Hanfblätter und ärztliches Rezept (Quelle: imago/Christian Ohde)
imago/Christian Ohde
Bild: imago/Christian Ohde

- Cannabis als Medizin - kommt die Hilfe an?

Für manchen Schmerzpatienten ist Cannabis eine ersehnte Therapieoption. Seit knapp anderthalb Jahren kann Medizinalhanf auf Kosten der Krankenkassen ärztlich verschrieben werden, soweit die Theorie. Doch erhalten die Betroffenen, denen Cannabis Linderung verschaffen könnte, das Mittel auch wirklich? Die rbb Praxis hat nachgefragt.

Mit dem Gesetz zur Nutzung von Cannabis als Medikament müsste seit März 2017 für Schmerz- und Krebspatienten eigentlich alles geregelt sein. Cannabisblüten und -extrakte auf Rezept sollten leichter zugänglich, die Kosten zuverlässiger von den Kassen übernommen und die Nutzer aus der Illegalität geholt werden. Im Gegenzug dazu erklären sich die Versicherten bereit, an Begleitforschung teilzunehmen. Soweit die Theorie. Denn auch heute, rund anderthalb Jahre nach der Änderung des Betäubungsmittelgesetzes, berichten viele Patienten, dass sich wenig getan hat - im Gegenteil, für einige hat sich die Lage sogar verschlechtert. Patienten ärgern sich über Krankenkassen, die die Kosten nicht übernehmen. Apotheken klagen über Lieferengpässe.

Wie wirkt Cannabis genau?

Die Einsatzmöglichkeiten für Cannabis sind vielfältig. Doch die Wirkung der Inhaltsstoffe ist noch nicht umfassend erforscht. Helfen soll es bei mehr als 50 Erkrankungen. Cannabis enthält über 100 Inhaltsstoffe, so genannte Cannabinoide. Die wichtigsten sind das psychoaktive THC und das nicht-psychoaktive CBD. THC wirkt aktivierend, körperlich mobilisierend und anti-depressiv. CBD dagegen wirkt angstlösend und muskelentspannend. Für den gewünschten therapeutischen Effekt muss die richtige Relation zwischen beiden Wirkstoffen gefunden und die passende Zubereitungsform als Medikament ausgewählt werden.

Welche Effekte welchem Patienten bei den einzelnen Indikationen Erleichterung verschaffen, ist bislang unklar. Beispiel Migräne: Hier hat Cannabis verschiedene Ansatzpunkte. Es wirkt gegen den Schmerz, entspannt die Muskulatur und hat eine antidepressive Wirkung. In der Palliativmedizin, also bei unheilbar kranken Krebspatienten, steht oft weniger die Schmerztherapie im Vordergrund. Vielmehr nutzen Therapeuten die entspannende Wirkung; die Patienten sind ruhiger und haben nicht mehr so viel Angst. Und: Wer weniger verkrampft ist, leidet am Ende auch weniger Schmerzen.

Cannabis hat ein breites medizinisches Potential. Doch wie andere Arzneien auch wirkt Cannabis nicht bei jedem. Es kann Schmerzen lindern, aber auch Kopfschmerzen verursachen. Es kann Ängste lösen, aber auch Ängste oder gar Psychosen auslösen. Anstatt Übelkeit zu bekämpfen, verursacht es bei manchem auch Schwindel und Brechreiz.

Wer bekommt Cannabis verordnet?

Die Cannabis-Indikationen sind im Gesetz schwammig formuliert. Die Rede ist von schwerwiegenden Erkrankungen; konkrete Indikationen werden nicht genannt. Eine Krankheit gilt dann als schwerwiegend,
• wenn sie lebensbedrohlich ist oder
• wenn sie eine so schwere Gesundheitsstörung verursacht, dass die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigt ist.
Für eine Genehmigung muss der Patient mehr oder weniger "austherapiert" sein. Außerdem muss eine begründete Aussicht auf Linderung oder Heilung bestehen.

Letztendlich entscheidet der behandelnde Arzt - in den meisten Fällen sind das Schmerzmediziner - ob und wem er Cannabis verschreibt. Erfahrungsgemäß wird es vor allem zur Behandlung von chronischen Schmerzen, von Spastiken bei Multipler Sklerose (MS), zur Appetitsteigerung bei Aids- und Krebspatienten und bei bestimmten psychiatrischen Indikationen rezeptiert.

Kosten für Cannabis

Gingen Betroffene davon aus, dass sich durch das neue Gesetz nichts verschlechtern würde, sind viele nun enttäuscht. Zum einen ist Cannabis teuer geworden. Bis zur Gesetzesänderung im März 2017 kostete ein Gramm 12 bis 15 Euro. Schon damals ein stolzer Preis, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht: In Holland zahlen Patienten in der Apotheke sechs bis acht Euro, in Kanada vier bis fünf kanadische Dollar (2,50 bis 3,50 Euro). Der Preis ist hierzulande nach März 2017 auf 20 bis 25 Euro pro Gramm gestiegen. Cannabis gilt jetzt als Rezepturarzneimittel; die Apotheken sind verpflichtet, die Tütchen zu öffnen und zu prüfen. Die Analyse lassen sich die Apotheker bezahlen, mit Aufschlägen von bis zu 100 Prozent. Dabei wird das medizinische Cannabis, das derzeit aus den Niederlanden und Kanada importiert wird, bereits dort streng kontrolliert.

Seit der Preissteigerung können sich viele Patienten, die sich Cannabis früher bei vorhandener Ausnahme-Genehmigung auf Privatrezept gekauft haben, nicht mehr leisten. Sie sind darauf angewiesen, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Doch nach wie vor werden viele Anträge der Versicherten abgelehnt: Von den rund 13.000 Anträgen, die Patienten bis März 2018 bei ihren Krankenkassen gestellt hatten, wurde etwa die Hälfte abgelehnt - meist mit der Begründung, dass es alternative Therapien gibt oder die Studienlage für eine Verordnung nicht ausreicht.

Und nicht nur die Haltung der Krankenkassen ist ein Problem. Cannabis zu verschreiben, ist für normale Kassenärzte wenig attraktiv. Weil das Präparat relativ teuer ist, belastet es das Arzneimittelbudget. Zudem bedeutet es für die Ärzte ein Risiko. Denn obwohl die Hersteller von Medizinalcannabis viele Sorten mit unterschiedlichen Wirkstoffzusammensetzungen anbieten, ist Cannabis nicht als Medikament zugelassen. Ärzte, die es verordnen, können auch Jahre später von den Kassen in Regress genommen werden.

Voraussetzungen für Kostenerstattung

Infrage kommt eine Cannabis-Verordnung den Kassen zufolge nur, wenn alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sind und für die Indikation die Aussicht auf Besserung besteht – was bei der dünnen Studienlage zum Nachweis der Wirksamkeit fraglich erscheint. Wurde die Therapie bewilligt, sieht das Gesetz monatliche Behandlungskosten von im Schnitt 540 Euro vor - bei den aktuellen Kosten entspricht das weniger als ein Gramm täglich. Für Tumorpatienten und Patienten in der Speziellen Ambulanten Palliativ-Versorgung (SAPV) sind die Chancen auf Erstattung gut, bei allen anderen klappt es mit der Kostenerstattung oft nicht - wohl auch, weil Morphium und Opiate günstiger sind als Cannabis.

Die Kosten für Medizinalcannabis sind laut einer Recherche des Deutschen Ärzteblattes zuletzt stark gestiegen. Während die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) im Juni 2017 noch 2,31 Millionen Euro für cannabishaltige Fertigarzneimittel, Zubereitungen und Blüten ausgegeben hat, lag der Bruttoumsatz für Cannabisausgaben allein im Monat April 2018 bereits bei etwa 5,36 Millionen Euro.

Das Bundesversicherungsamt (BVA) hatte in seinem Jahresbericht 2017, der Ende August 2018 veröffentlich wurde, darauf hingewiesen, dass eine Genehmigung der Krankenkasse lediglich bei der ersten Verordnung durch den Arzt notwendig ist; danach entscheidet allein der Mediziner, ob weiterer Bedarf besteht. Die Patienten müssen keine erneute Kostenübernahme beantragen. Die Genehmigung dürfe laut BVA von den Krankenkassen nur in begründeten Ausnahmefällen versagt werden.

Studien zur Wirksamkeit

Nur in wenigen Indikationen, zum Beispiel bei chronischen Schmerzzuständen, Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapie sowie schmerzhaften Spastiken bei Multipler Sklerose (MS) existieren Belege für eine Wirksamkeit von Cannabis. Mäßige Evidenz gibt es bei Schlafstörungen infolge des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms, Fibromyalgie und chronischem Schmerz. Ein US-Report der US-amerikanischen National Academies of Sciences, Engineering and Medicine hat die Studienlage zu den verschiedenen Indikationen untersucht. Er gibt auch Negativempfehlungen. So sollte Cannabis beispielsweise nicht bei akuten Schmerzen eingesetzt werden.

Die Autoren der Studie "Cannabis, Potential und Risiken. Eine wissenschaftliche Analyse" (CaPRis), die im November 2017 erschien, sichteten zwei Jahre lang über 2100 wissenschaftliche Publikationen, ausgewählt aus fünf Datenbanken mit über 27 Millionen Einzelveröffentlichungen. Das Bundesgesundheitsministerium förderte das von der LMU München geleitete Forschungsprojekt. Die Studie analysiert unter anderem das Potenzial von Cannabis als Arzneimittel. Zusammenfassend kommt sie zu folgenden Ergebnissen:
• Bei der Behandlung chronischer Schmerzen waren Cannabis-Arzneimittel gegenüber Placebo überlegen (um mindestens 30 Prozent). Es liegen aber überwiegend Belege für eine leichte Schmerzreduktion und verschiedene Verbesserungen in Sekundärmaßen vor. Für eine substantielle Schmerzreduktion (um mindestens 50 Prozent) liegt keine Evidenz vor. Die am besten untersuchte Cannabisarznei bei Schmerzen ist Nabiximols.
• Bei MS und Paraplegie-assoziierter Spastizität konnte die Wirksamkeit mit objektivierbaren Prüfkriterien nicht belegt werden.
• Bei Morbus Crohn und Reizdarmsyndrom konnte keine Verbesserung der Primärsymptome gezeigt werden.
• Bei HIV/Aids können vier von fünf Studien eine gewichtsstimulierende Wirkung feststellen. Außerdem wirkt Cannabis auch hier wie bei der Chemotherapie gegen Erbrechen und Übelkeit.
• Nebenwirkungen können bei Cannabis-Medikamenten "durchaus gehäuft auftreten", die aber meist transient und nicht schwerwiegend sind.

Nun müssen zukünftig neue Studien mit Patienten zeigen, welches Potenzial in Cannabis tatsächlich steckt.

Filmbeitrag: Raphael Jung
Infotext: Constanze Löffler

weitere Themen der Sendung

EKG Herz
imago/Science Photo Library

EKG - dem Herzrhythmus auf der Spur

Ein Elektrokardiogramm, kurz EKG, hatte fast jeder schon einmal. Doch was genau wird dabei gemessen? Welche Herzprobleme können erkannt werden? Wir zeigen live im Studio, wie ein EKG Rhythmusstörungen aufdecken kann. Und wir stellen ein ganz neues Gerät zur Langzeitmessung der Herzströme vor: ein Messgerät, dass eher an ein Fitnessarmband als ein medizinisches Gerät erinnert.

Äterer Herr schnaubt sich die Nase (Quelle: imago/blickwinkel)
imago/blickwinkel

Angst vor Schnupfen - wenn die Nase läuft

Im höheren Alter klagen zahlreiche Menschen darüber, dass die Nase regelmäßig zu tropfen beginnt. Sie befürchten eine Erkältung oder Allergie. Doch die laufende Nase ist eine reine Alterserscheinung. Die Alterstropfnase - auch "old man’s nose drip" genannt - ist zwar lästig aber völlig harmlos. Dennoch ist es sinnvoll abzuklären, ob sich hinter den Beschwerden eine andere Erkrankung verbirgt.

Ein Mann pflück Birnen von einem Baum an der Straße (Quelle: rbb)
rbb

Obst in der Stadt

Unzählige Bäume in unserer Region ächzen gerade unter der Last ihrer vielen Früchte. Höchste Zeit also, ihnen ein bisschen unter die Arme zu greifen: frisches Obst pflücken, hilft den Pflanzen und uns. Was aber, wenn die Bäume direkt an einer viel befahrenen Straße stehen. Kann das wirklich gesund sein?