Elektro Stimulation am Bein angeklebt (Quelle: rbb)
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Bild: rbb

- Elektro Stimulation für Querschnittgelähmte

Querschnittgelähmte sollen ihre Beine beim Schwimmen und Fahrradfahren wieder bewegen können. Die Zaubertechnik, die das bewirken soll, heißt Elektro Stimulation. Dr. Thomas Schauer und Dr. Constantin Wiesener von der Technische Universität Berlin (TU) haben sie entwickelt. Und obwohl das Projekt noch in der Forschung steckt, sind die bereits erzielten Ergebnisse verblüffend.

Seit 10 Jahren entwickeln Dr. Schauer und Dr. Wiesener von der TU die sogenannte Funktionelle Elektro Stimulation (FES) zusammen mit dem Unfallkrankenhaus Berlin (UKB).  Es soll die lahmgelegten Muskelfasern bei Querschnittgelähmten - auch Schlaganfallpatienten – aktivieren.

Die querschnittgelähmten Marcel Böhme und Hanno Voigt nehmen an diesem ungewöhnlichen Forschungsprojekt teil. Beide Männer sind von der Brust abwärts komplett querschnittgelähmt. Bei Querschnittgelähmten sind  Nervenbahnen im Rückenmark durchtrennt oder stark beschädigt. Befehle des Gehirns kommen in den Beinen nur sehr reduziert oder gar nicht an. Das heißt: Sie haben keinerlei Kontrolle über ihre Beine, ihre Muskeln Brust abwärts, ihren Darm oder Blase. Eine der Folgen der Querschnittlähmung ist der zunehmende  Muskelschwund in den Beinen – die Muskelfasern verkümmern.

Bisher können sich Querschnittgelähmte beim Schwimmen, ihrem regulären Reha-Programm, ausschließlich mit der Kraft ihrer Arme durchs Wasser ziehen. Die gelähmten Beine und den gesamten Unterleib ziehen sie hinterher.

Das soll sich jetzt ändern: Zum Schwimmen bringen Dr. Schauer und Dr. Wiesener Marcel Böhme und Hanno Voigt Elektroden an den Beinstreckern an, diese sollen die Paddelbewegung in Gang bringen. Weiterhin werden Elektroden auf dem Bauch und auf dem Rücken angeheftet, um den Oberkörper zu strecken. Und tatsächlich – die Beine von Marcel Böhme und Hanno Voigt machen eindeutige Paddelbewegungen und können so mit den Armzügen eine Einheit bilden.

Hanno Voigt

Man kann buchstäblich selber erfahren, dass man von seinen Beinen aktiv fortbewegt wird. Man kann raus in die Natur, man interagiert mit anderen Menschen, man kriegt ein Feedback – oder man kriegt gar kein Feedback, weil man ganz normal wirkt. Das ist nochmal eine ganz neue Erfahrung, die man dann hat.

Hanno Voigt schwimmt nicht nur dank der Elektroden. Er nahm auch an einem Wettbewerb für Rollstuhlfahrer in Zürich teil - Cybathlon.  Angetrieben ausschließlich durch die Elektrostimulation zog er seine Runden.

Dr. Wiesner erklärt die Technik folgendermaßen: "Der Sensor im Handy erkennt  wie das Handy steht, der Bildschirm kippt. Und so muss man sich vorstellen, sie kleben jetzt auf den Ober- Unterschenkel jeweils Sensoren und dann können wir die Winkel zwischen diesen beiden Sensoren bestimmen und haben dadurch immer den Kniewinkel – dann können wir sagen, wenn der Kniewinkel aufgeht, dann stimulieren wir den Muskel der aufgehen soll, wenn er zugeht, stimulieren wir den Muskel der zugeht. Wenn sie das zyklisch umsetzen, haben sie eine Fahrradbewegung. Wenn sie das an der falschen Stelle stimulieren – also genau entgegengesetzt, riskieren sie, dass sie entweder rückwärtsfahren oder blockieren"

4.500 Zuschauer jubelten Hanno Voigt in Zürich zu. Ein Glückserlebnis, das ihn weiter anspornt – und träumen lässt. Vielleicht schaffen es die Wissenschaftler ja, dass man durch die Elektro Stimulation sogar laufen kann. Das sei denkbar. Nicht heute, nicht morgen – aber irgendwann in der Zukunft.

Filmbeitrag: Johannes Mayer

Audio

Elektrostimulation.
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