Illustration eine Phage (Quelle: imago/Science Photo Library)
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- Mit Viren gegen Wunden - Phagentherapie

Oft sind multiresistente Keime im Spiel, wenn eine offene Wunde über Monate nicht abheilt: Bakterien, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. Eine vernachlässigte Therapieform kann den Patienten in dieser ausweglosen Situation helfen: sogenannte Bakteriophagen, Viren also, die gezielt Bakterien zerstören. Ein Patient aus Brandenburg ist bis nach Georgien gereist, um sich dort mit Phagen behandeln zu lassen. Die rbb Praxis hat sich erkundigt, wie erfolgreich die Therapie war und wie deutsche Ärzte die Phagentherapie nutzen.

Hochrechnungen des Europäischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zufolge erkranken in Europa jedes Jahr etwa 670.000 Menschen an Infektionen durch multiresistente Erreger (MRE), gegen die herkömmliche Antibiotika keine Wirkung zeigen. In Deutschland sind über 50.000 Menschen jährlich davon betroffen.

Von Fisteln und offenen Stellen

Einer von ihnen: Ein Patient aus Ludwigsfelde. Nach einem Herzinfarkt, diversen Bypass-Operationen und in diesem Zusammenhang eingefangenen multiresistenten Krankenhauskeimen litt er an Fisteln und offene Stellen der OP-Narbe. Jahrelang versuchten die Ärzte, mit Antibiotika und kleineren Operationen die befallenen Stellen in den Griff zu bekommen - ohne Erfolg. Eine letzte Therapie-Option: die Entfernung des Brustbeins. Das wollte der Patient auf keinen Fall - und suchte nach Alternativen. Im Internet stieß er auf eine Behandlung mit Bakteriophagen in Georgien.

Behandlungsmethode mit Vergangenheit

Die Phagentherapie wurde vor rund 100 Jahren vom kanadischen Mikrobiologen Félix Hubert d’Hérelle und dem Briten Frederick William Twort entdeckt. Ihre Wirkungsweise wurde unter anderem in der Sowjetunion und in der DDR genutzt. Zunächst, weil es noch keine Antibiotika gab. Später, weil Antibiotika teuer und nicht immer verfügbar waren. Als sich das änderte, geriet auch die Phagentherapie in Vergessenheit. Mittlerweile ändert sich die Wahrnehmung langsam wieder: Wirksame Antibiotika werden zunehmend knapper, es fehlt an effektiven Alternativen – und plötzlich interessieren sich auch Mediziner in der westlichen Welt für die traditionelle Behandlungsmethode.

Phagentherapie - Wie geht das?

Bakteriophagen sind Viren und quasi die natürlichen Feinde der Bakterien. Jedes Bakterium hat einen entsprechenden Phagen als Gegenspieler. Der Phage trifft auf das passende Bakterium, koppelt an und gibt seine DNA in das Bakterium. Der Phage vermehrt sich. Das Bakterium platzt oder löst sich auf und setzt die Viren wieder frei. Finden die Phagen keine passenden Bakterien mehr, scheidet der Organismus sie aus. Ein genialer Plan der Natur, sich gegen multiresistente Keime zu erwehren. Die Therapie mit Phagen ist hierzulande allerdings noch nicht zugelassen. Denn bevor Phagen als Behandlung zur Verfügung stehen, muss zunächst nachgewiesen werden, dass die Therapie keine Nebenwirkungen hat und dass das behandelte Gewebe keinen Schaden nimmt.

Projekt Phage4Cure

Genau das passiert derzeit: Um Bakteriophagen als zugelassenes Arzneimittel gegen bakterielle Infektionen zu etablieren, führen mehrere hochranginge Institute das Projekt Phage4Cure durch. Neben der Charité sind auch Forscher des Fraunhofer-Instituts für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM) und des Leibniz-Instituts DSMZ – Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen beteiligt. Das Bundesforschungsministerium fördert Phage4Cure über drei Jahre mit knapp vier Millionen Euro. Am Ende des Projekts sollen die potenziellen Arzneimittel in einer klinischen Studie getestet werden.

In der Charité Berlin wird zunächst auf Kulturschalen geschaut, ob die Phagen ihre gewünschte Wirkung zeigen. Der nächste Schritt sind Tests an menschlichem Lungengewebe. Zuerst wird es mit dem Bakterium Pseudomonas aerigunosa infiziert, das im menschlichen Körper eine Lungenentzündung verursacht. Danach wird das Gewebe mit Phagen behandelt. Sie sollen die Bakterien wieder vernichten. Erste Versuche zeigen: Die Phagen sind im Lungengewebe wirksam und lösen die Bakterien verlässlich auf. Auch für Nebenwirkungen gibt es bislang keine Anzeichen.

Noch viele Fragen offen

Im Juni 2018 macht sich ein Patient aus Ludwigsfelde auf den Weg in eine georgische Klinik. Die Behandlung kostet 3.900 Euro. Mit Flügen, Unterkunft und Dolmetscher kommen fast 8.000 Euro zusammen. Schon nach einer Woche Therapie stellt er fest, dass sich die entzündlichen Fisteln bessern. Neben der direkten Behandlung der Wunden trinkt der Patient auch regelmäßig ein Phagen-Lösung. Zurück zu Hause setzt er diese Therapie allein fort. Neun Monate nach dem Beginn sind seine Wunden verheilt.

Solche Erfolgsgeschichten sind ermutigend – aber auch nicht die Regel. Offenbar wirken die Phagen nicht bei jedem Patienten und nur bei bestimmten Erkrankungen. Welche das genau sind und bei welchen Patienten die Therapie wirkt, soll nun Schritt für Schritt untersucht werden.

Filmbeitrag: Britta Wulf
Infotext: Constanze Löffler

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