Zecke auf Grashalm (Quelle: imago/blickwinkel)
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- Zecken - Wie gefährlich sind sie wirklich?

Einige Wissenschaftler halten sie für das gefährlichste Tier, das es in Deutschland in freier Natur gibt: die Zecke. Im Winter haben die Blutsauger nur kurz Ruhe gegeben, jetzt sind sie wieder richtig aktiv. Jedes Jahr wird vor der Gesundheitsgefahr durch Zecken gewarnt - aber wie ernst ist die Lage in Berlin und Brandenburg wirklich? Und wie können Sie sich schützen? Die rbb Praxis hat aktuelle Antworten.  

Jedes Jahr im Frühling greift sie wieder um sich: die weit verbreitete Furcht vor einem Zeckenstich - zu Recht. Denn Zecken können verschiedene Erreger in sich tragen, die zu schweren Krankheiten führen. Hierzulande sind das vor allem die Borreliose und Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME).

Ein Zeckenstich bleibt zunächst oft unbemerkt. Anders als viele Menschen glauben springen oder hüpfen die Tierchen nicht. Zecken lassen sich auch nicht von Bäumen fallen. Sie warten geduldig auf ihre Opfer und hängen sich an sie. Sie sitzen in einer maximale Höhe von 1 - 1,5 Metern. Haben sie es dann auf die menschliche Haut geschafft, durchstechen sie sie und saugen sich dort an einem möglichst feuchten, warmen Platz am Körper des Opfers stundenlang fest. Vollgesogen mit Blut blähen sich erwachsene Zecken auf das Zehnfache ihrer Körpergröße auf.

Mehr Lebensraum für Zecken

Im Land Brandenburg gibt es Zecken flächendeckend fast überall. Der Lebensraum der Zecken hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend ausgeweitet. Ging man früher davon aus, dass die Spinnentiere sich vor allem im feuchten Wald, Unterholz und im hohen Gras tummeln, weiß man es heute besser: Die kleinen Sauger warten auch in den Gärten, Parks und Kleingartenkolonien der Städte auf die nächste Blutmahlzeit. Experten machen vor allem Vögel, Haus-, Wild- und Nagetiere für die zunehmende Verbreitung der Zecken verantwortlich.  

Wissenschaftler kennen weltweit rund tausend verschiedene Zeckenarten. Hierzulande sind etwa zwanzig Arten verbreitet. Dazu zählt einerseits der Holzbock - er macht bis zu 90 Prozent aller Zecken in der Umgebung aus. Eine zunehmende Verbreitung erfährt aber auch die Auwaldzecke.

Auch die Kleinsten sind schon gefährlich

Zecken durchlaufen drei Entwicklungsstufen: Sie werden als winzige Larven geboren, häuten sich dann zur Nymphe und weiter zur erwachsenen Zecke. Die millimetergroßen Larven und Nymphen sind auf der Haut zwar kaum zu entdecken. Doch auch sie sind schon gefährlich – denn schon in diesem Stadium können Zecken Krankheitserreger übertragen. Da sie so klein sind, bemerken Menschen oft nicht, dass die Zecke zugestochen hat.

Zecken können Borrelien übertragen. Die Ansteckung mit den Bakterien erfolgt nicht von jetzt auf gleich. Vielmehr befinden sich die Borrelien erst im Darm der Zecke. Die Zecke muss dann eine längere Zeit saugen, bevor der Erreger übertragen wird. Das Infektionsrisiko steigt nach einer Saugzeit von mehr als zwölf Stunden erheblich. Entfernt man die Zecke frühzeitig, ist das Übertragungsrisiko dagegen nur sehr gering.  

Wie hoch ist die Gefahr der Ansteckung?

Verursacht wird eine Borreliose hierzulande durch die drei Spezies Borrelia garinii, Borrelia afzelii und Borrelia burgdorferi. Anders als die ebenfalls von Zecken übertragenen Erreger der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) trifft man Borrelien in ganz Deutschland an.
Die Borreliose ist mit geschätzten 60.000 bis 100.000 Neuerkrankungen pro Jahr die häufigste durch Zecken übertragene Infektionserkrankung in Deutschland.

Das Vorkommen von Borrelien in Zecken schwankt stark und kann bis zu 30 Prozent betragen. Nach Untersuchungen aus Deutschland und der Schweiz wurde nach einem Zeckenstich dann aber nur bei 2,6 bis 5,6 Prozent der Betroffenen eine Borrelien-Infektion nachgewiesen. Die Diagnose stellen Ärzte anhand der sogenannten Serokonversion, also das Auftreten von Antikörpern im Blut. Nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt dann tatsächlich. Insgesamt ist bei 0,3 bis 1,4 Prozent der Zeckenstiche mit Beschwerden zu rechnen.

Die Beschwerden sind häufig diffus

Nach der Ansteckung gelangen Borrelien aus dem Magen mit dem Speichel der Zecke in den Blutkreislauf des Menschen und verursachen unterschiedliche Symptome. Zwischen Stich und ersten Anzeichen der Infektionen können Wochen und sogar Monate vergehen. Denn typisch sind unspezifische grippeähnliche Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Fieber, die auch bei anderen Erkrankungen auftreten. Daher dauert es oft sehr lange, bis Ärzte auf eine Borrelien-Infektion als Ursache der Beschwerden kommen.

Die mit Abstand häufigste Erkrankungsform ist die sogenannte Wanderröte (Erythema migrans). Sie tritt einige Tage bis Wochen nach einem Zeckenstich auf. Diese deutliche ringförmige Hautrötung ist oft im Zentrum blasser als am Rand. Der rote Ring wandert dann allmählich nach außen. Häufig leiden Betroffene aber auch an diffusen Beschwerden wie Magenkrämpfen, Muskelkater, Schwellungen und Schmerzen in den Gelenken oder unspezifischen Beschwerden in anderen Körperteilen.

Typische und seltene Folgen der Infektion

Ist das Nervensystem betroffen, kann es zu einer akuten Neuroborreliose kommen. Typisch hierfür sind brennende Nervenschmerzen, die sich vor allem nachts verschlimmern und leichte Lähmungen der Hirnnerven. Je nachdem, welche Hirnnerven betroffen sind, können verschiedenste Symptome wie Taubheitsgefühle, Seh- oder Hörstörungen auftreten. Seltener kommt es zu Lähmungen des Rumpfes und von Armen und Beinen. Sehr selten kann es zu einer Entzündung des Herzens kommen, die sich in Rhythmusstörungen äußern kann.

Einige Monate oder Jahre nach dem Zeckenstich kann auch eine Lyme-Arthritis auftreten. Diese Gelenkentzündung betrifft überwiegend die Kniegelenke. Bei einigen Personen kann sich eine Acrodermatica chronica athropicans entwickeln, eine chronische Entzündung meist an den Innenseiten der Arme und Beine und der Körperenden wie Nase, Finger und Zehen. Die Haut ist an diesen Stellen bläulich und papierartig.  

Wie stellen Ärzte die Diagnose?

Die Diagnose der Borrelieninfektion wird normalerweise durch einen Bluttest gesichert, welcher Antikörper gegen die Borrelien nachweist. Direkt lassen sich die Erreger im Urin, der Gelenkflüssigkeit und der Haut nachweisen. Alle Tests sind in der Frühphase allerdings nur bedingt aussagekräftig: Der Antikörpernachweis kann in den ersten Wochen nur als ein zusätzlicher Beweis dienen. Denn es dauert mindestens zwei Wochen, bis das Immunsystem überhaupt Antikörper bildet. Bei etwa der Hälfte der Patienten mit Wanderröte sind gar keine Antikörper nachweisbar. Andersherum haben häufig auch Gesunde Antikörper gegen Borrelien im Blut – je nach Region, Freizeitaktivität oder Beruf. Hierzulande tragen 5,8 Prozent der Frauen und 13,0 Prozent der Männer Antikörper.

Wer von einer Zecke gestochen wird, sollte den Einstich beobachten. Rötet sich die Haut ringförmig oder treten grippe- und rheumaähnliche Beschwerden auf, sollten Betroffene einen Facharzt aufsuchen, der sich mit Zecken-Infektionen auskennt. Bei den Krankheitsbildern der Spätphase wie zum Beispiel der Gelenkentzündung ist die Bestimmung von Antikörpern hingegen aussagekräftig. Auch Antikörper im Hirnwasser bestätigen den Verdacht auf die spät auftretende Neuroborreliose.

Zunehmend preisen kommerziell orientierte Labors Methoden an, welche die Diagnostik angeblich verbessern sollen. Sie sind jedoch teilweise noch ungeprüft, nur schwer miteinander zu vergleichen und liefern häufig falsch-positive und falsch-negative Befunde. Experten raten deshalb von teuren Selbstzahlertests wie Borrelien-Lymphozyten-Transformationstest (LTT) oder Visual Contrast Sensitivity Test (VCS) ab.

Wirksame Therapie mit Antibiotika

Sind Borrelien erst einmal als Ursache klar, ist die Therapie relativ einfach. Borrelien lassen sich wirksam über zwei Wochen mit Antibiotika behandeln, insbesondere im Frühstadium. Danach gilt die Borreliose normalerweise als ausgeheilt. Die Therapie erfolgt mit Doxycyclin, Amoxycillin oder Cephalosporinen der dritten Generation. Auch in späteren Stadien ist die Therapie meist erfolgreich. Bei der Neuroborreliose müssen die Ärzte die Antibiotika zwingend intravenös verabreichen.

Viele Patienten leiden jahrelang unter einer unerkannten Borreliose. Patienten sollten jedoch auf keinen Fall eigenmächtig Antibiotika nehmen, solange keine definitive Diagnose gestellt ist, denn das kann die Situation verschlimmern. Nach einer vergangenen Infektion besteht kein Schutz vor einer erneuten Erkrankung. Bisher gibt es auch keine wirksame Schutzimpfung gegen eine Borreliose. Eine solche Impfung gibt es derzeit nur gegen die Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME).  

Die FSME verläuft in zwei Phasen

Die FSME wird durch das FSME-Virus verursacht, das durch Zecken auf den Menschen übertragen wird. Der typische Verlauf einer FSME-Erkrankung beginnt mit unspezifischen allgemeinen Krankheitszeichen wie Kopfschmerzen und Fieber meist nach 7 - 14 Tagen. Nach einem kurzen Intervall folgen die spezifischen neurologischen Manifestationen der FSME mit einer Entzündung des Gehirns oder der Hirnhäute. Viele Infektionen verlaufen jedoch ohne Beschwerden oder die zweite Krankheitsphase bleibt ganz aus.

Im Jahr 2017 wurden insgesamt 485 FSME-Erkrankungen an das Robert-Koch-Institut gemeldet – das entspricht einer Zunahme von 40 Prozent gegenüber 2016, wo es nur 348 FSME-Erkrankungen gab. Das Erkrankungsrisiko steigt ab dem Alter von 40 Jahren deutlich an, Männer sind gefährdeter als Frauen. In Deutschland besteht weiterhin ein Risiko für eine FSME-Infektion vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, in Südhessen und im südöstlichen Thüringen. Einzelne Risikogebiete befinden sich zudem in Mittelhessen, im Saarland und in Rheinland-Pfalz. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine FSME-Impfung für Personen, die in FSME-Risikogebieten zeckenexponiert sind.  

Vorbeugen – aber wie?

Lange Hosen, Socken und geschlossene Schuhe erschweren es den Zecken zuzustechen. Nach einem Tag im Wald oder Garten sucht man am besten den ganzen Körper einschließlich Kopfhaut und Genitalien nach Zecken ab. Duschen ist eine weitere gute Vorsichtsmaßnahme. Denn die Zecken krabbeln mitunter noch stundenlang auf dem Opfer umher, bevor sie wirklich zustechen, so dass man sie noch abspülen kann. Getragene Kleidung wird bei mindestens 60 Grad gewaschen. Temperaturen darunter überleben die Zecken in der Waschmaschine.

Wanderer, Camper und Mountainbiker, die sich ständig durch die freie Natur bewegen, tragen am besten zusätzlich zur geschlossenen Kleidung sogenannte Repellents auf die Haut auf. Darin enthaltenen Substanzen halten Zecken und andere blutsaugende Insekten ab. Die Wirkung hält einige Stunden an. Einige Insektensprays sollen eine spezielle "Anti-Zecken-Wirkung" beinhalten. Aber nicht alle Mittel halten, was die Hersteller versprechen, so Stiftung Warentest. Präparate mit ätherischen Ölen wie Lavendel oder Zitronella gelten als eher unwirksam.

Wie entfernt man die Zecke richtig?

Anders als die meisten Insektenstiche ist der Zeckenstich schmerzlos, denn der Speichel hat eine betäubende Wirkung. Deshalb wird die Zecke oft erst bemerkt, wenn sie sich festgesaugt hat. Dann sollte sie möglichst rasch entfernt werden, denn bis die Erreger aus der Zecke in den menschlichen Körper gelangen, dauert es mindestens zehn Stunden. So hat man ausreichend Zeit, die Zecke zu entfernen.

Dafür träufelt man weder Öl noch Klebstoff auf die Zecke, wie es früher oft empfohlen wurde. Das kann die Zecke nur "erschrecken", so dass sie erst recht ihre Erreger ausspuckt. Stattdessen sollte die Zecke mit einer Pinzette, Zange oder einer Zeckenkarte möglichst nah an der Haut gefasst und durch geraden Zug (nicht drehen) entfernt werden. Wichtig ist, dass die Zecke ihren Darm nicht in die Blutbahn ausleert, deswegen sollten die Hilfsmittel tief angesetzt und die Zecke nicht gequetscht werden. Es macht nichts, wenn die Stechwerkzeuge in der Haut verbleiben. Sie fallen nach ein paar Tagen von selbst heraus.  

Beitrag: Johannes Mayer
Infotext: Beate Wagner

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