Stemo-Rettungswagen der Charité (Quelle: imago/Klaus Martin Höfer)
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- Schlaganfall - schnelle Hilfe und effektive Reha

In Deutschland erleiden jährlich etwa 200.000 bis 250.000 Menschen erstmals einen Schlaganfall. Dazu kommen über 60.000 Menschen, die zum wiederholten Male betroffen sind. All diese Menschen brauchen im Akutfall schnelle Hilfe. In Berlin ist dafür ein speziell ausgestatteter Rettungswagen im Einsatz: das Stroke-Einsatz-Mobil (STEMO).

Schlaganfall ist nicht gleich Schlaganfall. In etwa 80 Prozent der Fälle ist die Ursache ein Blutgerinnsel, das ein Hirngefäß verstopft: Beim diesem so genannten ischämischen Schlaganfall ist eine Arterie im Gehirn verschlossen. Beim sogenannten hämorrhagischen Infarkt wird die normale Versorgung der Hirnzellen dagegen durch eine Einblutung infolge eines gerissenen Gefäßes verhindert. Durch die Blutung nimmt der Druck auf das Hirngewebe zu, es wird gequetscht und dadurch geschädigt.

Therapie abhängig von Ursache

Nur eine rasche Therapie kann den Untergang von vielen Millionen Gehirnzellen verhindern. Beim ischämischen Schlaganfall bekommen die Patienten Medikamente, die das Blutgerinnsel auflösen, das den Hirnschlag verursacht hat. Fachleute sprechen von einer "Lyse". Für diese Therapie beträgt das Zeitfenster vier Stunden. Denn durch das verstopfte Gefäß wird das hinter dem Gerinnsel liegende Hirngewebe nicht ausreichend durchblutet. Nach den vier Stunden gehen die unterversorgten Nervenzellen unwiederbringlich zugrunde und der Patient leidet dauerhaft an den bekannten Folgen eines Hirninfarktes: Halbseitenlähmung, Bewegungs- und Sprachstörungen bis hin zu Koma und Tod.

Zeit ist Hirn

Je früher die Patienten mit der Lyse-Therapie behandelt werden, desto mehr Gehirnzellen lassen sich vor dem Untergang retten. Falls die Lyse nicht ausreicht oder funktioniert, legen die Ärzte den Patienten eine medikamentenbeschichtete Gefäßstütze (Stent) ein, die das verengte Blutgefäß offenhält.

Bei einem hämorrhagischen Infarkt reparieren die Hirnchirurgen die beschädigte Arterie oder senken den Druck des ausgetretenen Blutes auf das Gehirn operativ. Zusätzlich gibt es Medikamente, die helfen, die Hirndurchblutung zu normalisieren.

STEMO: Schnellere Therapie möglich

In Berlin bringen seit ein paar Jahren die sogenannten STEMO (Stroke-Einsatz-Mobile) die schnelle Therapie zum Patienten. Erreicht die Leitstelle ein Anruf, dass es einen Verdacht auf einen Schlaganfall gibt, rückt ein STEMO zum Patienten aus. Das Herzstück im STEMO: der Computertomograph (CT). Er kann die alles entscheidende Frage klären: Hat der Patient eine Blutung im Gehirn oder ist ein Blutgefäß im Hirn verstopft? Zeigt das CT, dass ein Blutgerinnsel ein Hirngefäß verstopft, leitet das Team noch im Krankenwagen eine Lyse ein. Erst danach steuert das STEMO ein Krankenhaus an, in dem die Behandlung fortgesetzt wird.

Bei der Behandlung von Schlaganfällen im STEMO gewinnen die Mediziner lebenswichtige Minuten. Denn bekommt das Gehirn nicht schnell wieder genug Sauerstoff, bleiben Schäden zurück. Mediziner sprechen beim Schlaganfall auch von der sogenannten "goldenen ersten Stunde", der "golden hour". Das heißt, innerhalb der ersten Stunde ist die Chance besonders groß, den Patienten nach einer Therapie "gesund" zu entlassen.

Schnellere und bessere Versorgung der Patienten

Die Wirksamkeit des STEMO konnte bereits in Studien bewiesen werden: Eine Vergleichsstudie aus dem Jahr 2013 umfasste insgesamt 7.000 Patienten; das STEMO wurde über 21 Monate im Wochenwechsel eingesetzt. Die Ergebnisse fielen eindeutig aus: Mit dem STEMO erhielten mehr Schlaganfall-Patienten eine Lyse-Therapie. Die Behandlungsrate stieg um mehr als die Hälfte: von 21 Prozent auf 33 Prozent. Die Zeit vom Notruf bis zur Behandlung reduzierte sich um 25 auf 52 Minuten. Aufgrund des engen Zusammenhangs zwischen früher Therapie und Behandlungseffektivität ist davon auszugehen, dass bei vielen Patienten die Schlaganfallfolgen reduziert werden konnten.

Versorgung von Schlaganfall-Patienten: Vorteile der Stroke Unit

Schlaganfall-Patienten, die nicht mit dem STEMO versorgt werden, gehören daher bestenfalls in eine Klinik, bei der es rund um die Uhr möglich ist, die Ursache des Schlaganfalls zu diagnostizieren. Dazu bedarf es vor allem diverser Bildgebungsverfahren wie MRT, CT oder Ultraschall. Noch besser sind Kliniken, die mit einer Schlaganfall-Spezialabteilung (Stroke Unit) ausgestattet sind. Mittlerweile gibt es bundesweit mehr als 200 derartige Einrichtungen. Erreicht der Patient eine Stroke Unit innerhalb von zwei bis vier Stunden nach dem Ereignis, hat er durch das rasche Eingreifen der Ärzte gute Chancen, dass sich die Symptome ganz oder zumindest deutlich zurückbilden.

Nach dem Schlaganfall: Zurück ins Leben

Die ersten Wochen verbringen Schlaganfallpatienten mit gravierenden Einschränkungen normalerweise in der neurologischen Frührehabilitation. Ziel ist hier insbesondere, die Selbständigkeit bei den wesentlichen Aktivitäten des täglichen Lebens wieder zu erlernen wie Körperpflege, Anziehen, Nahrungsaufnahme. Die Anschlussheilbehandlung oder neurologische Rehabilitation ist für Patienten vorgesehen, die sich im Alltag bereits grundsätzlich zurechtfinden. Ziel ist hier, eine weitgehend selbständige Lebensführung vorzubereiten und wieder erwerbsfähig zu werden.

Bleibende körperliche Beeinträchtigungen wie Lähmungen oder Sprachstörungen werden danach in der Rehabilitation behandelt. Hier erhalten sie intensive Trainingseinheiten in der Physio- und Ergotherapie. Durch die täglichen Übungen lernen die Schlaganfall-Patienten, die ausgefallenen Körperfunktionen wieder zu aktivieren oder Einschränkungen zu überwinden. Denn: Zum Teil können andere Nervenzellen die Aufgaben der zerstörten übernehmen lernen. Patienten üben deshalb auch, ein Körperteil, z.B. den Arm, wieder dauerhaft zu belasten.

Langfristig verhindern Medikamente den erneuten Schlaganfall

Um einen erneuten Schlaganfall durch ein Blutgerinnsel zu verhindern, verordnet der Arzt Blutverdünner wie Acetylsalicylsäure, Dipyridamol und Clopidogrel, die lebenslang eingenommen werden müssen. Eine erneute Hirnblutung kann durch die konsequente Senkung des Blutdrucks verhindert werden. Auch gegen Übergewicht und erhöhte Blutfettwerte sollten Maßnahmen getroffen werden. Dazu zählen Bewegung, Gewichtsabnahme, Ernährungsumstellung und gegebenenfalls Medikamente und der Verzicht auf das Rauchen und zu viel Alkohol.

Wer in der Rehabilitation motiviert mitmacht, hat gute Chancen, danach wieder seine alte Form zu erreichen. Werden Bewegungsabläufe immer wieder trainiert, knüpft das Gehirn neue Verbindungen. Inzwischen weiß man, dass Gehirnzellen auch Jahre nach dem Schlaganfall noch in der Lage sind, durch Wiederholungen neue Verknüpfungen aufzubauen. Der Mythos, was nach einem Jahr nicht wieder da sei, komme auch später nicht zurück, ist wissenschaftlich mittlerweile widerlegt.

Beitrag: Marcus Groß
Infotext: B. Wagner, C. Löffler

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