Sprudelndes Wasserglas vor Antibiotika-Schriftzug
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- Antibiotika - Fluch oder Segen?

Antibiotika sind aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken: Ohne sie wären wir vielen bakteriellen Infektionen fast schutzlos ausgeliefert. Doch die wirksamen Medikamente können auch schwere Nebenwirkungen haben. Außerdem können Bakterien Resistenzen entwickeln. Auch deshalb gilt: Vor einer Antibiotika-Therapie müssen Nutzen und Risiko genau abgewogen werden. Sonst kann aus dem Segen ein Fluch werden.

Antibiotika gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Doch immer noch wenden Ärzte in Praxis und Klinik bis zu 70 Prozent der Antibiotika falsch an. So zum Beispiel bei Infektionen im Hals-Nasen-Rachenraum, die zu 90 Prozent durch Viren verursacht werden.
Antibiotika wirken hingegen nur gegen Bakterien. Bei viralen Infekten können sie also gar nicht helfen - sondern nur zusätzliche Nebenwirkungen verursachen, die wiederum selbst krank machen können.

Zu diesen Nebenwirkungen zählen:
• Schwäche und Müdigkeit,
• Kopfschmerzen,
• Schwindel,
• Schlaflosigkeit,
• Erbrechen und Verdauungsstörungen,
• Ohrgeräusche,
• Sehstörungen oder Depressionen

Nur wenn sich beispielsweise aus einer viralen Entzündung eine bakterielle Superinfektion entwickelt, sind Antibiotika als Teil der Therapie wieder sinnvoll.

Sorgloser Umgang führt zu Resistenzen

Zudem kann sich unsere Gesellschaft einen kritiklosen Umgang mit Antibiotika noch aus einem anderen wichtigen Grund nicht mehr erlauben: Ein allzu sorgloser Umgang mit den Medikamenten führt dazu, dass immer mehr Bakterienstämme resistent werden. Bei wirklich lebensgefährlichen Erkrankungen, wie einer Blutvergiftung - wo Antibiotika unverzichtbar sind - wirken sie dann nicht mehr. Seit Mitte der 80er Jahre hat die Antibiotikaempfindlichkeit bei fast allen Erregern deutlich abgenommen. Antibiotika sollten daher nur den Patienten verschrieben und von den Patienten eingenommen werden, die wirklich einen Nutzen von ihnen haben. Aus diesem Grund ist beispielsweise auch das "Bunkern" von Antibiotika in der Haushalts- oder Reiseapotheke eher kritisch zu sehen - ob die Einnahme sinnvoll ist, sollte immer mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden.

Experten fordern maßvollen Umgang

Das Ziel ist also: Antibiotika sollten nur noch zielgerichtet und maßgeschneidert verabreicht werden. Um diesen verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika beispielsweise auf Intensivstationen zu organisieren, bilden sich in Kliniken zunehmend sogenannte "Antibiotic Stewardships". Das bedeutet, dass sich Ärzte verschiedener Fachrichtungen in interdisziplinären Visiten über die sinnvolle Antibiotikagabe bei jedem einzelnen Patienten austauschen.

Bakterien sollten als Ursache nachgewiesen sein

Bei eindeutig bakteriellen Entzündungen, wie zum Beispiel einer Mandelentzündung, ist der Einsatz von Antibiotika nach wie vor angezeigt. Bevor die Arzneien aber beispielsweise bei Halsschmerzen verschrieben werden, müssen Ärzte im Abstrich Bakterien wie Streptokokken nachgewiesen haben. Dann lassen sich schwere Folgeschäden wie zum Beispiel einen Abszess oder eine Sepsis - umgangssprachlich Blutvergiftung genannt - verhindern.

Sepsis führt bei jedem Zweiten zum Tode

Die Sepsis ist ein akutes Krankheitsbild: Alle sechs bis sieben Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch daran. Auslöser sind Bakterien, die sich bei Infektionen wie Lungenentzündung, Harnwegsinfektionen oder Verletzungen vermehrt im Körper ansammeln. Breiten sich die giftigen Keime überall im Körper aus, droht das gesamte Organsystem zusammenzubrechen. Dazu führen häufig die folgenden Prozesse:

• Das Immunsystem versucht, die Eindringlinge abzuwehren.
• Die Abwehr gerät dabei außer Kontrolle.
• Das Herzkreislaufsystem kommt an seine Grenzen.
• Lungen, Leber und Nieren versagen.
• Oft müssen die Patienten an die Dialyse.

Die einzig wirksame und unverzichtbare Therapie bei einer Sepsis ist der frühzeitige Einsatz von Antibiotika. Die Diagnose sollten Ärzte daher so schnell wie möglich mit Laborwerten, bildgebenden und klinischen Befunden stellen. Denn aus Studien mit vielen Betroffenen wissen Experten: Die Hälfte aller Patienten stirbt an einer Sepsis. Sepsis und septischer Schock stellen eine tägliche Herausforderung in Notaufnahmen und auf Intensivstationen dar. Der verantwortungsvolle Umgang mit Antibiotika ist daher bei jedem Patienten angezeigt.

Wichtige Tipps zur Einnahme von Antibiotika

Prinzipiell sollten Patienten bei der Einnahme von Antibiotika einige wichtige Regeln befolgen:

1) Antibiotika sollten immer so lange eingenommen werden, wie die Ärztin oder der Arzt sie verordnet haben. Der Ratschlag, jede angefangene Packung aufzubrauchen, um Resistenzen zu vermeiden, gilt allerdings als überholt.

2) Übrig gebliebene Tabletten dürfen nicht für spätere Anwendungen aufgehoben oder anderen Menschen gegeben werden. Wichtig ist, Medikamentenreste nicht über den Ausguss oder die Toilette zu entsorgen. Das belastet die Umwelt und trägt ebenfalls zur Resistenzbildung bei.

3) Antibiotika sollten zusammen mit Wasser geschluckt werden. Die Einnahme mit Säften, Milchprodukten oder Alkohol kann die Aufnahme mancher Wirkstoffe in den Körper beeinflussen. Nach Verzehr von entsprechenden Produkten sollte man mindestens zwei bis drei Stunden warten. So kann beispielsweise Grapefruit die Wirkung von Medikamenten verstärken – und das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen erhöhen.

4) Wer gleichzeitig mit Antibiotika wie zum Beispiel Metronidazol oder Ketoconazol Alkohol trinkt, kann Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Blutdruckabfall oder Herzrhythmusstörungen verstärken.

5) Da Antibiotika zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen können, sollte der Patient seinen Arzt vor der Einnahme über alle Präparate informieren, die er nimmt. Typische Wechselwirkungen entstehen zum Beispiel mit Blutverdünnern, Mitteln gegen Sodbrennen oder der Antibabypille.

Filmbeitrag: Carola Welt
Infotext: Beate Wagner

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