Eine Frau fasst sich an den Kopf (Quelle: Colourbox)
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- Wunderspritze gegen Migräne

Es ist ein ganz neuer Ansatz in der Migräne-Therapie: Antikörper, welche die Schmerzübertragung direkt am Gehirn hemmen. Für wen die neuen Antikörper geeignet sind und welche anderen innovativen Therapien gegen Migräne helfen können, erfahren Sie in der rbb Praxis.

Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen hierzulande: Rund acht Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter. Frauen sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Männer. Typischerweise klagen die Betroffenen über heftige, einseitig pochende Kopfschmerzen, Blitze in den Augen, Übelkeit und Erbrechen. Eine Attacke dauert manchmal mehrere Stunden, manchmal bis zu vier Tage. Verantwortlich für die Symptome sind überaktive Botenstoffen an den Nervenendigungen. Die Folge: In Bereich der Hirnhäute dehnen sich die Blutgefäße aus, entzünden sich, was zu den Schmerzen führt.

Verschiedene Trigger-Faktoren

Wie Migräne-Attacken genau ausgelöst werden ist noch nicht ganz klar. Als häufige Auslöser werden von Betroffenen

• körperlicher oder emotionaler Stress (77 Prozent),
• Menstruation (72 Prozent),
• helles oder flackerndes Licht (65 Prozent) und
• verschiedene Gerüche (61 Prozent)

genannt.

Aber auch Zusatzstoffe in der Nahrung, Wetteränderungen oder Schlafmangel sind mögliche Trigger für die Schmerzen. Die Kontrolle solcher Auslöser ist in vielen Fällen eine wirkungsvolle Methode, um einer Migräne vorzubeugen.

Mit oder ohne Aura

Meist tritt ein Migräneanfall ohne Aura auf. Lediglich zehn bis zwanzig Prozent der Betroffenen berichten, dass sie bestimmte visuelle oder andere sensorische Störungen der Wahrnehmung vor dem Auftreten einer Attacke erleben:

• Flimmern,
• Lichtblitze,
• Teilausfälle beim Sehen,
• Wortbildungsstörungen,
• Schwindel oder
• Gangstörungen.

In zehn Prozent der Fälle wird die Migräne von neurologischen Störungen begleitet wie Kribbeln, Gefühlsstörungen, Taubheit oder Lähmung. Die meist einseitigen Erscheinungen betreffen vor allem die Gliedmaßen.

Schmerzmittel helfen akut

Bei akuten Beschwerden kommen Wirkstoffe wie Acetylsalicylsäure 500 mg, Paracetamol 500 mg oder Ibuprofen 400 mg zum Einsatz. Triptane, die vor etwa 15 Jahren speziell gegen Migräne entwickelt wurden, hemmen die Ausschüttung von schmerz- und entzündungsfördernden Botenstoffen im Akutfall. Aktuell gibt es sieben verschiedene Wirkstoffe, auf die Patienten unterschiedlich gut ansprechen. Triptane sind als Tablette, Nasenspray und Spritze erhältlich. Letztere wirkt besonders gut und schnell, ist aber vermehrt mit Nebenwirkungen verbunden.

Attacken vorbeugen

Vorbeugend lassen sich die Schmerzen mit Entspannungsmethoden wie progressiver Muskelrelaxation, autogenem Training, Akupunktur oder Biofeedback reduzieren. Empfohlen wird auch ein regelmäßiger Tagesrhythmus, begleitet von gesundem, regelmäßigem Essen, Bewegung und ausreichend Schlaf. Zu den Medikamenten, die Attacken verhindern, gehören blutdrucksenkende Betablocker, Antiepileptika, Kalzium-Antagonisten oder niedrig dosierte Antidepressiva. Ein Migräne-Tagebuch hilft dabei festzustellen, wovon jeder Patient persönlich am meisten profitiert.

Neuer vorbeugender Wirkstoff

Eine Revolution in der Kopfschmerztherapie könnten die ersten Wirkstoffe, die vorbeugend und spezifisch gegen Migräne-Kopfschmerzen wirken sein: sogenannte CGRP-Antagonisten. Die speziellen Antikörper hemmen ein kurzes Eiweißstück mit dem komplizierten Namen Calcitonin Gene-Related Peptide, kurz CGRP. Beim Migräneanfall steigt das Peptid an, ausgeschüttet von den Endigungen des Trigeminusnervs. CGRP bindet an spezielle Rezeptoren und löst eine Kettenreaktion aus: Die Gefäße entzünden sich, schwellen an und verursachen die Schmerzen. Die neu entwickelten Antikörper neutralisieren die CGRP-Moleküle, indem sie diese abfangen. Varianten blockieren die Rezeptoren, so dass der Botenstoff nicht mehr andocken und seine schmerzvermittelnde Rolle ausführen kann.

Seit November 2018 ist der Wirkstoff Erenumab in deutschen Apotheken erhältlich. Seit April 2019 ist auch der Antikörper Galcanezumab zugelassen. Die Antikörper werden einmal im Monat gespritzt und kommen in der Regel bei Betroffenen zur Anwendung, denen die bisherige medikamentöse Prophylaxe nicht geholfen hat. Einige Patienten haben nach der Behandlung gar keine Migräneattacken mehr, andere weniger Anfälle und schwächere Symptome, eine dritte Gruppe spricht gar nicht an. Heilen lässt sich die Migräne den CGRP-Antikörpern also nicht - aber zumindest die Anzahl der Schmerztage reduzieren.

Filmbeitrag: Cornelia Fischer-Börold
Infotext: Constanze Löffler

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