Frau legt Kopf auf den Tisch und schläft (Quelle: imago/Westend61)
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- Fatigue – Hilfe gegen die lähmende Müdigkeit

Krebskranke Menschen können unter Fatigue leiden, aber auch Betroffene von Multipler Sklerose, Rheuma oder Parkinson. Auch ein eigenes Krankheitsbild, das Chronische Erschöpfungssyndrom, betrifft zunehmend mehr Menschen. Sie alle stoßen mit ihrer schnellen Erschöpfbarkeit auf zu wenig Verständnis und Hilfe von ihrer Umgebung und oft auch von Ärzten.

Totale Erschöpfung, körperliche Schwäche, Kraftlosigkeit, die sich schon durch kleinste Belastungen verschlimmert: Zu den typischen Beschwerden einer sogenannten Fatigue kommen viele weitere, die die Lebensqualität der Patienten stark einschränken.

Die Betroffenen beschreiben Muskelschmerzen, grippale Symptome, Herzrasen, Schwindel, Benommenheit, Blutdruckschwankungen, immunologische Symptome wie schmerzhafte und geschwollene Lymphknoten, Halsschmerzen, Atemwegsinfekte, eine erhöhte Infektanfälligkeit und eine Überempfindlichkeit auf Sinnesreize.

Das Erschöpfungssyndrom kann Folge anderer Erkrankungen sein, so zum Beispiel Krebs, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Rheuma, Aids, Schilddrüsenkrankheiten oder eine Blutarmut. Fatigue kann sich aber auch eigenständig entwickeln. Wegen der zahlreichen Ursachen ist die Zahl der an Fatigue erkrankten Menschen nicht eindeutig bekannt.  

Ähnlich verhält es sich mit der Diagnose: Weil die Symptome so zahlreich und unterschiedlich sind, wird die Diagnose oft erst nach Jahren und nach Ausschluss anderer Krankheiten gestellt. Ein deutliches Anzeichen ist eine belastungsbedingte Zunahme der Symptome. Die Erschöpfung steht eindeutig nicht im Verhältnis zur Anstrengung und ist auch durch Schlaf oder Erholung nicht auszugleichen. Schon der Gang zum Supermarkt kann dabei so viel Kraft kosten, dass danach für einige Stunden keine weitere Aktivität mehr möglich ist. Ein Biomarker zur eindeutigen Diagnose fehlt bisher. Viele Betroffene verlassen das Haus nicht mehr, sind pflegebedürftig, bettlägerig, arbeitsunfähig. Meist beginnt die Krankheit mit einem Infekt.

Zumindest ein wenig eindeutiger lässt sich das Erschöpfungssyndrom fassen, wenn es infolge einer Krebserkrankung auftaucht. Die Gründe für eine tumorbedingte Fatigue sind verschieden: Mal vertragen Betroffene die Therapie nicht. Mal ist diese akute Fatigue ein erster Hinweis darauf, dass der Krebs fortschreitet. Nicht selten leiden Krebspatienten unter der Kraftlosigkeit auch erst, wenn die Erkrankung unter Kontrolle oder sogar überstanden ist. Oder gar Jahre später, wenn sie längst als geheilt gelten.

Auch bei Krebs ist Fatigue nicht gleich Fatigue: Einige Patienten sind neben der Müdigkeit aber vor allem körperlich schwach und haben das ständige Bedürfnis nach Ruhe. Andere Betroffene beschreiben ihre Erschöpfung als psychisches Problem: Sie sind traurig, fühlen sich antriebslos, jede Aktivität erfordert unendlich viel Kraft. Auch Konzentrationsprobleme und Vergesslichkeit können auftreten.

Experten forschen noch an den Ursachen

Was die genaue Ursache der schweren Fatigue ist, wissen Experten heute noch nicht genau. Einige Studien sprechen für einen gestörten Energiestoffwechsel. In jeder Zelle gibt es sogenannte Mitochondrien, die wie kleine Kraftwerke aus Kalorien Energie in Form des Moleküls ATP (Adenosintriphosphat) produzieren. Bei der schweren Fatigue könnte, so die Vermutung der Wissenschaftler, eine gestörte ATP-Produktion und/oder beschädigte Mitochondrien die Ursache sein. Andere Studien weisen auf eine chronische Überaktivierung des Immunsystems hin. Auch virale Infektionen wie durch das Epstein-Barr-Virus werden als Auslöser diskutiert.

An der Charité gibt es seit Juni 2016 eine Fatigue-Sprechstunde, die sich speziell an Betroffene wendet. Diese erhalten hier unter anderem Schulungen, um Strategien im Umgang mit der Erschöpfung zu entwickeln. Auch sportliche Aktivität gehört dazu. Zudem gibt es unter Ärzten verschiedener Disziplinen einen regen Austausch über die Erforschung und Behandlung der Fatigue.

So forschen die Ärzte an der Charité beispielsweise zu Immuntherapien. Zusammen mit einer norwegischen Gruppe testen sie in einer Studie den Wirkstoff Rituximab. Der Antikörper kommt schon bei Rheuma und Krebs zum Einsatz. Ein Zufall hatte gezeigt, dass er auch gegen Fatigue helfen kann. Erste Ergebnisse erwarten die Forscher für Anfang 2018. Bestätigen sich die guten Ergebnisse der vorausgegangenen Untersuchung, hoffen die Experten auf eine baldige Zulassung des Antikörpers auch für die Fatigue.

Akupunktur lindert Fatigue bei MS-Patienten

Für das Erschöpfungssyndrom gibt es bisher keine zugelassene Behandlung oder Heilung. Ärzte lindern daher nur die Beschwerden der Patienten. Auch Akupunktur kann zusätzlich zur Normalversorgung sehr hilfreich sein. Das hat eine randomisierte, nicht verblindete Studie der Charité und des Exzellenzclusters Neurocure nachgewiesen. Insgesamt wurden 83 Patienten mit Multiple Sklerose (MS) und mit Fatigue in zwei Gruppen unterteilt. Zusätzlich zur herkömmlichen Behandlung erhielten 42 Betroffene 24 Akupunktursitzungen, 41 Patienten keine weitere Behandlung. Die Akupunktur erfolgte zweimal in der Woche eine halbe Stunde lang von chinesischen Ärzten nach einem bestimmten Schema. Da es kaum Optionen gegen die Fatigue gibt, hatten die meisten anderen Patienten der Kontrollgruppe keine fatiguespezifi¬sche Behandlung erhalten. Nur wenige Patienten nahmen Medikamente wie Amantadin ein. Die Studie lief von 2013 bis 2015.

Krankenkassen zahlen nicht für Akupunktur bei MS

Ergebnis: Fast allen MS-Patienten aus der Studie hat die Akupunktur geholfen. Die Akupunktur konnte die Fatigue in der Interventionsgruppe klinisch relevant bessern. Der Erfolg wurde mit dem so genannten Fatigue Severity Scale gemessen. Der Fragebogen umfasst neun Fragen, die auf einer Skala von ein bis sieben beantwortet werden können. Ab einem Wert von vier spricht man von einer klinisch relevanten Fatigue. Die Akupunktur hat den Durchschnittswert der Teilnehmer um durchschnittlich 0,6 Prozentpunkte abgesenkt. Das ist in der Fatigue-Forschung ein signifikanter Effekt. Die gute Wirkung aus der Akupunkturstudie bezieht sich allerdings nur auf die durch MS erzeugte Fatigue. Ob sie auch anderen Fatigue-Patienten helfen kann, ist unklar. Interessierte Patienten können sich an der Charité nach dem speziellen Schema erkundigen, mit dem die Probanden genadelt wurden - und sich dann von ihrem Therapeuten entsprechend behandeln lassen. Die Charité bietet selbst keine Akupunktursitzungen an. Die Krankenkassen erstatten Akupunktur bei MS-Patienten mit Fatigue bisher noch nicht.

In einem weiteren Forschungsprojekt suchen Neurologen der Charité mithilfe des MRT nach bestimmten Veränderungen im Gehirn. Sie wollen wissen, ob bei Menschen mit Fatigue die Kommunikation von bestimmten Strukturen im Inneren des Gehirns, die sogenannten Basalganglien, verändert ist. Die Kommunikation kann wohl vermindert oder auch verstärkt sein - typischerweise ist aber eine bestimmte Kommunikationssignatur zu erkennen. Je ausgeprägter diese ist, je stärker ist auch die Fatigue. In dem Forschungsprojekt der Neurologen werden demnächst die MRTs der Patienten aus der Akupunkturstudie ausgewertet. Die Studie wird zeigen, ob die Hypothese der Forscher stimmt, dass Akupunktur die gestörten Netzwerke im Gehirn bei Fatigue wieder synchronisieren kann.

Filmbeiträge: Ursula Stamm
Infotext: Beate Wagner

Im Beitrag

  • Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen

  • Prof. Dr. Carsten Finke

  • Dr. med. Judith Bellmann-Strobl

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