Glutenfreie Produkte (Quelle: imago/photothek)
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- Zöliakie, Glutenintoleranz oder -sensitivität?

Immer mehr Menschen vertragen Gluten - also das Klebereiweiß aus Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste oder Einkorn - nicht. Der Markt für glutenfreie Produkte boomt, die Nachfrage steigt. Aber stimmt das wirklich - oder ist glutenfreies Essen einfach nur ein Ernährungstrend? Worin besteht der Unterschied zwischen Zöliakie, Glutenintoleranz oder Glutensensitivität? Und wer sollte auf Gluten verzichten? Die rbb Praxis klärt auf.

Zöliakie = Glutenunverträglichkeit
Blähungen, Durchfälle, Bauchschmerzen - das sind typische Symptome für eine Glutenunverträglichkeit. Die Zöliakie, beim Erwachsenen auch einheimische Sprue genannt, ist eine chronische Erkrankung des Dünndarms, die auf einer lebenslangen Unverträglichkeit gegenüber dem Klebereiweiß Gluten beruht. Neben Weizen enthalten auch Hafer, Roggen und Dinkel den natürlichen Eiweißstoff.

Essen Menschen mit einer Zöliakie Gluten, entzündet sich ihr Dünndarm. Dadurch bilden sich die Dünndarmzotten zurück. Die Darmoberfläche schrumpft, so dass die Betroffenen nicht mehr genügend Nährstoffe aufnehmen. So entstehen im Laufe der Erkrankung Nährstoffdefizite, die eine Reihe der Beschwerden auslösen. Die Therapie ist einfach: Wer eine Glutenunverträglichkeit hat, der muss auf die Lebensmittel verzichten, die den entzündlichen Stoff enthalten.

Bei der Zöliakie spielen erbliche Faktoren eine wichtige Rolle. Oft tritt die Autoimmunerkrankung schon im Kindesalter auf. Doch es kann Jahre dauern, bis die Betroffenen wirklich wissen, worunter sie leiden. Denn zahlreiche Symptome im Darm und außerhalb verschleiern die Diagnose. So können Übelkeit, Erbrechen, Mattigkeit, Durchfälle, Herzstolpern und Gewichtsschwankungen auftreten. Nach und nach verschlechtern sich die Blutwerte für Eisen, Folsäure und andere wichtige Mineralstoffe, und es treten Mangelerscheinungen auf.

Früher war die Zöliakie eine seltene Erkrankung; heute leidet bis zu einem Prozent der Bevölkerung an der vererbbaren immunologisch bedingten Systemerkrankung. Allerdings hat nur jeder fünfte bis zehnte Patient das Vollbild einer Zöliakie, bei dem die Betroffenen selbst auf Spuren des Stoffes mit heftigen Beschwerden reagieren. Der Großteil hat untypische oder keine Symptome und weiß daher oft nichts von seiner Erkrankung.

Für eine eindeutige Diagnose entnimmt der Spezialist während einer Magen-Darm-Spiegelung Gewebeproben des Zwölffingerdarms, dem ersten Abschnitt des Dünndarms. Die Diagnose ist wichtig, denn Zöliakie-Betroffene haben ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs. Mit einer konsequent glutenfreien Diät lässt sich dieses Risiko jedoch gut beherrschen. Im Vergleich zu früher müssen Menschen mit Glutenunverträglichkeit heute kaum mehr auf etwas verzichten; Brot, Nudeln, Mehl, und Pizza - fast alle Nahrungsmittel gibt es heute auch glutenfrei. Auch viele Restaurants bieten mittlerweile glutenfreies Essen an.

Glutensensitivität

Mittlerweile geht die Fachwelt davon aus, dass es auch eine sogenannte Glutensensitivität (Non-coeliac gluten sensitivity, NCGS) gibt. Die Rate der Betroffenen für eine Glutensensitivität ist nicht bekannt. Sie könnte jedoch häufiger als eine Zöliakie sein. Wissenschaftler der Charité Berlin glauben beispielsweise, dass etwa jeder fünfte Patient mit einem Reizdarmsyndrom eigentlich unter einer Glutensensitivität leidet.

Das Problem: Bislang gibt es keine Marker oder Blutwerte, welche eine Glutensensitivität tatsächlich bestätigen. Die Darmschleimhaut sieht bei den Betroffenen völlig normal aus. Der Körper bildet keinerlei IgE-Antikörper wie bei einer Gluten- oder Weizenallergie. Insofern ist die Diagnose eine Ausschlussdiagnose: Gehen die Beschwerden nach zwei Wochen glutenfreier Diät weg, kann man davon ausgehen, dass eine Glutensensitivität vorliegt. Zur Sicherheit sollten die Betroffenen nach einigen Monaten erneut versuchen, wieder Gluten zu essen. Treten danach wieder Beschwerden auf, macht der weitere Verzicht auf Gluten Sinn. Im Unterschied zu Zöliakie-Patienten müssen Menschen mit einer Glutensensitivität nicht komplett und völlig streng auf Gluten verzichten. Die Schwelle, bis zu der Gluten vertragen wird, kann individuell ausgetestet werden.

Eine norwegische Studie aus dem Jahr 2018 geht der Glutensensitivität weiter auf den Grund.
Forscher hatten 20 Menschen getestet, die glaubten, an einer NCGS zu leiden. Eine Zöliakie, Weizenallergie, Laktoseintoleranz oder entzündliche Darmerkrankungen waren zuvor ausgeschlossen worden. Die Teilnehmer ernährten sich seit mindestens sechs Wochen glutenfrei. Während der Studie bekamen die Teilnehmer wiederholt zwei Muffins zu essen - einen mit Gluten, einen ohne - in dem Glauben, ausschließlich glutenfrei zu essen. In einem anschließend ausgefüllten Fragebogen gaben sie überraschenderweise häufiger Magen-Darmprobleme nach dem glutenfreien Muffin an. Nur bei vier der 20 Teilnehmer bestätigte der Test die NCGS. Bei den anderen verursachten möglicherweise andere Nahrungsbestandteile die Beschwerden. Schon frühere Studien legen nahe, dass es sich bei der NCGS um einen multifaktoriellen Geschehen handelt, bei dem außer Gluten auch andere Nahrungsbestandteile eine Rolle spielen. Auffällig ist auch, dass die Glutensensitivität vor allem erwachsene Frauen trifft - deren Zahl insbesondere in den westlichen Ländern zunimmt, wo glutenfreie Produkte angeboten werden.

Glutenfreie Diät - besser für die Gesundheit?

Neben den tatsächlich von einer Zöliakie Betroffenen essen heute auch viele gesunde Menschen glutenfrei, weil sie glauben, dass das gut für sie ist – ohne jemals bei einem Arzt gewesen zu sein. Von dieser eigenmächtigen Diät raten Experten ab. Denn die Forschung hat keine Hinweise darauf, dass es gesunden Menschen, die sich glutenfrei ernähren, insgesamt besser geht. Stattdessen birgt die Diät auf eigene Faust die Gefahr, dass eine tatsächliche Zöliakie unerkannt bleibt und die damit notwendige Darmkrebsvorsorge verschleppt wird. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät lediglich den Menschen auf Weizen oder Gluten zu verzichten, die an Zöliakie, Weizenallergie und Gluten- oder Weizensensitivität leiden.

Dass der gänzliche Verzicht auf Getreideprodukte nicht unbedingt gesundheitsförderlich ist, haben zwei im Jahr 2017 im Britischen Ärzteblatt veröffentlichte Beobachtungsstudien deutlich gemacht. Die beiden Studien begleiten seit einem Vierteljahrhundert 65.000 Krankenschwestern und 45.000 Männer aus Gesundheitsberufen. Seit 1986 füllen sie alle vier Jahre ausführliche Ernährungs-fragebögen aus. Die Studie hatte die Teilnehmer in fünf Gruppen abhängig von ihrem Verzehr von Gluten eingeteilt. Das überraschende Ergebnis: Die Gruppe mit dem höchsten Gluten-Verzehr hatte eine geringere Rate für Herzinfarkte als die mit dem niedrigsten Verzehr.

Schon länger weiß man, dass Vollkornprodukte eher vor Herzinfarkt schützen können: Sie versorgen uns mit Vitaminen sowie Mineral- und Ballaststoffen. Vor allem letztere verhindern Darmkrebs, bessern den normalen Blutdruck und tragen zur Immunfunktion bei.

Beitrag: Johannes Mayer
Infotext: Constanze Löffler

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