Seniorin auf dem Sofa sitzend massiert ihre schmerzenden Beine (Quelle: imago/Paul von Stroheim)
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- Die Schaufensterkrankheit: unterschätztes Volksleiden

Egal, was die Auslage bietet, vor jedem Schaufenster halten sie an und betrachten sie. Doch es ist kein echtes Interesse sondern es sind Zwangspausen. Denn wenn die Schmerzen in den Beinen von Betroffenen zu stark werden, müssen die sie stehen bleiben. Vor einem Schaufenster fällt es nicht so sehr auf, wenn die Beine schamhaft für einige Minuten entspannt werden. Das ist steckt hinter der Schaufensterkrankheit.

"Schaufensterkrankheit" nennt der Volksmund das, was vielen Menschen den Alltag zur Qual werden lässt. Ärzte reden von Claudicatio intermittens – lateinisch für aussetzendes Hinken. Denn die Beschwerden kommen und gehen. Durch Verengung in den Gefäßen, die die Beine mit Blut versorgen, kommt es zu Muskelschmerzen beim Gehen. Stehenbleiben verschafft Linderung.

Betroffene tragen noch andere hohe Risiken

Die Schaufensterkrankheit ist eine oft verkannte Volkskrankheit. Die so genannte periphere Arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist nämlich ein Hinweis darauf, dass auch andere Gefäße im Körper geschädigt sind. Wer Durchblutungsstörungen in den Beinen hat, hat sie wahrscheinlich auch im Herzen und im Gehirn. Deren mögliche Folgen: Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Das Problem: bis zu 60 Prozent der Menschen, die an pAVK leiden, wissen gar nichts davon, weil sie noch keine Beschwerden haben. Dennoch ist ihr Risiko für Herzkreislauferkrankungen deutlich erhöht: Innerhalb von fünf Jahren nach der Diagnose erleiden rund 20 Prozent der pAVK-Patienten einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Erste Anzeichen werden oft übersehen

Ursache für die Durchblutungsstörungen sind in den meisten Fällen Gefäßverengungen durch Arteriosklerose. Die wird durch die klassischen Risikofaktoren gefördert: Rauchen, Zuckerkrankheit, erhöhter Blutdruck und erhöhte Blutfettwerte. Nahezu 90 Prozent der pAVK-Patienten sind Raucher, jeder Zweite von ihnen ist Diabetiker.

Viele Patienten nehmen die Beschwerden anfangs gar nicht wahr. Häufig sind ständig kalte Füße das einzige Zeichen für eine pAVK im Stadium I. In den meisten Fällen besteht eine Temperaturdifferenz zwischen beiden Füßen, da die pAVK zunächst oft einseitig auftritt. Erst in Stadium II entwickeln sich die typischen Belastungsschmerzen. Diese kommen schleichend – die Strecke, die die Betroffenen schmerzfrei gehen können verkürzt sich dabei immer mehr.
In Stadium III treten die Schmerzen auch im Ruhezustand auf. In Stadium IV kommen zu den Ruheschmerzen auch Hautdefekte hinzu, da durch die Durchblutungsstörung die Wundheilung gestört ist. Häufig folgt der Verlust des Beines. Rund 35.000 Amputationen in Deutschland gehen jährlich auf das Konto der Schaufensterkrankheit.

Herantasten an die Diagnose

Wegweisend für die Diagnose der pAVK ist, dass die Schmerzen plötzlich und nur unter Belastung auftreten. Dabei spielt es keine Rolle, auf welchem Untergrund man geht oder welches Schuhwerk man trägt. Machen die Betroffenen eine Steh-oder Sitzpause, verschwinden die Schmerzen. Im Unterschied dazu werden die Beschwerden bei einem Venenleiden eher schlimmer, wenn man sich weniger bewegt. Schwieriger ist es, eine so genannte Spinalkanalstenose von einer pAVK abzugrenzen. Denn die Verengung des Rückenmarkskanals verursacht ganz ähnliche Beschwerden wie die Schaufensterkrankheit.

Daher muss der Arzt den Patienten genau untersuchen. Meist beginnt er damit, den Puls an den Armen, in der Kniekehle, den Leisten und an den Füßen zu tasten. Ist er an einer dieser Stellen nicht tastbar, spricht dass schon für eine deutliche Gefäßverengung. Für weitere Hinweise hilft eine Blutdruckmessung an beiden Armen und Beinen. Der einfache rechnerische Vergleich des Blutdrucks am Arm und an den Knöcheln gibt dem Arzt Hinweise auf eine pAVK.

Der Gefäßverengung durch Bewegungsproben auf der Spur

Auch die Lagerungsprobe nach Ratschow gehört zu den Standarduntersuchungen, um die Schaufensterkrankheit zu erkennen: Dabei wird der Patient gebeten, sich auf den Rücken zu legen, die Beine anzuheben und die Füße zwei Minuten in der Luft kreisen zu lassen. Danach setzt sich der Patient auf und lässt die Beine von der Untersuchungsliege herab baumeln. Bei Gesunden ist die Bewegung schmerzfrei und der Fuß rötet sich innerhalb von 5 Sekunden. Liegt eine pAVK vor, verursachen die kreisenden Bewegungen Schmerzen und das Bein wird schon bei der Bewegung blass. Auch die Rötung des Fußes nach dem Hinsetzen ist verzögert.

Bildgebende Verfahren können schmerzlos helfen

Besteht der Verdacht auf eine Engstelle in den Beinarterien, kann der Arzt versuchen, diese Engstelle in einer Ultraschalluntersuchung darzustellen. Mit einer Doppler-Sonografie kann zudem die Fließgeschwindigkeit des Blutes ermittelt werden, die häufig auch Hinweise auf Engstellen gibt. Der Vorteil der Ultraschalluntersuchungen: sie sind schmerzlos, unblutig, und absolut ungefährlich. Daher kann man sie beliebig oft wiederholen. Der Nachteil: manchmal liefert diese Untersuchung nur mangelhafte Ergebnisse, weil sich die Engstelle nicht genau lokalisieren lässt.

Eine feinere Diagnostik ist über die Kernspintomografie (MRT) oder eine Computertomografie möglich. Eine so genannte Angiografie wird meist nur gemacht, wenn auch eine Intervention über den Katheter geplant ist. Dabei handelt es sich um eine Röntgenuntersuchung der Gefäße, die mit einem Kontrastmittel gefüllt werden. Der Verschluss im Gefäß lässt sich so genau lokalisieren: durch den plötzlichen Abbruch der Kontrastmittelsäule im Bild. Über einen Katheter kann zudem schon während dieser Untersuchung eine Aufweitung der Engstelle erfolgen oder ein kleines Metallgitter – ein so genannter Stent – eingesetzt werden, der die Arterie offen halten soll.

Die beste Therapie: Bewegung

Die Behandlung der pAVK erfolgt abhängig vom Stadium der Erkrankung. Zunächst versucht man, die Risikofaktoren, die zur Arteriosklerose geführt haben, zu verringern: Auf das Rauchen sollten Patienten verzichten, der Blutdruck und die Blutfettwerte sollten gesenkt und die Zuckerkrankheit behandelt werden. Häufig wird zusätzlich ein Präparat zur Blutverdünnung eingesetzt.

Im Stadium II ist das Hauptziel der Therapie, die Beschwerden der Patienten zu lindern. Hierfür wird das so genannte Gehtraining gemacht. Bewegung ist bei der pAVK das A und O. Etwa 3.000 - 6.000 Schritte sollten Betroffene mehrmals pro Woche machen, dabei aber nie über ihre Schmerzgrenze hinausgehen. Ziel des Gehtrainings ist, die natürlichen Kompensationsmechanismen des Körpers anzuregen, denn durch die regelmäßige Bewegung wird die Ausbildung von Gefäßen gefördert, die die Engstelle im Hauptgefäß umgehen. Außerdem wird so die Muskulatur unterhalb des Gefäßverschlusses immer wieder bewusst in die Minderversorgung mit Sauerstoff gebracht. Dadurch erhöhen die Zellen ihre Sauerstoffausschöpfung. Das bedeutet, dass das Gehen für die Patienten immer weniger schmerzhaft ist. Für diesen Effekt müssen Betroffene allerdings mindestens drei Monate jeden Tag 30 Minuten laufen.

Dabei spielt es Studien zufolge keine Rolle, ob man gezielt bis zur Schmerzgrenze trainiert, oder ein unterschwelliges Training wie etwa Schwimmen oder Radfahren absolviert. Zwar kann man auch allein zu Hause trainieren, doch in der Gruppe fällt es vielen leichter. Denn viele Patienten haben Angst vor den Schmerzen beim Laufen. Selbst wer hoch motiviert mit einem eigenen Training beginnt, gibt oft schnell auf. Und je weniger Bewegung, desto heftiger und häufiger treten die Schmerzen auf.
Gut 80 Prozent der Patienten mit einer pAVK im Stadium I oder II verspüren durch diese Maßnahmen schon eine Besserung ihrer Beschwerden.

Letzte Rettung direkt im Gefäß

Hilft das Gehtraining nicht, können Ärzte versuchen, die Engstelle im Gefäß durch einen Ballon aufzuweiten. Der Ballon wird über einen Katheter durch das Gefäß bis zur Engstelle vorgeschoben und dann aufgeblasen. Dadurch wird die Verengung beseitigt und das Blut kann wieder ungehindert fließen. Neuerdings werden hierfür auch Ballons genutzt, die Medikamente freisetzen.

Eine weitere Möglichkeit ist, über den Katheter eine Gefäßstütze in die Engstelle vorzuschieben. Das Stent genannte Metallgitter hält die Engstelle offen. Auch Stents gibt es inzwischen als Medikamenten-freisetzende Variante. Das hat den Vorteil, dass über Monate und Jahre Medikamente an die Gefäßwand abgegeben werden und so das Fortschreiten der Arteriosklerose verzögert wird.

Manchmal ist eine Operation nicht mehr zu verhindern. Operiert wird dann, wenn die Lebensqualität des Patienten stark eingeschränkt ist, er seine Tagesverrichtungen nicht mehr durchführen oder nur noch sehr kurze Wege zurücklegen kann oder wenn bereits Schmerzen in Ruhe sowie Hautschädigungen auftreten. Dann dient die Therapie hauptsächlich dazu, eine Amputation zu verhindern.

Filmbeitrag: Carola Welt
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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