Hauptgebäude der Ruppiner Kliniken GmbH (Quelle: imago/Manja Elsässer)
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- Die Ruppiner Kliniken - Krankenanstalt mit wechselvoller Geschichte

Sie umfassen mehr als 800 Betten und beschäftigen etwa 1.900 Mitarbeiter, in ihren 21 Fachkliniken werden täglich mehr als 1.000 Patienten versorgt: die Ruppiner Kliniken sind das größte Krankenhaus im Nordwesten Brandenburgs und einer der größten Arbeitgeber in der Region. Die Gebäude der Kliniken sind denkmalgeschützt, die Geschichte des Hauses ist bewegt.

Beginn als "Irrenanstalt"
Ursprünglich wurden die Kliniken als Landesirrenanstalt errichtet. 1897 trennte eine Mittelachse mit Funktionsgebäuden die zehn großen und sieben kleineren Frauen- und Männerhäuser voneinander. Sowohl Unterbringung als auch Versorgung der Patienten erfolgte streng nach Geschlechtern getrennt. Pflegerinnen versorgten Frauen. Pfleger versorgten Männer. Die ersten Patienten waren gut 1.000 - damals politisch absolut unkorrekt - so genannte "Geisteskranke". Obwohl die Anlage ursprünglich als Irrenanstalt gegründet wurde, gab es von Anfang an eine Tuberkuloseabteilung für Frauen - später auch für Männer. Im Jahre 1906 wurde der Anstalt ein Laboratorium angegliedert, das im Laufe der Jahre auf das Modernste für bakteriologische und serologische Untersuchungen ausgebaut wurde.

Dunkle Zeit im Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland wurden geistig Behinderten ihre Persönlichkeitsrechte vollständig aberkannt. Zudem wurde im Juli 1933 die Sterilisation von Personen, die an unterschiedlichen psychischen Erkrankungen litten, per Gesetz angeordnet. Geistig behinderte Kinder wurden in Anstalten verbracht und dort ermordet - und auch erwachsene psychisch Kranke wurden im Rahmen des streng geheimen Euthanasie-Programms umgebracht. Für die Angehörigen verschwanden die Betroffenen plötzlich spurlos - sie wurden lediglich vom Tod ihrer Kinder oder Angehörigen informiert. Die wirkliche Todesursache blieb im Dunkeln.

Zwar wurden in der Ruppiner Anstalt keine psychisch Kranken ermordet, doch diente die Landesanstalt der Verschleierung der Umstände, unter denen die psychisch Kranken zu Tode gekommen waren. So wurden die zur Tötung vorgesehenen Patienten immer wieder in unterschiedliche Einrichtungen verlegt, um Spuren zu verwischen und Angehörigen die Suche zu erschweren. Wahrscheinlich wurden über einen Zwischenaufenthalt in Neuruppin die Ermordung von bis zu 900 Opfern verschleiert.

Unruhige Zeiten zum Kriegsende

Am Ende des zweiten Weltkrieges erfuhren die Ruppiner Kliniken das gleiche Schicksal wie viele andere Krankenhäuser in Deutschland: sie wurden zum Lazarett umfunktioniert. Die strenge Trennung der Geschlechter wurde aufgehoben und auch die Frauenseite mit verwundeten Soldaten gefüllt. Da viele junge Männer an die Front mussten, gab es kaum männliche Pflegekräfte. Erfahrene Pflegerinnen wurden deshalb auf freiwilliger Basis auch in der Versorgung männlicher Patienten eingesetzt - bis zu diesem Zeitpunkt war das undenkbar.

Im Mai 1945 besetzte die Rote Armee Neuruppin und auch das Klinikgelände. Bereits im Herbst wurden die Krankenhäuser geräumt und dienten fortan als Ausweichquartier für die zerstörten Berliner Krankenhäuser. Zudem quartierte sich auch das Kreiskrankenhaus in die Räume der ehemaligen Landesirrenanstalt ein, denn deren Gebäude wurden als sowjetisches Hospital genutzt.

Vom Kreis- zum Bezirkskrankenhaus

Bis zum Jahr 1951 hatten sich vier Krankenhäuser in den 17 Gebäuden der Ruppiner Kliniken etabliert: mit über 1.000 Betten war die psychiatrische Landesanstalt die größte Klinik, gefolgt von der Kinderklinik mit über 700 Betten und Brutkästen, dem Landes-Tuberkulose-Krankenhaus mit 320 Betten und der Orthopädischen Landesklinik mit 150 Betten. 1955 wurde eine gynäkologische Abteilung errichtet, 1961 die Pathologie.

1962 wurde aus dem Kreiskrankenhaus ein Bezirkskrankenhaus - mit unverändert spärlicher Ausstattung. Patienten wurden in 6-Bett-Zimmern untergebracht, mit Gemeinschaftswaschräumen für Männer und Frauen. Der neurologisch-psychiatrische Schwerpunkt blieb erhalten. 1979 eröffnete die neuroradiologische Abteilung, 1980 folgen Neuroelektrodiagnostik und Physiotherapie, wenig später eine intensivmedizinische Station.

Neue Struktur nach der Wende

Die heutige Struktur der Kliniken wurde erst nach der politischen Wende möglich: durch die Trennung von Bezirkskrankenhaus und Nervenklinik. Insgesamt drei Fachzentren gibt es heute in den Kliniken: Das medizinische Zentrum, das operative Zentrum und das psychiatrische Zentrum. Seit 1999 sind die Kliniken "Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité".

Was vor 111 Jahren als Landesirrenanstalt gegründet wurde, hat sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder verändert und weiterentwickelt. Dennoch ist die Geschichte des Hauses spürbar. Moderne Plastiken und alte Mauern zeigen noch heute, wo genau die Trennlinien zwischen der Frauen- und Männer-Psychiatrie lagen. In der alten Kapelle auf dem Klinikgelände wird die Geschichte der Ruppiner Kliniken erlebbar: mit Schautafeln und an Hand alter Modelle. In den Boden sind zum Gedenken an die Opfer des Euthanasieprogrammes der Nazis Stolpersteine eingefasst worden. Die Ruppiner Kliniken sind eben weit mehr als medizinische Kompetenz in denkmalgeschützten Gebäuden. Sie sind ein einzigartiges Stück Geschichte mit Zukunft.

Filmbeitrag: Ina Czycykowski
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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