Frauenfüße mit schiefen Zehen in High Heels (Quelle: imago/Frank Sorge)
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Bild: imago/Frank Sorge

- Hallux valgus

Der Hallux valgus, auch Ballenzeh oder Überbein genannt, ist die am weitesten verbreitete Fußkrankheit. Zehn Millionen Menschen leiden allein in Deutschland daran. Frauen sind im Vergleich zu Männern weitaus häufiger betroffen; das Verhältnis beträgt neun zu eins. Wenn Fußgymnastik, Schienen oder Einlagen nichts mehr fruchten, bleibt oft nur noch eine Operation mit längerer Genesungszeit. Gelegentlich wird beim Hallux valgus zu schnell zu einer Operation geraten.

Der Volksmund kennt viele Redensarten, die sich um die Füße drehen – ein Indiz dafür, wie wichtig sie für uns sind: Wir stehen mit beiden Füßen fest auf dem Boden, leben auf großem Fuß oder laufen uns die Füße nach etwas ab. Tagtäglich verlangen wir ihnen Höchstleistungen ab. Im Laufe eines Lebens legen die Füße rund 160.000 Kilometer zurück – das entspricht vier Erdumrundungen!

Erst Spreizfuß, dann Ballenzeh

Der Fuß besteht aus 28 Knochen, etlichen Gelenken, Muskeln und mehr als 100 Bändern. Sie spannen sich rund um den Fuß wie die Streben eines Fensters. Wenn sich Bänder und Sehnen lockern oder "zu weich" werden, geht der Fuß in die Breite; nach und nach kann ein Hallux valgus entstehen – eine schmerzhafte Fehlstellung des Großzehengrundgelenkes. Das Gelenk gerät aus seiner geraden Achse und verschiebt sich mit der Zeit immer weiter in Richtung der kleinen Zehen. Der erste Mittelfußknochen richtet sich nach innen. In extremen Fällen schiebt sich der schiefe Zeh im 90 Grad-Winkel über die anderen Zehen. Solange sich die Großzehen mit eigener Muskelkraft gerade rücken, besteht nur eine Vorstufe des Hallux valgus.

Dauerhafte Fehlstellung mit Schmerzen

Doch ohne Behandlung und bei anhaltendem Druck auf den Zeh entwickelt sich eine dauerhafte Schieflage. Der Zeh sitzt nicht mehr richtig in seinem Gelenk, es entwickelt sich eine Art knöcherner Auswuchs am Großzehengrundgelenk. Die Beschwerden reichen von krampfartigen stechenden Schmerzen in Ruhe bis hin zu Laufproblemen selbst auf kürzesten Strecken oder Schmerzen durch die darunter liegenden entzündeten und geschwollenen Schleimbeutel. Auch die Zehenhaut kann schmerzhaft gereizt sein.

Vererbt und falsches Schuhwerk

Der Ballenzeh ist häufig Veranlagung: Bis zu 60 Prozent der Betroffenen haben Familienangehörige mit einem Ballenzeh. Ein erblicher Faktor, der eine wichtige Rolle spielt: schwaches Bindegewebe, so dass Muskulatur und Knochen den Fuß nicht gut stützen. Übergewicht und Berufe, in denen die Betroffenen viel stehen müssen, können ebenfalls zu einem Hallux valgus führen. Begünstigt wird die schiefe Zehe auch durch enge hohe Schuhe. In Ländern, in denen vor allem Sandalen getragen werden oder die Menschen barfuß gehen, sucht man die typische Fußfehlstellung vergeblich.

Geschlechterabhängige Auslöser

Die Risikofaktoren für den Ballenzeh scheinen sich zwischen Männer und Frauen zu unterscheiden. In einer Studie untersuchten Forscher des Institute for Aging Research in Boston, USA, 600 männliche und weibliche Patienten: Hier waren vor allem Frauen betroffen, die einen niedrigen Body-Mass-Index (BMI) hatten und hochhackiges Schuhwerk trugen. Bei den Männern traf es häufiger jene mit einem hohen BMI und Plattfüßen. Diese Ergebnisse, so die Autoren, legen die Vermutung nahe, dass der Hallux valgus bei Männern und Frauen auf unterschiedliche Art und Weise entsteht.

Einfache Diagnose

Für die Diagnose reicht dem Orthopäden oft schon ein Blick auf den Zeh. Eine gründliche Untersuchung, bei der er das Gelenk mit Abtasten, Ultraschall oder Druckmessung (Pedografie) beim Gehen untersucht, zeigt, wie der Druck im Großzehengrundgelenk verteilt ist und wie weit Muskel-Sehnenzüge aus ihrem natürlichen Gleichgewicht geraten sind. Dabei wird auch sichtbar, dass die Sesambeine, kleine Knöchelchen unter dem Gelenk, die Kräfte der Zehenbeugersehne nicht mehr richtig führen können. Das Röntgenbild stellt klar, wie weit die Fehlstellung vorangeschritten und ob das Großzehengrundgelenk schon verändert ist. Denn oft führt ein Hallux valgus zu einer Arthrose, da sich das Gelenk durch die Fehlstellung schneller abnutzt.

Konservative Therapie

In leichten Fällen – und das sind die meisten – sollte die Druckentlastung des Großzehenballens im Vordergrund der Therapie stehen. Dazu können häufiges Barfußlaufen, das Tragen von offenen oder geweiteten Schuhen, sowie das Einlegen von ringförmigen Schaumstoffpolstern beitragen. Sie entlasten den Vorfuß und nehmen den Druck von dem deformierten Zeh. Nachts können Betroffene eine Hallux valgus-Schiene angelegen, die das weitere Abdriften des großen Zehs nach außen verhindert. Rückgängig machen die Hilfsmittel den Hallux valgus nicht. Wenn der Zeh bereits zu stark verformt ist und starke Beschwerden wie Schmerzen oder Gehschwierigkeiten auslöst, muss die Fehlstellung per OP korrigiert werden.

Lange Genesung

In der Literatur sind mehr als 100 Varianten von Hallux valgus-Operationen beschrieben. Das Ziel ist immer, den Zeh zu begradigen. Die Varianten reichen von der Entfernung des Knochenvorsprungs über die Umstellung (Osteotomie) des Mittelfußknochens bis hin zur Versteifungsoperation. Je nach Methode werden bei der Operation nicht nur die Knochen korrigiert, sondern auch Weichteile wie Sehnen, Muskeln und Schleimbeutel. Wann welches Verfahren infrage kommt, hängt unter anderem davon ab, wie stark der Ballenzeh ausgeprägt ist. Die Heilung dauert im Normalfall sechs bis acht Wochen. Eine intensive Belastung ist erst nach drei bis sechs Monaten möglich. Im Anschluss an die Operation trägt der Patient meist einen Spezial-Schuh, der den Zeh entlastet; er muss mehrere Monate getragen werden. Relativ bald nach der Operation beginnt die Physiotherapie, damit das Gelenk nicht versteift.

Seit einiger Zeit werden in einigen OP-Zentren Magnesiumschrauben für die Operation verwendet, die sich im Laufe der Zeit selbst auflösen. Sie bieten einen Vorteil, wenn zum Beispiel Jahre später aufgrund einer Arthrose Schrauben aus anderem Material wieder entfernt werden müssten.

Keine vorschnellen Eingriffe

Experten raten nur dann zu einer korrigierenden Operation, wenn tatsächlich medizinische Beschwerden vorliegen – und nicht bei rein kosmetischen Problemen oder kleineren Fehlstellungen. Zum einen, weil die Heilung langwierig ist, zum anderen, weil der Eingriff nicht immer die gewünschte Beschwerdefreiheit bringt.

Lieber vorbeugen

Besser als im Nachhinein therapeutisch einzugreifen ist es vorzubeugen: Schuhe mit stabiler Ferse, beweglichem Vorderfuß und einem nicht zu stark vorgeformten Fußbett sind am gesündesten. Experten raten außerdem dazu, mehr Barfuß zu laufen: Die Reize aktivieren und stärken die Fußmuskulatur. Zusätzlich stabilisiert das nackte Laufen Sehnen und Bänder. Laufen, Springen und Tanzen kräftigen Fasern, Sehnen und Bänder. Besonders effektiv ist Seilhüpfen als Kraft- und Geschicklichkeitstraining – idealerweise ohne Schuhe.

Filmbeitrag: Johannes Mayer
Infotext: Constanze Löffler

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