3D-Grafik eines Gehirns mit Parkinson (Bild: rbb)
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- Parkinson - neue Hilfen für Betroffene

Zum Zeitpunkt der Diagnose ist die Parkinson-Krankheit meist schon weit fortgeschritten, Nervenzellen sind unwiederbringlich verloren gegangen. Eine in Beelitz-Heilstätten entwickelte Musik-App kann die Behandlung unterstützen. Außerdem gibt es neue Ansätze in der medikamentösen Therapie. Welche das sind und was die App genau bewirkt, danach hat sich die rbb Praxis erkundigt

Jedes Jahr erkranken hierzulande 20.000 Menschen neu an Parkinson, schätzungsweise 300.000 in Deutschland leben mit der Erkrankung. In den nächsten 20 Jahren könnte sich diese Zahl verdoppelt haben, befürchten Experten. Der überwiegende Grund dafür: die zunehmende Lebenserwartung der Bevölkerung. Bis heute ist Parkinson nicht heilbar.

Die Entwicklung wirksamer Therapien hat vor allem ein Problem: Parkinson wird erst spät eindeutig sichtbar. Das typische Händezittern, die steifen Muskeln und die Gehprobleme – sie treten erst zum Vorschein, wenn ein Großteil der Nervenzellen in einer bestimmten Hirnregion, der Substanz nigra, bereits abgestorben sind. Dieser Prozess ist nicht mehr umkehrbar. Es entsteht ein Dopaminmangel. Der Nervenbotenstoff ist zusammen mit anderen Signalmolekülen an der Bewegungssteuerung beteiligt. In der Folge scheinen die Glieder der Erkrankten einzufrieren; ihre Bewegungen werden immer langsamer.

Unspezifische frühe Symptome

Frühe Symptome betreffen nicht die Motorik und sind zunächst keiner Erkrankung eindeutig zuzuordnen. So leiden die Betroffenen unter
• einem nachlassenden Geruchssinn,
• Schlafproblemen,
• Verdauungsstörungen sowie
• depressiven Verstimmungen und Stimmungsschwankungen.
Diese Beschwerden werden häufig mit dem Alter in Zusammenhang gebracht, mit anderen gesundheitlichen Problemen, vielleicht sogar einer Demenz – aber eben nicht mit Parkinson. Das wiederum verzögert die Diagnose.

L-Dopa wirkt nicht verzögernd

Neue Tests und Entwicklungen geben Hoffnung, dass man die Erkrankung bald früher erkennen könnte. Doch was nutzt das, wenn es keine wirksame Therapie gibt, die den Zerfall der Hirnzellen aufhalte könnte? Bislang existiert kein Medikament, das den Ausbruch oder das Fortschreiten der Parkinsonkrankheit verzögert. Behandelt werden aber die Symptome, fehlende Botenstoffe werden ersetzt. L-Dopa beispielsweise wirkt zu Beginn der Erkrankung sehr gut und bessert die motorischen Symptome. Auf Dauer verliert das Medikament allerdings seine Wirkung. Die Vermutung, dass L-Dopa den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen und Parkinson hinauszögern könnte, hat sich in einer Ende Januar 2019 veröffentlichen LEAP-Studie leider nicht bestätigt.

Asthma-Medikament könnte Parkinson-Risiko reduzieren

Hoffnung kam zuletzt von unerwarteter Seite: In einer norwegischen Untersuchung hatten Asthmapatienten, die mit einem sogenannten Beta-2-Sympathomimetikum behandelt worden waren, im Vergleich zur restlichen Bevölkerung ein 33 Prozent geringeres Risiko an Parkinson zu erkranken. Beta-2-Sympathomimetika imitieren die Wirkung der Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin an speziellen Rezeptoren des Nervensystems. Dadurch wirken sie beispielsweise bronchialerweiternd und werden bei Asthma eingesetzt. Sie scheinen aber auch ein Gen zu behindern, das die Produktion von sogenanntem Alpha-Synuklein stimuliert. Ablagerungen von Alpha-Synuklein werden oft als ursächlich für die Parkinson-Krankheit angesehen. Aktuell prüfen Forscher, ob sich hieraus ein neuer Behandlungsansatz ableiten lässt.

Komplexmethode bei Parkinsontherapie

Mediziner setzen bei der Therapie der Erkrankung zunehmend auf ein ganzheitliches Konzept. Neben Medikamenten und der tiefen Hirnstimulation spielen auch übende Therapieverfahren und psychosoziale Unterstützung eine Rolle. Ein multidisziplinäres Team aus
• Ärzten,
• spezialisiertem Pflegepersonal,
• Parkinson-Nurses und
• Therapeuten der Physiotherapie, Ergotherapie, Sprachtherapie, Neuropsychologie
erarbeitet mit den Patienten individuelle Therapieziele und einen Behandlungsplan, der die Lebensqualität bessern und die Eigenständigkeit führen soll. Das Training erfolgt in spezialisierten Einzel- und Gruppentherapien.

Mitentwickelt wurde die ganzheitliche Methode in den Beelitzer Heilstätten. Inzwischen werden 20 Prozent aller Erkrankten in Deutschland nach der Komplexmethode behandelt. Sie kommt vor allem dann in Frage, wenn die Lebensqualität trotz umfassender ambulanter Maßnahmen eingeschränkt bleibt und wenn eine optimale Medikamenten-Einstellung ambulant nicht möglich war.

Neue Ansätze zur Selbsthilfe

Es mehren sich die Hinweise, dass die Erkrankten selbst positiv zu dem Verlauf beitragen können. Lebensstilfaktoren wie ausreichende körperliche Aktivität können hier hilfreich sein. Tanzen, Tai-Chi, Sprach- oder Musiktherapie trainieren Funktionen wie Gleichgewicht, Gehen, Sprechen, Schlucken und Kognition, die durch die Erkrankung häufig beeinträchtigt sind. Offenbar profitieren Parkinson-Patienten bereits früh im Krankheitsverlauf von aktivierenden Therapien. Körperliches Training verbessert möglicherweise die kognitive Leistungsfähigkeit.

App fürs mehr Bewegung

In den Beelitzer Heilstätten nutzt man die neuen Technologien, um die Patienten wieder in Schwung zu bringen. Hier wurde die Curaswing App entwickelt. Dier Hintergrund: Forscher hatten festgestellt, dass den Patienten das Gefühl für die Bewegung fehlt. Typischerweise laufen Parkinson-Patienten sehr steif und schwingen ihre Arme nicht mit. Die App gibt den Patienten eine akustische Rückkopplung zu ihren Bewegungen. Schwingen sie die Arme schneller mit, wird auch die Musik schneller: Die Armbewegung beim Gehen wird in Musik übersetzt und damit der gesamte Bewegungsablauf optimal stimuliert. Durch die Therapie kommen die Menschen nicht nur besser in Schwung , sie gibt ihnen auch das Gefühl, wieder die Kontrolle über ihre Motorik zu erlangen. So können sie dem Parkinson selbst etwas entgegensetzen und sind nicht nur auf Medikamente angewiesen.

Filmbeitrag: Sybille Seitz, Ina Czycykowski
Infotext: Constanze Löffler

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