Röntgenbild einer Hüfte mit Implantaten (Bild: Colourbox)
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- Doppelhüfte: Zwei Kunstgelenke in einer OP

Wenn ein Hüftgelenk verschlissen ist, hilft gegen die Schmerzen oft nur noch der Einsatz eines Kunstgelenks. Doch solch eine Hüft-OP ist ein großer Eingriff – Heilung und Reha dauern Monate. Bei Patienten mit gleich zwei "kaputten" Hüften verdoppelt sich die Zeit der Erholung. Doch es geht auch anders: einige Kliniken bieten Patienten an, beide Gelenke auf einmal zu tauschen. Doch für wen ist dieses OP-Verfahren geeignet?

Rund 200.000 Menschen pro Jahr erhalten in Deutschland eine Hüftprothese. Die Abnutzung des Knorpels ist der häufigste Grund für ein künstliches Hüftgelenk. Das Implantieren eines Hüftgelenks gilt unter Experten inzwischen als Routine und ist eine der häufigsten und erfolgreichsten Operationen überhaupt. Eine Hüft-OP dauert meist zwischen 40 Minuten und einer Stunde. Er befreit die Patienten von Schmerzen, erhöht die Lebensqualität und sorgt für Mobilität bis ins hohe Alter. Am häufigsten wird dabei ein Totalersatz des Hüftgelenks vorgenommen.

Vorteile

Ein Doppeleingriff, bei dem nacheinander zwei Kunstgelenke in nur einer OP eingesetzt werden, ist ausgesprochen selten. Nur in etwa drei bis vier Prozent der Fälle werden beide Hüftgelenke sofort ersetzt. Dass der Patient bereits 24 Stunden später mit Gehstützen laufen und nach vier Tage wieder Treppen steigen kann, ist schwer vorstellbar. Doch eine besondere OP-Technik und eine behutsame Rehabilitation machen das möglich.

Das Verfahren erspart dem Patienten eine zweite Operation, eine zweite Narkose und vermindert damit die dazu gehörenden Risiken sowie einen weiteren stationären Aufenthalt. Studien belegen: Patienten, die an beiden Hüften gleichzeitig operiert wurden, verließen nach durchschnittlich 15 Tagen das Krankenhaus. Diejenigen, die nacheinander in zwei OPs den Kunstgelenkerstatz erhielten, verweilten insgesamt 24 Tage im Krankenhaus.

Zudem verbleibt bei einer einseitigen Operation immer noch das zweite schmerzverursachendes Gelenk. Das erschwert die Mobilisation und Rehabilitation. Häufig wird dann die operierte Seite geschont und das ohnehin schon schmerzende Gelenk zusätzlich belastet. Daher kann vor dem Ersatz des zweiten Hüftgelenkes auch keine optimale Funktion des Kunstgelenks erreicht werden. Das bestätigen auch Ganguntersuchungen bei Patienten mit beidseitiger Hüftarthrose und nur einem operierten Gelenk.

Nachteile

Die Risiken, die eine Hüftgelenks-Operation mit sich bringt, sind bei beiden Operationsverfahren die gleichen. So können zum Beispiel zeitlich begrenzte Nervenschäden auftreten, es kann zu Infektionen oder so genannten Thromboembolien kommen. Diese Komplikationen sind insgesamt aber sehr selten und treten auch bei einer Doppeloperation nicht häufiger auf, als bei einer einseitigen Operation.
Allerdings ist der Blutverlust beim Doppeleingriff höher. Dadurch werden häufiger Blutübertragungen notwendig. Diese erhöhte Transfusions-Häufigkeit relativiert sich aber, wenn man zweimal einseitig operiert.

Vor und Nachteile des beidseitigen Ersatzes im Überblick:

Vorteile:

- Geringe psychische und physische Belastung für den Patienten
- Kürze Beschwerdezeit
- Nur einmalige Narkose inklusive der damit verbundenen Risiken
- Kürzerer stationärer Aufenthalt
- Schnelle Rehabilitation
- Besseres Rehabilitationsergebnis durch gleiche Belastung beider Gelenke

Nachteile:

- Höherer Blutverlust und damit verbunden häufigere Blutübertragung
- Spezielle Operationstechnik
- Doppelte Operationszeit und damit längere Narkose
- Nicht jede Klinik bietet die simultane Operation an

 

Für wen ist das Verfahren geeignet?

Das Alter der Patienten spielt bei der Entscheidung für oder gegen eine Doppeloperation eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist die Einstufung nach dem so genannten ASA-Score. Dieser Score wurde bereits in den 1940er Jahren zur Beurteilung der Operationsfähigkeit im Auftrag der American Society of Anaesthesiologists (ASA) - also der Vereinigung der amerikanischen Narkoseärzte entwickelt. Der ASA-Score teilt die Patienten in fünf Klassen ein. Von Klasse I, das heißt vollständig gesund, bis Klasse V, das heißt unheilbar erkrankt und lebensbedrohlich geschwächt mit nur noch geringer Lebenserwartung.
Experten halten eine Doppeloperation für alle Patienten der ASA-Klassen I bis III für geeignet. Das heißt auch für Patienten, die eine stark ausgeprägte weitere Erkrankung wie etwa Diabetes mellitus oder sogar Angina pectoris haben. Das bedeutet, dass über 99 Prozent der Patienten mit beidseitiger Arthrose eine Simultanoperation bekommen können.
Auch der Trainingszustand und das Gewicht des Patienten können bei der Entscheidung für oder gegen eine Doppeloperation eine Rolle spielen.

Machbar ist der doppelseitige Gelenkersatz allerdings vor allem dann, wenn der operierende Orthopäde oder Chirurg eine besonders schonende Technik anwendet. Die meisten Hüftgelenke werden heutzutage mit der so genannten AMIS-Technik eingesetzt. AMIS steht für "Anterior Minimally Invasive Surgery". Dabei wird der Operationsschnitt vorne auf der Hüfte angelegt, damit der Chirurg das geschädigte Hüftgelenk freilegen kann, ohne viel Gewebe oder gar Muskulatur zu verletzen. Das ist von erheblichem Vorteil, weil der Patient nach der Operation weniger Schmerzen verspürt und so deutlich früher wieder auf die Beine kommt.

Zufriedenen Patienten

Nur wenige Patienten wissen bisher um die Möglichkeit, beide Gelenke gleichzeitig zu operieren. Entscheidend ist eine ausgiebige Beratung für diesen Eingriff. 29 von 30 befragten Patienten, denen in nur einer OP beide Hüftgelenke ersetzt wurden, würden sich erneut für dieses Vorgehen entscheiden.

Diese Doppeloperation eignet sich übrigens nicht nur für den Ersatz beider Hüftgelenke. Auch wer Arthrose im Knie und der Hüfte hat, kann von einer zeitgleichen Operation beider Gelenke profitieren.

Wer einen entsprechenden Eingriff vor sich hat, sollte sich an orthopädischen Fachkliniken informieren. Sie bieten meist eine große Auswahl verschiedener Prothesen und Operationsverfahren an. Es gibt nicht das einzig wahre Hüftgelenk, alle haben Vor- und Nachteile. Neben dem Material (Keramik, Metall oder Kunststoff) ist für den Ausgang des Eingriffs entscheidend, wer operiert, ob das Implantat passt und wie aktiv der Patient in der postoperativen Phase der Physiotherapie und Rehabilitation mitarbeitet. Bis die neue Hüfte voll einsatzfähig ist, vergehen selbst bei gut verlaufener Operation immer einige Wochen bis Monate.

Filmbeitrag: Cornelia Fischer-Börold
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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