Blutwäsche (Quelle: imago/Lars Berg)
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- Blutwäsche gegen Demenz?

Neue Forschungen lassen aufhorchen: körpereigene Antikörper sollen an der Entstehung oder dem Verlauf von Demenzen beteiligt sein. Erste Erfahrungen aus Studien zeigen, dass eine Blutwäsche im Frühstadium der Erkrankung helfen könnte.
Die rbb Praxis fragt nach.

Rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Demenz. Jahr für Jahr kommen 300.000 Neuerkrankte hinzu. Der Grund: Die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken nimmt mit steigendem Lebensalter drastisch zu. Und da wir alle immer älter werden, kommt es zu immer mehr Neuerkrankungen. Aus diesem Grund sind auch weitaus mehr Frauen als Männer an einer Demenz erkrankt. Denn in den Altersgruppen, in denen das Krankheitsrisiko steil zunimmt, sind sie viel zahlreicher vertreten, weil sie schlicht älter werden als Männer.

Demenz – mehr als "nur" Gedächtnisverlust

Hinter den abstrakten Zahlen stehen menschliche Schicksale. Wer schon einmal einem Demenz-Patienten begegnet ist, kann ermessen, was die Erkrankung für den Betroffenen und seine Angehörigen bedeutet. Denn Demenzen verlaufen zumeist irreversibel und dauern bis zum Tode an.
Die Lebenserwartung der Patienten ist meist verkürzt, eine Therapie, die Erkrankung dauerhaft aufhält, gibt es bislang nicht.

Eine Demenz ist weit mehr als nur ein "Gedächtnisverlust". Zwar steht am Anfang oft eine Störung des Kurzzeitgedächtnisses und der Merkfähigkeit. Später ist aber auch das Langzeitgedächtnis betroffen. In der Folge verlieren die Betroffenen mehr und mehr Fähigkeiten, die sie im Verlauf ihres Lebens erworben haben. So sind später auch Aufmerksamkeit, Sprache, Orientierung und Denkvermögen betroffen – die Demenz erschüttert die Wahrnehmung, das Erleben und das Verhalten der Betroffenen.

Unterschiedliche Ursachen

Für Demenzerkrankungen gibt es eine Vielzahl verschiedener Ursachen: so können Stoffwechselerkrankungen und chronische Vergiftungserscheinungen etwa durch Alkohol eine Demenz auslösen. In neun von zehn Fällen handelt es sich aber um Demenzformen, die nicht auf solche Einflüsse zurückzuführen sind. Die häufigste dieser Demenzformen ist die Alzheimer-Demenz. Hier zeigen sich im Verlauf der Erkrankung Eiweißablagerungen im Gehirn, die aber an sich noch keine Auskunft darüber geben, warum die Krankheit entsteht. Viele andere Demenzformen zeigen allerdings keine solche Ablagerungen und es ist nach wie vor ein Rätsel, warum die Erkrankung beginnt und über Jahre hinweg fortschreitet.

Rätsel Demenz - Forschung auf Hochtouren

Sofern kein Durchbruch in der Therapie oder womöglich sogar der Verhinderung der Demenz gelingt, werden im Jahr 2050 rund 3 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz erkrankt sein. Das entspricht einem Anstieg der Demenz-Erkrankten um mehr als 100 pro Tag. Darum arbeiten Wissenschaftler weltweit daran, das Rätsel Demenz zu lösen, zu erforschen, warum die Erkrankung auftritt und wie man das verhindern kann. Allerdings gibt es viele unterschiedliche Formen der Demenz. Die Forschung fokussiert sich vor allem auf die Früherkennung der Demenz – konkrete Wege, das Auftreten zu verzögern oder gar zu verhindern ließen sich bisher daraus kaum ableiten.
Ein vielversprechender Ansatz wird gerade an der Berliner Charité verfolgt.

Den Wissenschaftlern der Charité ist aufgefallen, dass auch Patienten mit ganz anderen Erkrankungen Gedächtnisstörungen entwickeln, die sich unter einer Immuntherapie unerwartet verbesserten. Immuntherapien beeinflussen die körpereigene Immunabwehr. Und die scheint bei manchen Demenzformen eine Rolle in der Entstehung zu spielen.

Fehlerhafte Immunabwehr als Ursache der Demenz?

Ist die Immunabwehr fehlgeleitet, kann es zu einer Zerstörung des eigenen Gewebes kommen. Diese so genannten Autoimmunreaktionen spielen eine Rolle bei einer Vielzahl von Erkrankungen, so etwa der Entstehung von bestimmten Formen der Zuckerkrankheit oder bei Schilddrüsenerkrankungen. Diese Erkrankungen entstehen, weil so genannte Autoantikörper irrtümlich das Gewebe in der Bauchspeicheldrüse oder der Schilddrüse angreifen und zerstören. Tatsächlich konnten Forscher zeigen, dass es solche Autoantikörper auch im Gehirn von manchen Demenzpatienten gibt. Hier richten sie sich gegen bestimmte Eiweiße an den Synapsen –den Verbindungen zwischen den Nervenzellen.

Wahrscheinlich sind solche Antikörper nur bei etwa ein bis zwei Prozent der Demenzpatienten die Ursache für die Demenz. Dass also aufgrund der Antikörper die Nervenzellen abgebaut werden. Aber es gibt Hinweise darauf, dass die Autoantikörper bei deutlich mehr Patienten zumindest eine Zusatzrolle spielen, auch wenn die eigentliche Ursache der Demenz weiterhin im Dunkeln bleibt.

Schlüssel zu neuen Behandlungsmethoden

Erwähnenswert ist das vor allem, weil es eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, das Immunsystem zu beeinflussen und die Zahl der krankmachenden Autoantikörper zu senken. Das könnte dabei helfen, zumindest einen Teil der psychischen Veränderungen zu verringern und die Gedächtnisleistung länger zu erhalten.

So kann man etwa durch Kortisongaben die Immunabwehr beeinflussen. Das allerdings ist nicht bei allen Formen der Erkrankung wirksam. Daher wird auch geforscht, inwiefern Blutwäschen dabei helfen können, das Fortschreiten der Demenz zu verhindern. Ähnlich wie bei Nierenschäden werden die Demenz-Patienten, bei denen Autoantikörper nachgewiesen wurden, regelmäßig für einige Stunden an ein Dialyse-Gerät angeschlossen, das die Antikörper aus dem Blut herausfiltert.

Verschiedene Wissenschaftler haben dabei unterschiedliche Autoantikörper im Visier. Das Prinzip aber bleibt das gleiche: sie versuchen, die schädlichen Antikörper zu eliminieren und so das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Mit durchaus vielversprechenden Ansätzen. So zeigten Studien der Universität Greifswald, in denen mit bisher sieben Alzheimer-Patienten gearbeitet wurde, bei einer Mehrzahl der Patienten eine Stabilisierung der Gedächtnisleistung über ein halbes Jahr bis hin zu einem Jahr. Sieben Patienten - das sind zu wenige um von einem Durchbruch ind er Therapie zu sprechen. Ein vielversprechender Ansatz ist diese Form der Therapie und Früherkennung aber auf jeden Fall.

Therapie mit Grenzen

Das Problem: Nicht alle Patienten profitieren von diesen Maßnahmen. Und man kann damit nur das Fortschreiten der Demenz verhindern – bereits zerstörtes Nervengewebe ist und bleibt unwiederbringlich verloren. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, eine beginnende Demenz möglichst früh zu erkennen und eben auch zu behandeln.
Auch wenn nur jeder zehnte Patient von diesen Maßnahmen profitieren würde, ist das nach Expertenmeinung schon enorm – wirklich viele weitere Therapiemöglichkeiten für die Demenz gibt es nämlich auch nach jahrelanger Forschung noch nicht.

Filmbeitrag: Thomas Förster
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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