Digitale Darstellung: Rückenschmerzen
imago/Science Photo Library
Bild: imago/Science Photo Library

- Rückenschmerzen – wann ist eine OP nötig?

Rücken-Operationen haben in Deutschland in den vergangenen Jahren massiv zugenommen: von 2007 bis 2015 um 72 Prozent, wie eine Erhebung der Bertelsmann-Stiftung ergeben hat. Dabei sollte eine Operation an der Wirbelsäule wirklich nur in sehr speziellen Fällen erfolgen. Meist reicht eine so genannte "konservative" Behandlung beim Rückenspezialisten völlig aus. Doch in welchen Fällen sollte nun doch operiert werden? Und wann sind Spritzen- und Physiotherapie die bessere Wahl? Die rbb Praxis hakt nach.

Private Sorgen, beruflicher Stress, sportlicher Überehrgeiz oder ein Leben als Couchpotatoe: Nicht selten zeigt der Rücken schmerzhaft an, wenn Körper und Seele akut über- oder unterfordert sind. Rückenschmerzen sind ein Volksleiden. Millionen Menschen hierzulande sind betroffen. Die Schmerzen können dumpf, ziehend, pulsierend oder stechend sein, oft strahlen sie bis in die Beine aus. Betroffene können nicht mehr sitzen oder laufen. Rückenschmerzen stören den Alltag, den Schlaf und die Psyche.

Denn unser Rücken ist das Zentrum des Körpers. Ein gesundes Rückrat hält aufrecht, stabilisiert den Oberkörper und sorgt für eine koordinierte Bewegung unserer Gliedmaßen. Gleichzeitig muss die Wirbelsäule so flexibel sein, dass wir uns beugen, strecken und zur Seite drehen können. Eine zentrale Funktion übernimmt dabei die Muskulatur. Der Rücken wird von mehreren Muskelschichten gehalten. Jede einzelne Schicht ist für die Stabilität der Wirbelsäule wichtig. Eine gute Tiefenmuskulatur stützt beispielsweise die Gelenke bei Alltagsbewegungen und wirkt so Abnutzungserscheinungen entgegen. Die oberflächliche Rückenmuskulatur ist für die groben Bewegungen in der Wirbelsäule zuständig. Ein stabiler Rücken erfordert außerdem trainierte hintere, seitliche und vordere Bauchmuskeln.

Es gibt viele Ursachen für Rückenschmerzen

Es gibt viele Ursachen, wenn der Rücken seine Funktionen nur noch unzureichend übernehmen kann. Häufig entstehen Rückenbeschwerden, wenn die tiefe Rückenmuskulatur nicht oder nur unzureichend trainiert und so instabil wird. Weitere Gründe für Rückenschmerzen sind Fehlhaltungen oder degenerativer Verschleiß. Auch das Iliosakralgelenk kann der Knackpunkt im unteren Rücken sein. Blockierungen oder Entzündungen des Iliosakralgelenks können tief sitzende Rückenschmerzen verursachen, die auch ins Gesäß oder den hinteren Oberschenkel ausstrahlen. Manchmal wird der Schmerz auch nach vorne in die Leistengegend oder den unteren Rücken fortgeleitet. Das macht oftmals die Abgrenzung zum Beispiel zu einem Bandscheibenvorfall schwierig.

Die Bandscheiben liegen zwischen den 33 Wirbelkörpern; zusammen mit den Wirbelgelenken federn sie das Körpergewicht ab. Sie haben einen Gallertkern, der Flüssigkeit enthält und wie ein Wasserkissen als Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern sitzt. Diesen Kern schützt ein fester Faserring. Bei einem Bandscheibenvorfall wölbt sich ein Teil des weichen Gallertkerns in den Wirbelkanal vor und drückt auf die Nerven, die in diesem Bereich des Wirbel- oder Spinalkanals vorbeiziehen. Es kommt zu Entzündungen am Nerv und in die Beine ausstrahlende Schmerzen.

Meist erst konservativ behandeln

Die Ursachen für Rückenschmerzen sind demnach vielfältig, die Möglichkeiten der Therapien aber ebenso. Viel öfter als vermutet bietet sich erst einmal eine konservative Behandlung mit Schmerztabletten, entzündungshemmendem Kortison, Spritzen, Physiotherapie statt eines operativen Eingriffs an. Zudem kommen eine psychosomatische Verhaltenstherapie, spezielles Rückentraining, Entspannungsverfahren und manuelle Therapie zum Einsatz.

Auch bei einem Bandscheibenvorfall muss keinesfalls immer gleich operiert werden. So heftig die Beschwerden auch sein mögen – nur zwei bis drei Prozent der Patienten mit Bandscheibenvorfall müssen wirklich unters Messer, etwa ein Prozent als Notfall unverzüglich. Eile ist geboten, wenn der Bandscheibenvorfall so stark auf Nerven drückt, dass Lähmungserscheinungen in einem oder beiden Beinen auftreten oder die Funktion von Harnblase oder Darm beeinträchtigt sind.

Ansonsten sollten bei jedem Vorfall die Chancen und Risiken eines Eingriffs gegeneinander abgewogen werden. In vielen Fällen schrumpft das herausgetretene Bandscheibengewebe von selbst und drückt nach wenigen Wochen nicht länger auf die Nerven – der Körper hilft sich also selbst.

Periradikuläre Therapie bei entzündeten Nerven

Doch nicht nur beim Bandscheibenvorfall will die Therapieform gut überlegt sein. Auch wenn zum Beispiel ein Nerv entzündet ist, kann nach einer erfolglosen konservativen Schmerzbehandlung eventuell erst einmal die sogenannte periradikuläre Therapie (PRT) helfen. Diese Injektionstherapie steht zwischen der operativen und der konservativen Vorgehensweise. Experten sprechen auch von der interventionellen Schmerztherapie.

Dabei spitzt der Rückenexperte unter Röntgenkontrolle eine Kombination aus Betäubungs- und Schmerzmittel direkt an die entzündete Nervenwurzel. Durch die Injektion der Schmerzmittel werden die Entzündungsbotenstoffe praktisch ausgewaschen, die entzündeten Strukturen können abschwellen, der Nerv hat wieder mehr Raum, das Blut im umliegenden Gewebe kann wieder besser fließen. Das Verfahren führt der Arzt in zwei Schritten durch: Zunächst wird der genaue Ursprung des Schmerzes mit Kontrastmittel gesichert und danach mit einem örtlichen Betäubungsmittel blockiert. Reize aus dieser Region werden so nicht mehr an das Gehirn weitergeleitet.

Nach Ermittlung der Schmerzquelle injiziert der Arzt das eigentliche Medikament. Für die PRT ist keine Narkose nötig, die Injektion dauert nur wenige Minuten. Meist wird die Injektionsbehandlung mehrmals nötig. Bis zu 85 Prozent der Patienten profitieren von der Spritzentherapie. Zusätzlich sollten sie aber auch Physiotherapie erhalten und sich selbst bewegen.

Doch ganz gleich, was die Ursache ist: Rückenschmerzpatienten sollte immer gründlich abwägen, ob sie sich wirklich operieren lassen. Denn Studien zufolge haben zum Beispiel immerhin 40 Prozent aller Bandscheiben-Patienten auch nach einem Eingriff noch weiterhin Rückenschmerzen. Mögliche Risiken einer OP sind Schädigungen von Nerven oder Blutgefäßen. Im Nachhinein können Narben und Verwachsungen entstehen, die hinterher erneut für Schmerzen sorgen. Wer sich unsicher ist, sollte sich eine Zweitmeinung einholen.

Manchmal muss operiert werden

Es gibt aber auch Patienten, bei denen Ärzte zu einer Operation an der Wirbelsäule raten. So zum Beispiel, wenn beispielsweise durch starken Verschleiß oder einen Unfall mehrere Bandscheiben nicht mehr existieren. Es gibt verschiedene Verfahren, mit denen zum Beispiel zwei Wirbelkörper miteinander fusioniert werden – durch die dreidimensionale Wiederherstellung der knöchernen Anteile werden dann die Nerven entlastet und die Ursachen der Beschwerden beseitigt. Neurochirurgen sprechen von der segmentalen Spondylodese, sie erfolgt heute nahezu ausschließlich mit Hilfe des Einsatzes von Implantaten.

Statt die Wirbelsäule mithilfe von Implantaten zu versteifen, gibt es auch noch weitere Verfahren, so zum Beispiel sogenannte Cages. Das sind Platzhalter für entfernte Bandscheiben in Form von kleinen Körbchen aus Metall, Kunststoff oder Keramik. Cages haben die gleiche Höhe wie die entfernte Bandscheibe und sorgen für eine anatomisch korrekte Haltung der Wirbelsäule. Fehlstellungen durch Verschleißerscheinungen oder Instabilitäten werden durch die Platzhalter vermindert oder komplett beseitigt.

Platzhalter und Knochenmaterial sichern Wirbelsäule

Neurochirurgen können die Cages sowohl von hinten als auch von vorn an die Wirbelsäule anbringen. Wählt der Arzt den Zugang von vorn, sind keine weiteren Schrauben nötig und die Wirbelgelenke bleiben unangetastet. Zusätzlich bringt der Chirurg neben dem Cage körpereigenes Knochenmaterial ein. So können die Fremdkörper im Bandscheibenfach einwachsen, die angrenzenden Wirbelkörper werden miteinander verbunden. Vor einem operativen Eingriff sind zahlreiche Voruntersuchungen wie zum Beispiel MRTs oder Röntgenbilder wichtig. Nur so bekommen die Operateure vor der Operation ein Bild, wie angegriffen zum Beispiel die Bandscheiben sind, welches Ausmaß die Degeneration der Wirbelsäule und wo sie am besten ansetzen.

Bericht: Ursula Stamm
Infotext: Beate Wagner

weitere Themen der Sendung

Spritze für eine Impfung (Quelle: imago/blickwinkel)
imago/blickwinkel

Neue Impfung gegen Gürtelrose

Wer irgendwann einmal die Windpocken hatte, muss Jahrzehnte später mit ihr rechnen: der Gürtelrose. Eine äußerst schmerzhafte Nervenerkrankung, die auch chronisch werden kann. Der Auslöser: Windpocken-Viren, die sich nach ausgestandener Erkrankung ein Leben lang in den Nervenwurzeln verstecken. Je schwächer unser Immunsystem wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Viren wieder aktiv werden und sich eine Gürtelrose entwickelt. Das Problem: gerade für immungeschwächte Menschen war die bisherige Impfung nicht geeignet. Ein völlig neuer Impfstoff soll helfen. Aber wie wirksam ist er? Und wer sollte sich impfen lassen? Die rbb Praxis klärt auf.

Frische Himbeeren (Quelle: colourbox)
colourbox

Food-Trend Fruchtpulver

Frisches Obst und Beeren sind gesund und lecker – aber nicht das ganze Jahr über zu bekommen. Fruchtpulver sollen da Abhilfe schaffen: ob Banane, Mango oder Himbeere, kaum eine Frucht, die noch nicht pulverisiert im Handel gelandet wäre. Doch wie viel Vitamine enthält das Pulver? Wie wird es zubereitet? Und schmeckt das überhaupt? Wir haben das Pulver im Labor prüfen und von einer Familie probieren lassen. Mit überraschendem Ergebnis.