Junge Frau mit Zettel auf dem Knie. Darauf steht: "Kopf hoch" (Quelle: imago/Photocase)
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- Psychische Krisen auffangen - Angebot für junge Erwachsene

Jeder dritte erlebt einmal im Laufe seines Lebens eine psychische Erkrankung. Aber noch immer schämen sich viele Menschen dafür und es vergehen oft Jahre, bis eine Behandlung beginnt. Oft vernachlässigt werden dabei die Bedürfnisse junger Erwachsener, dabei sind die meist anders als die älterer Betroffener. Zum Welttag der Seelischen Gesundheit besucht die rbb Praxis einen jungen Mann, der seine Erkrankung mit einem speziellen Angebot für junge psychisch Erkrankte in den Griff bekommen hat.

Millionen Deutsche leiden derzeit unter Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Die Zahl der in Brandenburg Betroffener ist deutlich höher als bundesweit. Und auch unter jungen Berlinern sind psychische Erkrankungen häufig: Nahezu jeder dritte junge Erwachsene in der Hauptstadt ist wegen einer Depressionen, Psychose, Angst- oder Suchterkrankung in ärztlicher Behandlung. In Brandenburg wird etwa jeder vierte zwischen 18 und 25 Jahren wegen einer psychischen Erkrankung behandelt.

Dass sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden psychische Probleme entwickeln, passiert häufig. Meist bleiben die Störungen aber zunächst unerkannt. Jugendliche sind aus mehreren Gründen besonders anfällig für psychische Störungen. Zum einen baut sich beim Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter das Gehirn um. Zum anderen steigen in dieser Zeit die sozialen Anforderungen. Die jungen Erwachsenen müssen sich vom Elternhaus ablösen, ihre eigene Persönlichkeit entdecken und Entscheidungen mit großer Bedeutung treffen, wie zum Beispiel beim Thema Berufswahl. Auch Drogen spielen oftmals bei psychischen Erkrankungen von Jugendlichen eine entscheidende Rolle.

Psychisches Leid beginnt oft in der Jugend

Heranwachsende leiden vor allem unter Ängsten, bipolaren Störungen, Problemen des Sozialverhaltens und Essstörungen, seltener unter Schizophrenie. Bei jedem Vierten zeigen sich die Probleme erstmals vor dem 18. Lebensjahr. Je schwieriger die sozialen Bedingungen sind, in denen die Kinder aufwachsen, desto gefährdeter sind diese.

Für eine psychische Erkrankung müssen immer mehrere Faktoren zusammenkommen. So können Veranlagung, individuelle Schicksalsschläge, Unfälle, schwierige Erlebnisse in der Kindheit, der Einfluss von Gleichaltrigen oder ein wachsender Leistungsdruck in der Familie ursächlich sein.

Anders als lange vermutet verschwinden psychische Probleme mit dem Ende der Pubertät nicht wieder von allein. Die Jugendzeit ist vielmehr die entscheidende Phase, um psychisch Erkrankte wirksam zu behandeln. Sie stellt die Weichen für das gesamte Leben. Studien belegen, was passiert, wenn diese Chance vertan wird: 80 Prozent aller erwachsenen psychisch Kranken waren schon als Jugendliche psychisch labil. Zudem ist die Jugendzeit die Phase, in der sich Betroffene beruflich orientieren. Greift ihnen bei psychischen Problemen jemand unter die Arme, stört das eine erfolgreiche Karriere nicht unbedingt. Bleiben sie auf sich selbst gestellt, drohen der Schul-, Studien- oder Ausbildungsabbruch und die Arbeitslosigkeit.

Immer mehr spezifische Angebote

Ärzte appellieren an Betroffene, sich in der Krise nicht entmutigen zu lassen. Es sei wichtig, so die Experten, sich lieber zu früh als zu spät professionelle Hilfe bei einem Facharzt oder einem Psychotherapeuten zu suchen. Immer mehr Kliniken bauen heute auch ihre Angebote aus und richten beispielsweise spezielle Stationen und Institute für klinische Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychologie ein. In den angeschlossenen Ambulanzen – wo Forschung, Lehre und weiterführende Ausbildung verzahnt sind – erhalten betroffene Jugendliche schnell konkrete Hilfe.

So auch zum Beispiel auf der FRITZ-Station in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes Klinikum am Urban in Berlin. Die FRITZ-Station ist ein bundesweit einmaliges Projekt für junge psychisch erkrankte Menschen. Hier erfahren die jungen Patienten, was hinter ihren Beschwerden steckt und dass die Therapie einer psychischen Erkrankung Zeit braucht. Sie lernen, ihre seelischen Probleme zu akzeptieren und ernst zu nehmen. Das junge Team der FRITZ-Station legt in der Behandlung großen Wert darauf, dass die Patienten selbstbestimmt entscheiden, welche Angebote sie in der stationären Zeit individuell annehmen möchten.

Zudem versucht das Team, mit den Patienten deren persönliche Ressourcen herauszuarbeiten und positive Aspekte der Persönlichkeit zu fördern. Ist die akute psychische Erkrankungsphase überstanden, werden viele der Patienten in der Einrichtung "soulspace" ambulant weiterbehandelt. Einmal monatlich sehen sie dort weiterhin ihren behandelnden Arzt. Die lückenlose Weiterbetreuung zwischen stationär und ambulant ist wichtig, um Rückfälle psychischer Erkrankungen im Jugendalter zu verhindern.

"soulspace" ist eine Anlaufstelle für psychisch belastete Menschen zwischen 15 und 35 Jahren. Das vom Bezirksamt geförderte Projekt ist ein Zusammenschluss von Kontakt-, Beratungs- und Behandlungsinitiativen unter einem Dach in Kreuzberg. Neben der Kontakt- und Beratungsstelle Transit der ajb GmBH zählen dazu das Frühinterventions- und Therapiezentrum FRITZ mit Früherkennungsinitiative (FIT) und die Ambulanz des Vivantes Klinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Teams der Initiativen führen Einzel-, Angehörigen- und Familiengespräche durch, bieten eine berufliche Beratung und Gruppen und Kurse zum Beispiel zum Thema Selbstverteidigung oder Kommunikation an. Offizieller Eröffnungstermin des "soulspace" ist am 16.10.18 von 14.30 - 17.30 Uhr in der Berliner Grimmstraße 16. Gäste sind willkommen!

Mögliche Anlaufstellen bei Krisen sind auch die Akutsprechstunden oder Rettungsstellen von Kliniken, niedergelassene Fachärzte oder der Hausarzt.

Filmbeitrag: Jana Kalms
Infotext: Beate Wagner

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Aus lizenzrechtlichen Gründen ist der Film leider nicht im Internet zu sehen.