Frau hält sich die Ohren vor Schmerzen (Quelle: Colourbox)
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- Tinnitus - Hilfe gegen quälende Ohrgeräusche

Wenn es im Ohr dauerhaft pfeift oder klingelt, sind Betroffene oft verzweifelt auf der Suche nach Lösungen. Doch anerkannte Therapien sind rar. Die rbb Praxis fragt nach dem Nutzen neuer Angebote und zeigt, was eine Reha bewirken kann.

Ein Tinnitus macht sich mit ganz unterschiedlichen Geräuschen bemerkbar: Bei dem einen piepst es im Ohr, der andere klagt über einen Pfeifton, beim dritten brummt es. Nicht das Ohr selbst streikt, vielmehr verarbeitet das Gehirn akustische Signale nicht mehr korrekt. Dass die Geräusche keine Einbildung sind, bestätigen moderne Untersuchungsmethoden wie das PET (Positronen-Emissions-Tomographie), mit dem sich Tinnitus-spezifische Aktivitäten in der Großhirnrinde nachweisen lassen. Häufig hat der Tinnitus eine konkrete Ursache wie ein Lärmtrauma, bei dem die Haarzellen im Innenohr geschädigt werden. Nach einer gewissen Zeit verselbständigen sich die Ohrgeräusche und werden von den Betroffenen zunehmend als lästig empfunden.

Früh behandeln, besser heilen

Menschen, die ein neues Ohrgeräusch bemerken, sollten sich schnell in Behandlung begeben. Denn: Medikamente wirken insbesondere in den ersten sechs bis acht Wochen nach dem ersten Auftreten. Je kürzer das Geräusch andauert und je jünger man ist, desto besser und wirksamer lässt sich der Tinnitus therapieren. Die Gabe von Medikamenten bei Tinnitus verfolgt drei Ziele:
• Verbesserte Innenohrdurchblutung
• Normalisierung der gestörten Signalverarbeitung in Innenohr und Hörnerv
• Normalisierte Nervenaktivität in den Hörzentren des Gehirns

Dafür kommen verschiedene Medikamente - meist in Form von Infusionen – in Frage:
• Plasmaexpander, welche die Flüssigkeitsmenge des Blutes erhöhen
• Medikamente, welche die Blutgefäße erweitern
• Glutamatrezeptorenblocker (Glutamat ist der wichtigste Botenstoff, um Höreindrücke weiterzuleiten)
• lokale Betäubungsmittel

Häufig setzen Ärzte bei Patienten mit Tinnitus und Hörverlust auch Kortison ein. Grund für den Hörverlust sind häufig geschädigte Haarzellen im Innenohr. Genau hier setzt das Medikament an. Kortison hat einen entzündungshemmenden Effekt auf das Innenohr und kann der Bildung von Wasseransammlungen (Ödemen) entgegenwirken. Außerdem unterbricht es den eingebauten Selbstzerstörungsmechanismus der Haarzellen.

Chronischen Tinnitus erfolgreich therapieren

Dauert der Tinnitus länger als drei Monate an, sprechen die Experten vom chronischen Tinnitus. Die Erfahrung zeigt, dass das Ohrgeräusch in der Regel dann auch nicht mehr verschwindet. Bei Patienten, die stark darunter leiden, können sich Sekundärprobleme entwickeln: Sie ziehen sich zurück, nehmen nicht mehr an sozialen Veranstaltungen teil. Sie vernachlässigen ihre Hobbys, das Familienleben liegt oft brach. Manche reagieren auf Dauer sogar mit depressiver Verstimmung.

Der bessere Weg: Die Patienten müssen lernen, mit dem Ohrgeräusch zu leben. Am besten gelingt das in einer sogenannten multimodalen Therapie, die ganz verschiedene therapeutische Elemente vereint. Sie kann ambulant oder stationär erfolgen und besteht aus verschiedenen Bausteinen. Zunächst einmal geht es um Aufklärung: Konkrete Informationen darüber, wie Tinnitus und Hören zusammenhängen, helfen vielen Patienten bereits - und nehmen ihnen den inneren Druck. Die Anstrengungen oder hohe Ansprüche an sich selbst spüren Patienten oft nicht. Vielen wird erst in der Therapie klar, was sie alles "um die Ohren" haben.

Konzentrationsübungen beispielsweise können helfen, davon wegzukommen: Mit ihnen lernen die Patienten zu hören, was sie hören möchten - und zwar nicht den Tinnitus. Auch Körperwahrnehmung, Physiotherapie und Entspannungstechniken gehören zum Programm. Von einer erfolgreichen Therapie sprechen die Fachleute, wenn der Tinnitus nicht mehr stört, das heißt, die Lebensqualität genauso gut ist, wie in der Zeit vor dem Ohrgeräusch. Viele Patienten erleben diesen Erfolg erst nach zwei bis drei Jahren.

Reha-Behandlung bei Tinnitus

Eine Möglichkeit, um den Effekt eines solchen multimodalen Programms zu verstärken: eine spezielle Reha für Tinnituspatienten. Auch hier ist das Konzept ein Potpourri verschiedener Therapieelemente. Zunächst lernen die Betroffenen, dass der Dauerton bleibt, dass man aber lernen kann, mit ihm zu leben. Im nächsten Schritt geht es darum, Strategien zu finden, um dem Tinnitus weniger Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Ebenfalls ein wichtiger Baustein der Reha sind Gespräche mit Psychotherapeuten. In diesen geht es unter anderem darum zu ergründen, was den Tinnitus ausgelöst hat. Stress ist nicht immer die Ursache für Tinnitus. Zumindest aber berichten viele Patienten, dass Stress den Tinnitus verstärkt oder dass sie empfindlicher darauf reagieren. Deshalb gehören zum Reha-Programm auch eine individualisierte Stress- und Konfliktbewältigung. Weitere wichtige Bestandteile sind Aktivität und Bewegung sowie Gruppentreffen, bei denen die Patienten feststellen, dass sie nicht die einzigen Betroffenen sind. Auch hier geht es nicht darum, Rehabilitanden zu zeigen, sondern dass auch ein Leben mit Tinnitus lebenswert und schön ist.

Musik bei Tinnitus

Auch eine Musiktherapie gegen Tinnitus kann in die Behandlung integriert werden. Die Musiktherapie hat mehrere Bausteine. Einer davon: die musiktherapeutische Tiefenentspannung. Sie kann besonders hilfreich bei Patienten sein, deren Ohrgeräusch mit Stress in Verbindung steht. Die Musik soll den Dauerton im Kopf der Tinnitus-Patienten in den Hintergrund drängen, ihnen ermöglichen, sich zu entspannen. Zusätzlich begleitet ein Therapeut die Sitzung, um den Teilnehmern beispielsweise mit Atemübungen zur besseren Entspannung zu verhelfen. Die musiktherapeutische Tiefenentspannung richtet die Aufmerksamkeit der Patienten weg von seinem Ohrgeräusch, so dass sich die Betroffenen wieder den wichtigen, schönen und positiven Dingen im Leben widmen können. Die Therapie verspricht keine Heilung, aber Linderung.  

Hörtraining mit Musiktherapie

Ein neueres Verfahren ist das Hörtraining, für das man eine spezielle Software braucht. Die Therapeutin ermittelt zunächst Tonart und Lautstärke des persönlichen Tinnitus-Tons. Dann bekommen die Patienten ein Hörtraining zum täglichen Üben. Ihr Tinnitus-Ton wird in Musikstücke gemischt. So leise, dass die Betroffenen ihn nicht hören, das Gehirn ihn aber wohl wahrnimmt. Der Tinnitus-Ton von außen beeinflusst den Tinnitus-Ton im Kopf. Das Störgeräusch nimmt mit der Zeit ab. Der Ton tritt in den Hintergrund, er wird weniger auffällig und nicht mehr als so belastend wahrgenommen - so die Hoffnung. Wissenschaftliche Beweise, ob diese Therapie wirklich dauerhaft wirkt, gibt es nicht, nur Erfahrungen von Tinnitus-Patienten. Die Therapiestunden müssen die Patienten in der Regel selbst zahlen, nur wenige Kassen und Versicherungen übernehmen die Kosten.

Tinnitracks

Eine weitere Musiktherapie gegen Tinnitus ist eine App fürs Handy: Tinnitracks. Auch hier benötigt man zunächst seine Tinnitusfrequenz. Auch hier hören die Patienten Musik - wie beim Hörtraining. Mit einem entscheidenden Unterschied: Tinnitracks mischt den Tinnitus-Ton nicht in die Musik, sondern filtert ihn aus der Musik heraus. Den fehlenden Ton ersetzt das Tinnitus-Geräusch. Das Ergebnis soll das gleiche sein wie beim Hörtraining: Der Tinnitus wird schwächer. Die wissenschaftliche Basis für diese Therapie ist dürftig; dennoch werden die Kosten für die Diagnostik und App von einigen Kassen wie der Techniker Krankenkasse übernommen. Weitere Produkte, die so ähnlich "wirken": Tinni-Ease oder MyNoise. Die Fachwelt ist allerdings überwiegend abwartend bis skeptisch.

Filmbeiträge: Thomas Förster
Infotext: Constanze Löffler

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