Mann sitzt in der Nacht vor Laptop (Bild: imago/Westend61)
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- Dr. Laptop - wem hilft Online-Psychotherapie?

Psychisch krank - das kann jeden treffen. Mehr als 10 Millionen Deutsche leiden zumindest vorübergehend unter seelischen Störungen. Besonders häufig sind Depressionen und Ängste. Auf der Suche nach Hilfe nutzen immer mehr Menschen das Internet. Online-Therapien von seriösen Psychotherapeuten und standardisierte Online-Programme werden neben der klassischen Psychotherapie immer wichtiger.

Lange Wartelisten bei den Psychotherapeuten, ein Beruf, der keine festen Termine zulässt oder eine Erkrankung, die einen in den heimischen Wänden fesselt - die Gründe für den Wunsch nach einer Online-Therapie sind so vielfältig wie die Behandlung selbst. Das Internet bietet einen Riesenmarkt für Menschen mit psychischen Erkrankungen: Selbsthilfeforen, Chatbots und Gesundheits-Apps. Wer Online-Psychotherapie googelt, erhält allein über 14 Millionen Treffer. Nicht alle Angebote sind wirklich seriös.

In Berlin-Charlottenburg arbeiten einige Wegbereiter der internetbasierten Psychotherapie in Deutschland. Peter Tossmann und sein Team begannen vor 13 Jahren mit cannabisabhängigen Jugendlichen und haben inzwischen mehrere tausend Menschen therapeutisch begleitet. Sie entwickeln Onlineberatungen für Betriebskrankenkassen und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Online-Programme der Krankenkassen

Die Idee für die Online-Programme wurde aus der Not heraus geboren. Nach der bevölkerungsrepräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) des Robert Koch-Instituts leiden 28 Prozent der erwachsenen Deutschen innerhalb eines Jahres unter mindestens einer psychischen Erkrankung. Doch nur 10 Prozent erhalten eine Therapie. Damit Versicherte die Wartezeit auf einen Platz überbrücken können, haben viele Kassen Online-Programme entwickelt. Depressionscoach heißt das bei der Techniker Krankenkasse, Pro Mind bei der Barmer Ersatzkasse oder Moodgym bei der AOK. Für die Versicherten der jeweiligen Kasse sind die Programme nach Registrierung kostenlos.

Online-Angebot ist ein Therapie-Mix

Bei den Programmen der Krankenkassen erhalten die Versicherten in einem modular aufgebauten Programm Anregungen, Fragen und Übungen. Die Barmer Ersatzkasse bietet mit Pro Mind ein Online-Training an, das nachweislich Depressionen verhindern kann. Es ist ein Mix aus Informationen über die Krankheit, Übungen zum Umgang mit negativen Gedanken und dem Austausch mit einem Psychologen per E-Mail. Bisher haben 2.700 Versicherte das Programm der Barmer genutzt. Von ihnen bekommt die der Kasse vor allem positive Rückmeldungen: Sie schlafen besser, kommen besser mit Grübelzwängen zurecht, können also Gedanken stoppen, die sich immer im Kreise drehen und können ihren Alltag besser bewältigen.

Onlinetrainings ersetzen keine Psychotherapie

Aber: Ein Selbsthilfeprogramm am Computer kommt nicht für alle Patienten geeignet - für manche schon deshalb nicht, weil sie keinen Computer haben, mit dem Programm nicht klar kommen oder das Onlinetraining nicht ausreicht. Der Kurs ersetzt keine Psychotherapie. Doch die Plätze bei den niedergelassenen Therapeuten sind rar. Psychisch kranke Menschen warten durchschnittlich fünf Monate auf eine psychotherapeutische Behandlung. Laut einem Mitte Oktober 2018 veröffentlichten Gutachten des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) fehlen deutschlandweit rund 2.400 psychotherapeutische Praxen. Nach Berechnungen der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) sind sogar rund 7.000 zusätzliche Psychotherapeutenpraxen notwendig, um die monatelangen Wartezeiten auf einen Therapieplatz in besonders schlecht versorgten Regionen zu verkürzen.

Therapie per Skype

Aus dem Mangel entwickelte sich die Idee der Skype-Therapie: ein Termin mit einem Therapeuten per Videochat. Online-Angebote haben den unschlagbaren Vorteil, dass es keine Anfahrtszeiten gibt, keine Wartezeiten und alles ganz schnell und einfach funktioniert. Die Krisen, die Menschen haben, können sofort oder zumindest relativ zeitnah besprochen und behandelt werden. Abgesehen davon, dass Therapeut und Klient nicht in einem Raum sitzen, ändert sich am Setting der Therapie beim Video-Chat nichts. Genau wie eine herkömmliche Sitzung dauert das therapeutische Gespräch 50 Minuten. Die psychologische Beratung ist auf die individuellen Probleme abgestimmt.

Die Kassen zahlen bisher nicht

Eine Online-Therapiestunde bei Peter Tossmann kostet 80 Euro. Obwohl er ein staatlich anerkannter Psychotherapeut ist, übernehmen die Kranken- und Rentenkassen die Kosten dafür nicht. Zukünftig könnte sich das ändern: Mit dem Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung des Pflegepersonals soll nach dem Willen des Bundesgesundheitsministeriums auch eine gesetzliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass Videosprechstunden als telemedizinische Leistung in der psychotherapeutischen Versorgung eingesetzt werden können. Der Bewertungsausschuss soll beauftragt werden, bis zum 1. April 2019 die notwendigen Voraussetzungen für die Vergütung im Einheitlichen Bewertungsmaßstab zu schaffen.

Das Regelwerk, wie eine solche Online-Therapie genau ablaufen wird und welche Bedingungen erfüllt werden sollten, muss noch geklärt werden. Der Videobehandlung muss zum Beispiel immer eine angemessene Diagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung im unmittelbaren persönlichen Kontakt vorangehen. Ferner müssen Datensicherheit und Datenschutz sichergestellt sein. Bei schwereren und langwierigeren psychischen Problemen, gibt Experte Tossmann zu bedenken, ist eine Psychotherapie vor Ort immer noch der Königsweg.

Filmbeitrag: Jana Kalms
Infotext: Constanze Löffler

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