Schulterbereich eines Skelettes rot eingefärbt (Quelle: imago/Science Photo Library)
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- Schulterschmerzen - wird zu viel operiert?

Eine aktuelle britische Studie will nachgewiesen haben: Viele Eingriffe an der Schulter sind nutzlos. Welche Art Operationen trifft dieser Vorwurf? Ist das in Deutschland auch der Fall? Und was sollen verunsicherte Patienten jetzt tun, wem glauben? Die rbb Praxis fragt nach.

Das Schultergelenk wird gebildet von der Gelenkpfanne des Schulterdachknochens, das sogenannte Akromion, und dem Oberarmknochen. Dieses Kugelgelenk ist das beweglichste Gelenk unseres Körpers und erlaubt den Armen unterschiedlichste Stellungen bei großem Bewegungsumfang. Der Grund für diese umfassende Beweglichkeit ist, dass der Gelenkkopf nicht – wie bei der Hüfte – fest in einer Gelenkpfanne festsitzt, eigentlich liegt er ihr nur auf. Deshalb spielen eine ganze Reihe von Muskeln, Bändern und die Gelenkkapsel eine wichtige Rolle - diese sogenannte Rotatorenmanschette sichert das Gelenk. Der Preis für die hohe Beweglichkeit: Das Gelenk ist sehr empfindlich und anfällig für Verletzungen und Verschleiß.

Schulterschmerz ist häufig

Schmerzen in der Schulter sind ein häufiges orthopädisches Problem. Oft nehmen sie im Laufe der Zeit immer stärker zu, die Beweglichkeit ist zunehmend eingeschränkt. Betroffene berichten häufig, dass sie nur schwer in den Mantel schlüpfen können, die Hände hinter dem Rücken (zum sogenannten Schürzengriff) nicht mehr zusammenbekommen oder die Vase oben auf dem Regal nicht mehr erreichen.

Schulterenge oder Impingement

Eine der Ursachen für derartige Beschwerden kann ein sogenanntes Impingement-Syndrom sein. Das englische Verb "to impinge" bedeutet ‚anschlagen oder aufprallen’. Und was heißt das an der Schulter? Hier gibt es eine Engstelle zwischen Akromion und Oberarmkopf. Durch diesen Engpass führen Nervenstränge, Blutgefäße, Sehnen und Muskeln. Wird es dort dauerhaft zu eng, schlägt der Kopf des Schultergelenks an das Schulterdach. Es entsteht das Impingement-Syndrom oder das "Syndrom der engen Schulter". Etwa zehn Prozent der Bevölkerung leiden darunter; bis zu 70 Prozent aller Schulterprobleme sind auf solche beengten Verhältnisse in der Schulter zurückzuführen.

Diese Einengung kann strukturell bedingt sein, beispielsweise durch Kalkablagerungen in der Schulter oder einen Knochensporn. Beide entstehen durch dauerhafte Überbelastung des Gelenks. Die "Schulterenge" kann jedoch auch durch ein Ungleichgewicht der Muskeln ausgelöst werden, die das Gelenk umgeben. So führt ein krummer Rücken dazu, dass die Brustmuskeln ständig überaktiv sind. Diese Verspannungen ziehen an der Schulter und setzen diese auf Dauer schmerzhaft unter Druck. Auch Schleimbeutelentzündungen infolge einer Fehlbelastung können sich schmerzhaft bemerkbar machen.

Wie therapieren?

Als erstes sollten Betroffe belastende Bewegungen vermeiden, welche die Beschwerden auslösen, egal ob sportlicher oder beruflicher Natur. Um die Schulterenge zu therapieren, stehen dem Schulterspezialisten verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Zum einen nutzt er konservative Verfahren wie
• Medikamentöse Therapie (Schmerzmittel wie NSAR
• Physikalische Therapie wie Kältetherapie
• Injektionsverfahren (Infiltration mit Kortison, maximal 3 bis 5 Behandlungen)
• Krankengymnastik, Muskelaufbau und Verbesserung der Beweglichkeit
• Stoßwellenbehandlung

Bessern sich die Beschwerden trotz intensiver, konservativer Behandlung auch nach sechs Monaten nicht, tendieren Orthopäden zu einer Operation. Den Eingriff bezeichnet man als subacromiale Dekompression. Der Chirurg erweitert den eingeengten Raum, damit die Sehnen wieder genug Platz für eine reibungsfreie Bewegung haben. Dafür glättet er den Unterrand des Schulterdachs und entfernt - abhängig vom Ausmaß der Bewegungseinschränkung - einen Teil des Vorderrandes. Die Korrekturen werden meistens arthroskopisch durchgeführt.

Englische Studie mit überraschenden Ergebnissen

Die arthroskopische Schulterdekompression hat in den letzten Jahren einen immensen Zuspruch erlebt. Wurden im Jahr 2000 beispielsweise in England gerade mal 2000 derartige Prozeduren durchgeführt, waren es 2010 bereits 21.000.
In einer im November 2017 im britischen Ärzteblatt Lancet veröffentlichten Studie hinterfragten die Autoren nun den Sinn des Eingriffs. Zuvor hatten sie Patienten mit Schulterbeschwerden in drei Gruppen aufgeteilt: in eine, in der die Patienten eine arthroskopische Schulterdekompression erhielten, in eine, in der die Patienten nur eine Arthroskopie mit einer "Schein-Dekompression" bekamen und in eine, in der die Patienten gar nicht behandelt wurden.

Kein Vorteil durch OP?

Sechs Monate nach den Eingriffen verglichen sie die Behandlungsergebnisse. Erstaunlicherweise gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen der Dekompressions- und einer Schein-OP. Damit konnten die Autoren zeigen, dass die Dekompressionstherapie das klinische Ergebnis nicht signifikant beeinflusst. Insgesamt wiesen die operierten Patienten kaum Unterschiede zu den Patienten auf, bei denen gar nichts gemacht wurde. Zukünftig, so die Empfehlung eines kommentierenden Artikels zur Studie, sollte der Fokus bei der Behandlung des Impingement-Syndroms deshalb auf der Entwicklung konservativer Behandlungsprogramme liegen, die auf Bewegung basieren und mit Taping, manueller Therapie, extrakorporaler Stoßwellenlithotripsie oder Laserbehandlung kombiniert werden.

Intensive Beratung ist gefragt

In vielen Medien wurde die Studie undifferenziert wiedergegeben, so dass der Eindruck entstehen konnte, dass von Schulter-Operationen generell abzuraten ist, dass im Bereich der Schulter generell zu häufig operiert wird. Eine Operations-Empfehlung hängt jedoch individuell vom jeweiligen Krankheitsbild ab. Somit ist eine gründliche, intensive Beratung vor einem Eingriff notwendig. Idealerweise sollte man sich dazu an einen Schulter-Experten wenden.

Filmbeitrag: Johannes Mayer
Infotext: Constanze Löffler

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