Junge wird geimpft (Quelle: imago/blickwinkel)
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- HPV-Impfung - jetzt auch für Jungen

Als Forscher Harald zur Hausen entdeckte, dass das Papillomvirus, kurz HPV, Gebärmutterhalskrebs auslösen kann, war das eine Sensation - und führte zur Entwicklung eines Impfstoffs. Seit zwölf Jahren werden Mädchen gegen HPV geimpft. Jetzt empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO), auch Jungen zu impfen – und viele deutsche Ärzte finden: das war längst überfällig. Immer mehr Kassen übernehmen nun die Kosten.

Humane Papillomviren, kurz auch HPV genannt, sind die am häufigsten sexuell übertragenen Viren. Weltweit infizieren sich 50 bis 80 Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens damit. Die Infektion verläuft in der Regel unbemerkt und heilt meist spontan wieder ab. In etwa zehn Prozent der Fälle entwickelt sich jedoch eine dauerhafte Infektion. Sie bleibt oft über Jahre unerkannt und kann Zellveränderungen zum Beispiel am Gebärmutterhals herbeiführen. In bis zu drei Prozent der Fälle kann das zu einem bösartigen Tumor führen. Mittlerweile kennt die Wissenschaft über 100 HPV-Typen.

HPV kann verschiedene Tumore verursachen

Die Viren mit niedrigem Risiko verursachen Feigwarzen im Genital- und Mundbereich. Die Hochrisikotypen können hingegen Gebärmutterhalskrebs bei Frauen sowie Anal- und Peniskarzinome bei Männern und Tumore im Kopf-Hals-Bereich bei Männern und Frauen entstehen lassen.

In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 4.600 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Bei fast 100 Prozent dieser Tumore sind HPV-Infektionen ursächlich verantwortlich. Bei Männern sind nicht alle genannten Krebserkrankungen durch eine HPV-Infektion bedingt. Nach Schätzungen des Zentrums für Krebsregisterdaten im Robert Koch-Institut gibt es pro Jahr bei Männern etwa 600 Analkarzinome, mindestens 250 Peniskarzinome und mindestens 750 Karzinome in der Mundhöhle oder im Rachen, die auf eine HPV-Infektion zurückgehen.

Die HPV-Impfung gilt als Meilenstein jahrzehntelanger Forschung. Vor allem die Arbeit des Virologen und Nobelpreisträgers Harald zur Hausen vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) war die Grundlage der Entwicklung eines ersten Impfstoffes gegen das Virus. Der Wirkstoff imitiert die Eiweißhülle von HPV und dient dem Immunsystem als Vorlage zur Produktion von Abwehrproteinen.

STIKO empfiehlt Impfung jetzt auch für Jungen

Seit 2007 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Immunisierung gegen das Virus für Mädchen. Die Impfung schützt den Experten zufolge wirksam vor einer HPV-Infektion und daraus resultierenden Krebsvorstufen. Seit Ende Juni 2018 empfiehlt die STIKO, auch Jungen zwischen 9 und 14 Jahren gegen HPV zu impfen. Deutschland ist eines der ersten europäischen Länder, in dem die HPV-Impfung für Jungen empfohlen wird. Die Impfung ist sehr sicher, weltweit wurden bereits mehr als 270 Millionen HPV-Impfungen verabreicht, ohne dass wesentliche Impfkomplikationen aufgetreten sind.

Herdenschutz

Mit der aktuellen Empfehlung hofft die STIKO, den Gemeinschaftsschutz in der Bevölkerung zu stärken. Wie bei allen Impfungen müssen mehr als 80 Prozent der Menschen geimpft sein, um eine sogenannte Herdenimmunität zu erzielen – bei der das Virus also nicht mehr effizient von einem zum anderen Menschen weitergegeben wird. Bisher wird die Impfung hierzulande unter den Mädchen noch nicht zufriedenstellend angenommen: 2015 waren nur 44,6 Prozent der 17-jährigen Mädchen vollständig gegen HPV geimpft. In der Schweiz und Irland sind hingegen mehr als 65 Prozent geimpft, in Schweden, Norwegen, Großbritannien sowie Italien sogar mehr als 85 Prozent.

HPV wird nicht nur beim Sex übertragen

Die Viren können beim Sex übertragen werden – beide Geschlechter sollten daher optimaler Weise frühzeitig vor dem ersten Verkehr geimpft werden. Die Viren können aber auch über Hautkontakt, Handschütteln oder Küssen übertragen werden. Partner können die Viren also am ganzen Körper miteinander austauschen. Die Impfung sollte daher möglichst vor den ersten sexuellen Aktivitäten erfolgen. Der Impfschutz bleibt Studien zufolge mindestens über zehn Jahre bestehen – denn solange ist er auf dem Markt. Die Forscher gehen aber davon aus, dass er einen lebenslangen Schutz gewährt.

Für Mädchen übernimmt die Kasse seit Jahren die Kosten für die Impfung. Zur Kostenübernahme bei Jungen haben sich bisher erst ein paar Kassen bereit erklärt. Innerhalb der nächsten drei Monate entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss, ob die HPV-Impfung von Jungen in die Schutzimpfungsrichtlinie aufgenommen und somit zur Pflichtleistung der Gesetzlichen Krankenkassen wird.

Filmbeitrag: Anne Hoffmann
Infotext: Beate Wagner

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