3D Grafik einer Hand mit schmerzendem Handgelenk (Bild: imago/Science Photo Library)
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- Rheumatische Gelenkerkrankung – früh erkennen und behandeln

Lebenslang Schmerzen, zerstörte Gelenke – eine rheumatoide Arthritis lässt sich nur schwer stoppen. Wird die Krankheit frühzeitig erkannt und behandelt, steigen die Chancen, dass die entzündlichen Gelenkveränderungen nicht weiter voranschreiten. Die rbb Praxis zeigt, wie die Krankheit diagnostiziert wird und warum gerade Bewegung die Therapie unterstützen kann.

Die rheumatoide Arthritis (RA), kurz Gelenkrheuma, ist die häufigste Form der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. In Deutschland sind etwa eine halbe Million Menschen betroffen. Die meisten Patienten erkranken zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, Frauen drei Mal häufiger als Männer. Bei der chronischen Autoimmunerkrankung sammeln sich Abwehrzellen in den Gelenken. Eigentlich sollen sie schädliche Erreger bekämpfen. Im Falle der rheumatoiden Arthritis wenden sich die Zellen gegen den eigenen Körper und lösen eine aggressive Entzündung der Gelenke aus.

Zuerst Finger- und Handgelenke

Oft beginnt die RA in den Finger- und Handgelenken. Sie schmerzen und sind geschwollen, vor allem morgens. Im Laufe des Tages lassen die Beschwerden häufig nach. Mit der Zeit erfasst die Krankheit auch andere Gelenke und beginnt, sie zu zerstören. Vor allem am Anfang schreitet sie besonders rasch voran. Langfristig zerstört die chronische Entzündung Knorpel und Knochen, die Gelenke verformen sich. Es treten Beschwerden an Sehnen, Sehnenscheiden, Muskeln, Augen und den inneren Organen auf. RA-Patienten sind zudem anfälliger für weitere Erkrankungen wie Arterienverkalkung, Knochenschwund oder Lungenfibrose.

Unspezifische Erstsymptome

Nur eine frühzeitige Diagnose und eine rasch einsetzende, individuell angepasste Therapie können verhindern, dass die Gelenke unwiederbringlich zerstört werden. Wird die Erkrankung in den ersten vier bis sechs Monaten erkannt, kann die Krankheitsaktivität komplett gestoppt werden. Bisher dauert es im Schnitt allerdings ein Jahr und länger bis zu Diagnose. Das Problem: Rheuma kann unspezifisch anfangen. Die Symptome gleichen dann eher einem grippalen Infekt. Und kaum jemand geht bei Fieber, Müdigkeit, nächtlichem Schwitzen von einer schweren Erkrankung aus. Deshalb vergeht oft einige Zeit zwischen Symptombeginn und Erstdiagnose.

Familiäres Risiko und Blutuntersuchung

Hinweise bei der Suche nach der richtigen Diagnose kann die eigene Familie geben: Leiden Angehörige an einer rheumatischen Erkrankung, ist das persönliche Risiko daran zu erkranken ebenfalls erhöht. Weitere Indizien liefert bei Beschwerden eine Blutuntersuchung. Dabei wird unter anderem der sogenannte Rheumafaktor (RF) im Blut bestimmt. Der RF ist ein Antikörper gegen das körpereigene Immunglobulin G. Er ist bei etwa der Hälfte der Patienten erhöht. Aber auch wenn er zunächst negativ ist, schließt das eine RA nicht aus. Meist bestätigt sich die Diagnose erst zusammen mit weiteren Befunden.

Ultraschall und Rheumascan

Dann folgen bildgebende Verfahren: Im Ultraschall untersucht der Arzt die Gelenke auf Entzündungszeichen. Verdächtige Zeichen sind vermehrte Ansammlungen von Gelenkflüssigkeit, eine verstärkte Durchblutung und erste Schäden am Gelenk. Die entzündlichen Gelenkveränderungen im Ultraschall zu erkennen erfordert ein geübtes Auge.

Der moderne Rheuma-Scan zeigt auch weniger Geübten, wie aktiv eine Entzündung gerade in diesem Moment ist. Für die Methode spritzt der Untersucher Kontrastmittel in die Vene. Schon wenig später sieht man auf dem Monitor, wie das Kontrastmittel in den Blutgefäßen anflutet. Die Entzündung ist dort aktiv, wo das Kontrastmittel besonders schnell sichtbar ist. Der Hintergrund: In entzündlich veränderten Gelenken bilden sich kleine Gefäße neu. Diese sorgen für Durchblutungsstörungen oder eine veränderte Durchblutung, die der Arzt im Rheuma-Scan erkennt.

Therapie

Bei der medikamentösen Therapie werden verschiedene Wirkstoffe und Wirkstoffgruppen unterschieden. Ihre Anwendung erfolgt oft gleichzeitig:
• Schmerzmittel
• nicht-steroidale Antiphlogistika
• Glucokortikoide
• sog. Basistherapeutika oder DMARDs (Disease Modifying Antirheumatic Drugs)
• Biologika

Anfänglich hatte man in der Therapie Schmerzmittel, Kortisonpräparate und Gold zur Verfügung. Sie haben nur die Symptome gelindert, aber nicht in den Krankheitsablauf eingegriffen. 1988 begann mit Methotrexat (MTX) die Ära der Immunmodulation. Das Medikament gehört zu den sogenannten DMARDs (Disease Modifying Antirheumatic Drugs). Damit gelang es Ärzten erstmals, Schmerzen und Gelenkentzündungen zu lindern. Bis heute gehört Methotrexat zu den wichtigsten Wirkstoffen. Auch die Patientin im Film erhält den Wirkstoff. Es muss einmal pro Woche genommen werden, entweder als Tablette oder Spritze. Meist dauert es zwischen acht und zwölf Wochen, bis die Wirkung einsetzt. Kortison kommt bei akuten Entzündungen zum Einsatz. Seit der Jahrtausendwende gibt es die sogenannten Biologicals oder Biologika. Sie greifen gezielt in das fehlgesteuerte Immunsystem ein und hemmen es. Viele Patienten führen durch die Biologika heute ein nahezu normales Leben. Sie müssen sich die Wirkstoffe allerdings spritzen und mit 16.000 Euro Therapiekosten pro Jahr sind sie extrem teuer.

Sport als Therapie bei Rheuma

Bei entzündlichen Rheumaformen lassen unter wohldosierter Bewegung die krankheitstypische Steifigkeit des Bewegungsapparates und die Schmerzen nach. Empfohlen werden
• gezieltes Gerätetraining,
• Ausdauersportarten oder
• weiche Bewegungsübungen wie im Yoga, Tai Chi, Qigong und Feldenkrais.

Für Rheumatiker gibt es ein umfangreiches Trainingsangebot in deutschlandweit über 12.000 Bewegungsgruppen. Eine Bewegungstherapie kann die Entzündungsprozesse bei rheumatischen Erkrankungen nachweislich günstig beeinflussen, den Spiegel an Entzündungsfaktoren wie TNF-alpha und RANKL senken – und damit Schmerzen reduzieren, Rheuma-Erkrankungen verbessern und Folgekrankheiten verbeugen. Bei einigen rheumatischen Erkrankungen ist es erwiesen, dass durch eine intensivierte Bewegungstherapie die Rheumamedikamente reduziert werden können.

Mit der Kraft der Myokine

Allerdings wird hierzulande zu wenig Bewegungstherapie verordnet; derzeit bekommt sie nur jeder fünfte RA-Patient. Die meisten Rheuma-Patienten ängstigen sich vor Schmerzen und dass die entzündeten Gelenke Schaden nehmen könnten. Doch das Gegenteil ist der Fall! Auch die Angst, dass der Sport einen Rheumaschub auslöst, ist unbegründet. Je mehr die Muskulatur arbeitet, desto unwahrscheinlicher wird es, dass das Rheuma "durchbricht". Denn bei Bewegung produzieren die Muskelzellen Botenstoffe, sogenannte Myokine. Sie wirken antientzündlich.

Die klare Empfehlung lautet deshalb: Rheuma-Patienten sollten sich genauso viel bewegen wie gesunde Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt pro Woche 75 Minuten Bewegung bei höherer Intensität oder 150 Minuten Bewegung bei mittlerer Intensität. Wer es besonders gut machen will, macht jede Woche noch zwei bis drei Mal Krafttraining an Geräten oder mit dem eigenen Körper.

Filmbeitrag: Martina Janning
Infotext: Constanze Löffler

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