Tablettenpackungen, Quelle: BERTRAND BECHARD / MAXPPP Colourbox
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- Strategien gegen Tablettensucht

Zwei Millionen Deutsche sind medikamentenabhängig: Sie betäuben sich täglich mit Schmerz-, Schlaf- oder Beruhigungsmitteln. Aber warum und wie schlittert ein Mensch in so eine Abhängigkeit? Und wie schaffen Patienten den Entzug? Die rbb Praxis hat nachgefragt.

Stress, Angst vor Arbeitslosigkeit, die doppelte Last durch Familie und Beruf – immer mehr Deutsche greifen zu Tabletten, um den Alltag in den Griff zu bekommen. Wenn der Kopf brummt, wird eine Kopfschmerztablette genommen. Kann man abends nicht einschlafen, folgt der Griff zur Schlaftablette. Dass man nach den Tabletten süchtig wird, merken viele erst, wenn sie auch am Wochenende oder im Urlaub nicht auf ihre Pillen verzichten können.

Bis zu zwei Millionen Betroffene

Dem aktuellen Bundesdrogen- und Suchtbericht zufolge wird die Anzahl der Arzneimittelabhängigen in Deutschland auf 1,4 bis 1,5 Millionen geschätzt – manche gehen von bis zu zwei Millionen Betroffenen in der erwachsenen Bevölkerung aus. Der Grund für die hohe Dunkelziffer: Die Tablettensucht ist unauffällig. Süchtige können ihren Alltag ganz normal bewältigen, wirken angepasst und unauffällig. Oft handelt es sich um eine „Niedrigdosisabhängigkeit“: Den Betroffenen reichen ein paar Tabletten pro Tag aus – die schnell zwischendurch geschluckt werden.
Die Arzneimittelabhängigkeit in Deutschland steht damit auf Platz zwei der Süchte: nach Tabak, aber vor Alkohol.

Nicht folgenlos

In den meisten Fällen handelt es sich bei einer Tablettensucht um eine Abhängigkeit von Schmerz-, Beruhigungs- oder Schlafmitteln. Der Großteil davon wird auf Privatrezept verschrieben. Dadurch wird eine kritische Arzneimittelversorgung verschleiert, denn diese Mittel werden an keiner Stelle systematisch erfasst und ausgewertet. Nach Angaben der Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sind vier von fünf Betroffenen von so genannten Benzodiazepinen abhängig.
Das Problem: Auf Dauer kann die Abhängigkeit große körperliche Schäden anrichten, vor allem an Leber und Nieren. Entzugserscheinungen können zu Unkonzentriertheit, Aggression und Unfällen führen, immer weiter steigende Dosierungen zu Schäden der eigenen Gesundheit und zu Gewalt und Beziehungsproblemen in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz.

Meist ältere Frauen

Zwei Drittel der medikamentenabhängigen Menschen sind Frauen. Denn während es bei Männern gesellschaftlich akzeptiert ist, sich bei Problemen einen „hinter die Binde zu gießen“, gilt das bei Frauen als verpönt. Frauen greifen daher eher zu Tabletten. Zudem verschreiben Ärzte Frauen häufiger Schmerzmittel bei frauenspezifischen Beschwerden wie Menstruationsschmerzen, Beschwerden in der Schwangerschaft oder während der Menopause.
Die meisten der Betroffenen sind 65 Jahre und älter – mit teils gravierenden Auswirkungen: Durch einen reduzierten Stoffwechsel sammelt sich der Wirkstoff im Körper. Nicht nur die Wirkung verstärkt sich, auch die Nebenwirkungen nehmen zu: Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit oder der Gangunsicherheit, oft verbunden mit Stürzen und schwer heilenden Knochenbrüchen.

Die Rolle des Arztes

Ärzte spielen in vielen Suchtfällen oft eine nicht unerhebliche Rolle: Sie verschreiben unkritisch immer wieder Tabletten, ohne weiter nachzufragen. Den Betroffenen selbst ist ihre Abhängigkeit oft nicht bewusst, da ihnen das Medikament ärztlich verordnet wird.
Experten wünschen sich deshalb vermehrt Präventionsmaßnahmen bei der Verschreibung von Arzneimitteln, die Patienten und Verbrauchern nutzen. Eine davon kann die 4K-Regel sein:
• Klare Indikation:
Verschreibung nur bei klarer vorheriger Indikationsstellung und Aufklärung des Patienten über das bestehende Abhängigkeitspotenzial und mögliche Nebenwirkungen, keine Verschreibungen an Patientinnen und Patienten mit einer Abhängigkeitsanamnese
• Korrekte Dosierung:
Verschreibung kleinster Packungsgrößen, indikationsadäquate Dosierung
• Kurze Anwendung:
Therapiedauer mit Patientinnen und Patienten vereinbaren, kurzfristige Wiedereinbestellungen, sorgfältige Überprüfung einer Weiterbehandlung
• Kein abruptes Absetzen:
Zur Vermeidung von Entzugserscheinungen und Rebound-Phänomenen nur langsam ausschleichen und nicht abrupt absetzen

Wege aus der Sucht

Obwohl fast so viele Menschen von Medikamenten wie von Alkohol abhängig sind, nimmt weniger als ein Prozent stationäre oder ambulante Hilfe gegen die Sucht in Anspruch.
Erste Anlaufstelle bei der Suche nach Hilfe kann der Hausarzt sein oder eine spezielle Beratungsstelle (siehe Adressen). Je nach Ausprägung der Sucht folgt ein ambulanter oder stationärer Entzug. Die Entgiftung dauert bei Medikamenten länger als bei Alkoholsucht, denn sie kann nur stufenweise erfolgen. Damit der Entzug auch dauerhaft Erfolg hat und Rückfälle vermieden werden, muss im Anschluss an den Entzug eine ambulante oder stationäre Entwöhnungstherapie erfolgen. Denn nur wenn die Betroffenen neue Strategien zur Lösung ihrer Probleme erlernen und diese verinnerlichen, lässt sich der erneute Griff zur Tablette dauerhaft vermeiden.

Filmbeitrag: Jana Kalms
Infotext: Constanze Löffler

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