Frau schreit hintermilchiger Folie (Quelle: imago/Bernd Friedel)
imago/Bernd Friedel
Bild: imago/Bernd Friedel

- Angst und Panik - wenn nichts mehr geht

Hände und Füße sind taub, die Luft bleibt aus und das Herz schlägt bis zum Hals - was hier nach einer dramatischen Erkrankung klingt, sind die typischen Anzeichen einer Panikattacke. Wer früh zum richtigen Arzt oder Therapeuten geht, hat gute Behandlungsaussichten. Zum Beispiel in der Angstambulanz der Charité.

Herzrasen, Druckgefühl auf der Brust, Zittern, Krämpfe und Schwindel, Luftnot, Übelkeit, Todesangst: Bei diesen Beschwerden muss ein Notarzt immer an verschiedene Ursachen denken. Neben einem lebensbedrohlichen Herzinfarkt steckt häufig eine Panikattacke hinter den auffälligen Symptomen. Dann ist Stress an der Auslösung der Symptome beteiligt. Panikattacken in bestimmten Situationen sind keine Seltenheit. Allein von einer Agoraphobie oder Platzangst sind fünf von 100 Menschen mindestens einmal im Leben betroffen. Zusammen sind das in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen.

Ängste sind erst einmal nicht krankhaft

Ängste kennt jeder. Das Gefühl gehört zum Menschsein und ist erst einmal nicht negativ. Alle ängstlichen Gefühle, die wir erleben, haben historischen Charakter und gehen auf Urängste unserer Vorfahren zurück. Angst schützt vor Gefahr und warnt vor Unbekanntem. Bei Gesunden wirkt Angst wie das Schmieröl für den Motor: Sie spornt uns zu Höchstleistungen an, stimuliert das Nervensystem, triggert die Karriere. Logisch, dass vor allem erfolgreiche Menschen überdurchschnittlich oft ängstliche Menschen sind.

Doch die positive Kraft hält nur so lange an, wie das Gefühl direkt verknüpft mit einem Auslöser auftritt. Krankhafte Angst taucht in Situationen auf, die de facto nicht gefährlich sind, sprich zur falschen Zeit oder am falschen Ort. Höchste Zeit für professionelle Unterstützung ist, wenn die Angst so vorherrschend wird, dass sie den Alltag beeinträchtigt, die Arbeit behindert oder unmöglich macht. Das Problem zu vertuschen, ist keine Lösung, im Gegenteil. Bleibt beispielsweise eine Phobie unbehandelt, weitet sich die Angst aus und verselbstständigt sich.

Panikattacken kommen unerwartet

Menschen, die zum Beispiel an einer Panikstörung leiden, erleben unerwartet Angstanfälle, sogenannte Panikattacken. Diese können aber auch in ganz bestimmten Situationen (z.B. Menschenansammlungen), an bestimmten Orten (z.B. Aufzüge) oder bei bestimmten Begegnungen (z.B. Spinnen) auftreten. Dann sind sie Symptome einer Phobie. Sie dauern meist weniger als eine Stunde an. Oft beginnt das Angstleiden in jugendlichem oder frühem Erwachsenenalter.

Tückisch ist, dass die Gefühle oft nicht mehr weggehen, sondern sich mitunter weitere psychische Beschwerden hinzugesellen. Bei vielen Patienten tritt Angst aber auch begleitend zu körperlichen Erkrankungen wie zum Beispiel einer Überfunktion der Schilddrüse oder einem Herzinfarkt auf.

Symptome können Herzinfarkt ähneln

Viele Betroffene fürchten im Angstmoment, ernsthaft erkrankt zu sein. Denn tatsächlich können solche körperlichen Symptome auch bei einem akuten Anfall von Herzenge, einem Herzinfarkt oder anderen körperlichen Erkrankungen auftreten. Deshalb rufen Betroffene einer Panikattacke oft den Notarzt. Der Arzt klärt dann eine mögliche körperliche Ursache ab, schließt mithilfe eines EKGs und einer Blutuntersuchung vor allem einen Herzinfarkt aus.

Gerüche, Geräusche und Gefühle können Auslöser von Panikattacken werden

Gelegentlich sind es nicht die angstauslösenden Situationen selbst, die für die Panikattacke verantwortlich sind. Mitunter reichen schon ein bestimmter Geruch, eine Bewegung oder ein Geräusch dafür. Völlig unerwartet treten sie bei der Panikstörung auf. Panikattacken setzen eine Reihe körperlicher Reaktionen in Gang, mit denen der Körper typischerweise auf eine drohende Gefahr reagiert.

Wer von wiederholten Panikattacken geplagt wird, sollte professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Denn nicht selten entwickelt sich nach einer ersten Attacke eine zusätzliche, tief sitzende Angst vor einem möglichen neuen Anfall. Die "Angst vor der Angst" kann das alltägliche Leben schwer belasten. Therapeuten helfen, den Teufelskreis zu durchbrechen. Die körperlichen Symptome werden minimiert und die "Angst vor der Angst" schwindet. Auch werden körperliche Ursachen vor einer Angsttherapie ausgeschlossen.

Angstambulanz: Umgang mit der Störung lernen

Auf solche Störungen ist die Angstambulanz der Berliner Charité spezialisiert. Professor Andreas Ströhle leitet sie. Ein großes Team von Ärzten und Psychologen behandelt hier Menschen mit seelischen Problemen. Am Anfang klären die Experten immer, ob die Angst wirklich krankhaft und deshalb behandlungsbedürftig ist - wie eben bei der Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie.

Alle Ängste sind mit der geeigneten Behandlungsmethode gut in den Griff zu bekommen, sofern diese rechtzeitig erfolgt. Bei den meisten Angststörungen hat sich vor allem die Verhaltenstherapie bewährt. Hier nähert sich der Patient seiner Angst zunächst mithilfe von Entspannungsmethoden wie Autogenem Training oder Progressiver Muskelentspannung. In Einzeltherapie oder in der Gruppe setzen sich zudem alle Patienten mit ihrem Teufelskreis der Angst auseinander und lernen, wie die Gedanken Gefühle beeinflussen, wie der Teufelskreis der Angst entsteht.

Das Vermeiden von Situationen, die Panik auslösen könnten, soll in der Therapie wieder verlernt werden. Die alten Angstkreisläufe, die sich im Gehirn ihren Weg gebahnt haben, werden stattdessen mit neuen Informationen überschrieben. Daher konfrontiert der Therapeut seinen Patienten mit der angstbesetzten Situation, entweder allmählich oder gleich in vollem Maße. Erst wenn die neue Erfahrung emotional durchlebt wird, kann sie sich auch durchsetzen. Konkret heißt das: Sozialphobiker begeben sich in der Therapiestunde in ein volles Kaufhaus, Menschen mit Höhenangst besteigen zusammen mit dem Therapeuten den Rathausturm. Im Therapiegespräch suchen Betroffene nach Ursachen für ihre Beschwerden und entwickeln Strategien für den Alltag.

Beitrag: Jana Kalms
Infotext: C. Löffler, B.Wagner

weitere Themen der Sendung

rbb Praxis aus dem Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe (Quelle: rbb)
rbb

Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe

Das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe ist ein Akutkrankenhaus mit integrativem Ansatz. Es bietet von der Notfallmedizin über chirurgische, internistische und onkologische Abteilungen und Zentren in 14 Fachabteilungen ein breites Spektrum an medizinischer Versorgung.

Zutaten für Couscous und Gemüse (Quelle: imago/Photocase)
imago/Photocase

Fasten zur Unterstützung der Chemotherapie

Fasten liegt im Trend – bei Gesunden und Kranken. So interessieren sich beispielsweise auch immer mehr Menschen mit Krebs für das sogenannte Kurzzeit-Fasten. Es soll zum Beispiel während der Chemotherapie die Nebenwirkungen verringern und möglichst auch die Behandlung wirksamer machen. Erste kleine Studien zeigen positive Hinweise. Doch Forscher warnen auch: Krebspatienten sollten nie auf eigene Faust fasten.

Grüne Suppe von Kräutern und Broccoli (Quelle: imago/Westend61)
imago/Westend61

"Anders" kochen - die Krankenhausküche in Havelhöhe

Seit einem Jahr wird im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe "anders" gekocht, als in den meisten Kliniken der Republik: frisch, innovativ und lecker, aber besonders arbeitsaufwändig. Anders - sagen die Köche hier - ließe sich gesundes Essen im Krankenhaus nicht realisieren. Denn als Tagesbudget stehen gerade mal 4,74 Euro zur Verfügung.

Hafer (Quelle: imago/Winfried Rothermel)
imago/Winfried Rothermel

Hafer - der gesunde Alleskönner

Hafer wird seit Jahrzehnten als Schonkost-Klassiker serviert: Das Getreide der Pflanze enthält viel Eiweiß, hochwertige Fettsäuren und viel Vitamin B1. Hafer ist damit Experten zufolge das hochwertigste Getreide, das in Mitteleuropa angebaut wird. Außerdem wurde Hafer 2017 zur Arzneipflanze des Jahres gewählt. Aus ihr gewonnene Produkte helfen gegen Hautleiden, Magen-Darm-Erkrankungen, Arteriosklerose und mehr.

Weitere Beiträge

Mann sitzt in Stuhl am Strand (Quelle: imago/PhotoAlto)
imago/PhotoAlto

Entspannung halten, bitte! - Damit die Urlaubserholung nicht verpufft

"Urlaubszeit ist die schönste Zeit", heißt es oft. Viele starten derzeit noch in ihren Jahresurlaub, andere kommen gerade zurück. Im Urlaub wollen wir uns erholen, nicht nur in den drei Wochen Mallorca, Kroatien & Co. Entspannt wiederkommen und davon auch im Alltag lange profitieren - das ist möglich, wenn man ein paar Dinge beachtet.

Hände eines Arztes halten Wecker in Händen (Quelle: imago/Science Photo) Library
imago/Science Photo Library

Interview l Biorhythmus - Bluttest enthüllt die innere Uhr des Menschen

Wie genau bei jedem Menschen die "innere Uhr" tickt, war bislang unmöglich zu bestimmen. An der Charité in Berlin ist jetzt ein Bluttest entwickelt worden, der individuell sagen kann, wo die innere Uhr eines Menschen steht. Priv.-Doz. Dr. Dieter Kunz, Leiter der Klinik für Chronomedizin am Sankt Hedwig-Krankenhaus war an der klinischen Durchführung der Studie beteiligt.