Frau verzieht das Gesicht vor Schmerzen (Quelle: imago/McPHOTO/Baumann)
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- Trigeminusneuralgie

Vier von 100.000 Menschen trifft es eines Tages ohne Vorwarnung: Trigeminusneuralgie, eine Nervenkontaktstörung im Gehirn. Ein extremer Nervenschmerz schießt einseitig durch das Gesicht, pulsiert im Sekundentakt, für die Betroffenen kaum auszuhalten. Die Therapie mit Medikamenten hat starke Nebenwirkungen, darum hoffen viele Patienten auf eine OP. Für manche kommt auch ein Bestrahlungs-Verfahren mit dem Cyberknife infrage.

Trigeminus steht lateinisch für "Drilling". Der Trigeminusnerv hat drei Hauptäste, die das Gesicht sowohl mit Impulsen zur Muskelaktivität (Motorik) - insbesondere der Kau- und Schläfenmuskulatur - versorgen, als auch die Empfindungen in bestimmten Gesichtspartien zum Hirn zurückleiten. Ein Ast des Trigeminusnervs versorgt die Stirnpartie und den angrenzenden Kopfbereich, ein zweiter den Oberkiefer sowie die Partie um Augen und Nase, und ein dritter den Unterkiefer.

Neuralgie: Unerträgliche Schmerzen

Meist ist bei einer Trigeminusneuralgie der zweite oder dritte Nervenast geschädigt. Dementsprechend treffen die Beschwerden vor allem den Ober- und Unterkiefer oder die Lippe und Wange. Betroffene schildern die Beschwerden oft als fortwährende Stromschläge, die in den Kopf einschießen. Tatsächlich ist die Neuralgie durch plötzliche Schmerzen aus der völligen Beschwerdefreiheit heraus gekennzeichnet. Weil es keine offensichtliche Erklärung gibt und diese beiden Nervenäste nah an den Kiefern verlaufen, gehen viele Patienten lange von Zahnschmerzen aus. Auch viele Ärzte erkennen das wahre - neurologische -Problem oft zu spät. Die Schmerzen sind extrem heftig, erreichen auf medizinischen Schmerzskalen von 0-10 meist die Stufen 9 oder 10 und sie dauern meist nur wenige Sekunden - am Stück, denn diese Schmerzen können sich salvenartig wiederholen. Manche Patienten haben mehrmals täglich solche Schmerzanfälle und im Laufe der Zeit werden die Abstände zwischen den Attacken immer kürzer.

Typisch für die Trigeminusneuralgie ist, dass die Schmerzattacken durch so genannte Triggerreize ausgelöst werden können. Das kann zum Beispiel das Kauen sein, das Zähneputzen, Lachen oder sogar nur ein Luftzug. Manchmal können neben den Schmerzen auch Zuckungen auftreten. Dann spricht man von Tic Douloureux – französisch für schmerzhaftes Zucken.

Ursachen der Beschwerden

Verantwortlich für diese Beschwerden ist in 80 Prozent der Fälle ein Blutgefäß, das kurz hinter dessen Austrittsstelle im Hirnstamm auf den Trigeminus drückt: die so genannte Arterie cerebelli superior. Das führt dazu, dass der Nerv ständig irritiert wird und - ähnlich wie ein elektrisches Kabel dem die Isolierschicht fehlt - wild sogenannte Aktionspotentiale feuert und übererregbar wird. Das verursacht dann die Schmerzen.

Diesen engen Kontakt zwischen Nerv und Blutgefäß kann man bei 80 Prozent der Patienten durch eine Magnetresonanztomographie (MRT) zeigen. Deutlich seltener werden die plötzlich einschießenden Gesichtsschmerzen durch Erkrankungen, etwa eine Multiple Sklerose oder einen Tumor, verursacht. Dann fehlen aber oft die beschwerdefreien Intervalle zwischen den Schmerzattacken. Wichtig ist diese Unterscheidung vor allem, weil die Therapie sich nach der Ursache richtet.

Klassische Medikamente wirken nicht

Schmerzmittel helfen bei einer klassischen Trigeminusneuralgie nicht. Denn bis diese wirken, ist die Schmerzattacke meist schon wieder abgeklungen. Bei der klassischen Trigeminusneuralgie werden die Betroffenen oft zunächst mit Antiepileptika behandelt. Wie allerdings alle Medikamente, die im Gehirn wirken, haben diese starke Nebenwirkungen. Viele Patienten klagen über Schwindel, es kann zu Doppelbildern kommen, Trunkenheitsgefühlen, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen.

Jannetta-Operation

Bei jedem zweiten bis dritten Patienten wirken die Medikamente aber nicht auf Dauer. Dann wird bei der klassischen Trigeminusneuralgie das Standardverfahren, die sogenannte “Jannetta-Operation” durchgeführt. Dabei wird über eine kleine Schädelöffnung hinter dem Ohr am Gehirn vorbei eine Art Puffer aus Teflon zwischen Gefäß und Nerv geschoben. Die Erfolgsquote dieses Verfahrens liegt bei 95 Prozent. Der Vorteil: der Nerv selbst wird nicht verletzt, das Gefühl im Gesicht und die Kaumuskulatur bleiben voll intakt. Bei Betroffenen mit Multipler Sklerose ist dieses Operationsverfahren allerdings nicht geeignet, da hier ein entzündeter Nerv die Ursache ist.

Bestrahlungsverfahren

Große Hoffnung setzen daher viele auf ein neueres Bestrahlungsverfahren – das sogenannte Cyberknife. Hierbei wird die schmerzauslösende Stelle millimetergenau bestrahlt, ohne das umliegende Gewebe zu verletzen. Durch die Bestrahlung werden die Schmerzfasern im Nerven lahmgelegt. Deshalb eignet sich dieses Verfahren auch für Patienten mit Multipler Sklerose, bei denen nicht ein Gefäßkontakt die Schmerzen verursacht, sondern eine Entzündung des Nervs. Meist reicht eine Bestrahlungseinheit aus. Allerdings sind Langzeitwirkungen noch nicht bekannt. Die Erfolgsquote liegt bei 60 Prozent.

Mit der Nadel gestochen

Eine weitere Therapieoption: die Ganglion Gasseri-Techniken. Dabei wird unter örtlicher Betäubung mit einer Kanüle neben dem Mundwinkel eingestochen, um das so genannte Ganglion Gasseri zu treffen. Das ist ein Nervenknoten, in dem sich die drei Nervenäste des Trigeminusnervs vereinigen. Durch Hitze oder eine Alkoholinjektion werden dann die Schmerzfasern geschädigt, die für die Weiterleitung von Schmerzreizen verantwortlich sind.

Nachteile der Behandlungsmethoden

Der Nachteil der Ganglion Gasseri-Techniken und der Cyperknife-Technik: Anders als bei der Janetta-Operation bleibt der Nerv nicht unangetastet. Er kann – wenn auch in geringem Umfang – Schaden nehmen. Die Folgen können dann ein Taubheitsgefühl und paradoxerweise erneut Schmerzen als Folge dieses Taubheitsgefühls sein - eine Art Phantomschmerz. Die Kostenübernahme für das Cyberknife ist zudem eine Einzelfallentscheidung des betreffenden Kostenträgers.

Filmbeitrag: Sybille Seitz
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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