren das körpereigene Immunsystem. Denn Experten wissen: Das Immunsystem kann Krebszellen prinzipiell erkennen und vernichten. Die Krebszellen entwickeln allerdings Mechanismen, um die Abwehr zu umgehen. So sind Krebszellen beispielsweise in der Lage, über bestimmte Signalwege wie eine Handbremse des Immunsystems zu agieren.

Die Immuntherapie setzt genau hier an: Sie stärkt den Organismus so, dass er mit seinen eigenen Abwehrkräften gegen den Tumor vorgeht. Das körpereigene Immunsystem wird also selbst zur "scharfen Waffe" gegen die Krebszellen umfunktioniert. Das geschieht mit Hilfe moderner biotechnologischer Methoden, die sich ständig weiter entwickeln.

Medikamente unterstützten das eigene Abwehrsystem

Die neuen Medikamente befähigen den Organismus dazu, das körpereigene Sicherheitssystem wieder voll zu benutzen – und den hemmenden Einfluss von Tumorzellen auf die molekularen Wächter aufzuheben. Einige der innovativen Behandlungen können die Blockade der Immunabwehr aufheben und die körpereigene Abwehr wieder in Gang setzen. Der Organismus wird so wieder in die Lage versetzt, den Krebs aus sich heraus zu überwinden. Im Idealfall verschwinden sowohl der Tumor als auch die Metastasen. Eingesetzt wird die Immuntherapie zum Beispiel bei Hautkrebs, neuerdings aber auch bei Lungenkrebs.

Lungenkrebs ist die vierthäufigste Krebserkrankung in Deutschland. Im Jahr 2010 erkrankten in Deutschland etwa 35.000 Männer und 17.000 Frauen an Lungenkrebs. Für das Jahr 2014 rechnen die Krebsregister in Deutschland mit 36.000 neu erkrankten Männern und 19.600 neu erkrankten Frauen. Seit Ende der 1980er Jahre sind immer weniger Männer betroffen, bei Frauen steigen die Zahlen der Neuerkrankungen hingegen kontinuierlich an. Sowohl unter Männern als auch bei Frauen ist Lungenkrebs die dritthäufigste bösartige Tumorerkrankung. In über 80 Prozent der Fälle sind Tumoren der Lunge bösartig. Mehr als die Hälfte der Tumoren entwickeln sich in den oberen Teilen der Lungenflügel. Ursache ist meist das Rauchen.

Die herkömmliche Therapie von Lungenkrebs ist schwierig

Nicht einmal jeder dritte Patient kann operiert werden. Gelingt es jedoch, den Tumor im Frühstadium durch Chemotherapie zunächst zu verkleinern und dann operativ zu entfernen, besteht Aussicht auf Heilung. Meist werden die Patienten zudem bestrahlt. Auch bei der Therapie des Lungenkrebs macht die Immuntherapie immer öfter von sich reden. Das innovative Medikament macht hier eine sogenannte Checkpoint-Blockade. Die Checkpointblockade funktioniert wie folgt: Im Immunsystem gibt es Zellen, die Krebszellen zerstören und Teile der Krebszelle an ihrer Oberfläche präsentieren. Bestimmte Immunzellen, sogenannte T-Zellen, erkennen diese Strukturen. Im Kampf gegen Krebs sind die T-Zellen aktiviert. Oft bremst jedoch ein Signal von einem so genannten Checkpoint diese Aktivierung. (Manche Tumoren aktivieren nämlich gezielt diese bestimmten Kontrollpunkte) Im gesunden Organismus verhindern diese "Immun-Checkpoints" eine überschießende Reaktion des Immunsystems gegen eigene, gesunde Zellen, sogenannte Autoimmunreaktionen.

Krebs mit den eigenen Waffen schlagen

In den letzten Jahren wurden nun Antikörper entwickelt, die sich gegen diese "Bremsen" im kranken Immunsystem richten. Das Medikament blockiert den Checkpoint, die T-Zellen können wieder ungehindert ihre Arbeit fortsetzen - und Lungenkrebszellen zerstören. Diese Immun-Checkpoint-Inhibitoren bewirken also, dass das Immunsystem den Tumor wieder verstärkt selber angreift. Teilweise führt die Immuntherapie dazu, dass der Tumor samt Metastasen gänzlich verschwindet. Onkologen sprechen von "kompletter Remission".  

Impfen gegen Krebs

Eine weitere innovative Strategie der Krebstherapie ist die "Impfung gegen den Tumor". Durch sie soll das Immunsystem lernen, den Tumor selbst zu erkennen und zu bekämpfen. Im Gegensatz zu den üblichen Schutzimpfungen, die vorbeugend gegeben werden, wirkt diese Impfung erst, wenn Krebs bereits ausgebrochen ist. Daher bezeichnet man sie als therapeutische Impfung.

Wichtig sind dabei sogenannte Tumorantigene: Merkmale, die typisch für Krebszellen sind und auf gesunden Körperzellen gar nicht oder nur in anderer Form oder Häufigkeit vorkommen. Auf solche Antigene soll das Immunsystem "angesetzt" werden und Zellen vernichten, die diese Merkmale tragen. Geimpft wird dabei entweder mit Teilen von Krebszellen. Oder man verändert Immunzellen außerhalb des Körpers und trainiert sie sozusagen im Reagenzglas. Diese Zellen sollen dann - zurück im Patienten - den Tumor bekämpfen und/oder weitere Immunzellen aktivieren. Die meisten dieser Ansätze sind bisher experimentell und kein Standard in der Krebstherapie.

Inzwischen sind mehrere Immuntherapeutika zugelassen. Ein Beispiel ist der Antikörper Ipilimumab zur Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem schwarzen Hautkrebs. Weitere Krebsarten, für die es bereits zugelassene Checkpoint-Inhibitoren gibt, sind neben Lungenkrebs beispielsweise Nierenzellkrebs und das Non-Hodkin-Lymphom. Die Mittel sind bisher überwiegend zur Behandlung Betroffener mit fortgeschrittener Erkrankung zugelassen. Doch die Immuntherapie ist kein Wundermittel. Wie bei allen Krebsformen wirkt auch sie nicht bei allen Patienten. Schlägt die Immuntherapie aber einmal an, sind die Resultate oft herausragend.

Die Behandlung mit Immun-Checkpoint-Hemmern erfordert immer die besondere Expertise der Onkologen. Denn in einigen Fällen können schwere Nebenwirkungen wie zum Beispiel Entzündungen in bestimmten Drüsen, Leber, Darm oder der Lunge, Hautausschläge, Durchfall, Juckreiz auftreten. Die Nebenwirkungen treten meist innerhalb von wenigen Tagen auf, können sich aber auch erst nach vielen Monaten entwickeln.

Auch an der Berliner Charité wurde schon vor über zehn Jahren in experimentellen Studien mit der "Krebsimpfung" begonnen. Einige wenige Patienten profitieren bis heute davon. Diese Art der Immuntherapie kann aber bei weitem keine so große Zahl an Immunzellen wieder "scharf" machen, wie neuere Ansätze (s.u. CAR-T-Zelltherapie). Alle drei bis sechs Monate erhalten Betroffene mit Leukämie diese Impfung, die das Immunsystem quasi sensibilisieren soll, um die bösartigen Leukämiezellen zu erkennen und selbst zu vernichten.

Impfung gegen Leukämie

Der Begriff "Leukämie" steht für eine Gruppe von Krebserkrankungen des blutbildenden Systems, die sich bezüglich Häufigkeit, Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Heilungsaussichten zum Teil stark voneinander unterscheiden. Eine Leukämie ist bei einem Teil der Patienten durch eine stark erhöhte Zahl weißer Blutkörperchen im Blut gekennzeichnet. Leukämien sind im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen relativ selten. In Deutschland machen sie etwa 2,4 Prozent aller Tumorerkrankungen aus. Pro Jahr erkranken etwas mehr als 11.400 Menschen an den verschiedenen Formen der Leukämien.

Gentherapie macht Leukämiekranken große Hoffnung

Bei der Leukämie gibt es neben der Impfung noch weitere neue Therapieansätze: Die Behandlung mit sogenannten CAR-T-Zellen, also genetisch veränderten T-Zellen, konnte zum Beispiel bei Patienten mit kindlicher akuter lymphatischer Leukämie noch Therapieerfolge erzielen, wenn andere Behandlungsformen erfolglos waren.

Für die CAR-T-Zelltherapie werden im Labor T-Zellen aus dem Blut des Patienten isoliert und vermehrt. Dann wird ein Stück künstlich hergestellter DNA in die T-Zellen geschleust. Diese DNA enthält einen Bauplan, mit dem die T-Zelle ein Erkennungsmerkmal herstellen kann, den so genannten CAR-Rezeptor. Die aus dem Blut des Patienten gefilterten T-Zellen werden also im Labor mit Hilfe eines viralen Vektors genetisch verändert, dann vervielfacht und dem Patienten als Infusion wieder verabreicht. Durch die Genmanipulation bilden die T-Zellen an der Oberfläche also den CAR-Rezeptor (Chimeric Antigen Receptor) zur Erkennung eines speziellen Antigens, das auf Krebszellen vorkommt. Erst mit ihm können die T-Zellen die Krebszellen im Blut wieder erkennen und vernichten. Werden die CAR-T-Zellen fündig, greifen sie die Krebszellen an und vervielfältigen sich. Allein eine solche T-Zelle kann so 1000 Tumorzellen zerstören.

Bisher ist die Gentherapie noch nicht zugelassen

Die CAR-T-Zelltherapie ist in Deutschland noch nicht zugelassen. In Europa könnte die Europäische Kommission mithilfe des sogenannten beschleunigenden Prime-Verfahrens jedoch noch 2017 grünes Licht für die CAR-T-Zell-Therapie geben. Drei Anträge liegen der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) bereits vor. Zunächst sind Schwerstkranke, für die keine andere Option mehr besteht, die Zielgruppe.

CAR-T-Zellen würden damit nach den sogenannten Checkpoint-Inhibitoren zum jüngsten vielversprechenden Zuwachs bei den Immuntherapien gegen Krebs. Im Vergleich zur Impfung birgt der CAR-T-Ansatz enorme Potenziale. Dieses Potential zu erforschen und einen funktionierenden Therapieansatz zu entwickeln, erwies sich bisher als schwierig. Es gibt mehr als 200 klinische Studien, die meisten laufen in den USA und sind noch nicht abgeschlossen. Klar ist aber schon jetzt: Auch die CAR-T-Zelltherapie wird nicht bei jedem jeder Patient eine Wirksamkeit zeigen. Denn eine der wichtigsten Voraussetzung, damit die Zelltherapie wirkt, ist die Vermehrung der CAR-T-Zelle. Bei einigen Patienten vermehren sich die CAR-T Zellen jedoch nicht ausreichend.

Die Kombination von Therapien

Inzwischen werden verschiedene Immuntherapien, aber auch Immuntherapie und Chemo- sowie Strahlentherapie miteinander kombiniert. Bei Brustkrebs weiß man zum Beispiel, dass bei manchen Patientinnen die Chemotherapie besser wirkt, wenn zusätzlich eine Immuntherapie gegeben wird. Die Forscher hoffen, dass dadurch mehr Krebspatienten geholfen werden kann. Bislang sind die Erfolgsraten der Immuntherapie sehr unterschiedlich. Es gibt Tumorerkrankungen wie das Melanom, der schwarze Hautkrebs, bei 60 bis 70 Prozent der Patienten ansprechen. Beim Lungen- Blasen- und Magenkarzinom sind es etwa 20 Prozent, denen die Immuntherapie hilft. Insgesamt sprechen rund ein Drittel der Patienten auf die neuen Immuntherapien an. Werden sie kombiniert könnte sich das in Zukunft auf 60 bis 70 Prozent steigern lassen. Allerdings könnten dann auch die Nebenwirkungen stärker sein, so dass solche Therapieansätze auf jeden Fall nur in dafür spezialisierten Zentren stattfinden sollten.

Filmbeiträge: Ursula Stamm
Infotext: Beate Wagner

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