Apotheker holt Tabletten aus dem Schrank (Quelle: imago/Science Photo Library)
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- Säurehemmer – eine unterschätzte Gefahr?

Protonenpumpeninhibitoren (PPI) – oft auch Säureblocker oder Magenschutz genannt – sind das Mittel der Wahl, wenn Menschen Probleme mit zu viel Magensäure haben – etwa Sodbrennen oder ein Magengeschwür. Sie sind seit Jahren auf dem Markt und seit 2009 sogar rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Eigentlich sind sie auch gut verträglich – aber in letzter Zeit mehren sich Meldungen, dass PPI auf lange Sicht ernstzunehmende Nebenwirkungen haben könnten.

Eine aktuelle Studie, die im renommierten Fachmagazin British Medical Journal erschienen ist, befeuert nun erneut die Diskussion um die beliebten Magentabletten.

Protonenpumpeninhibitoren werden häufig verschrieben. Die bekanntesten Wirkstoffe, die auch rezeptfrei erhältlich sind, sind Omeprazol oder Pantoprazol. Die Zahl der verordneten Tagesdosen hat sich laut Arzneiverordnungsreport in den Jahren zwischen 2006 und 2017 verdreifacht. Und die Medikamente, die sich Patienten rezeptfrei in der Apotheke holen, sind hier noch gar nicht berücksichtigt.

Häufig verordnet – nicht immer notwendig

Der Grund für den Anstieg der Verordnungen liegt nicht allein daran, dass immer mehr Menschen an der so genannten Refluxkrankheit leiden. PPI gelten als Alleskönner – und werden daher bei unterschiedlichsten Magenproblemen eingesetzt – oft genug auch ohne klare Diagnose. Experten zufolge werden sie oft zur Dauermedikation, weil die Behandlung mit den Säureblockern nach einem stationären Aufenthalt ungefragt weitergeführt wird oder sie gar prophylaktisch eingesetzt werden, ohne dass es dafür einen triftigen Grund gibt.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkungen

Protonenpumpenhemmer wirken auf die so genannte Protonenpumpe in den Zellen der Magenschleimhaut. Sie verhindern, dass die so genannten Protonen aus der Schleimhaut in den Magensaft abgegeben werden, wo sie zur Bildung der Magensäure genutzt werden. Etwa 30 Minuten vor der Mahlzeit eingenommen, können sie so effektiv eine überschießende Produktion der Magensäure verhindern und helfen daher effektiv bei Sodbrennen oder Magengeschwüren. Auch als Magenschutz bei einer Therapie mit Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure, Dicolfenac oder Ibuprofen sind sie wirksam. Diese Substanzen erhöhen das Risiko für Magengeschwüre, weshalb häufig zusätzlich zu diesen Substanzen PPI eingesetzt werden.

In der Akuttherapie sind PPI allgemein gut verträglich. In letzter Zeit erhielten aber vor allem die Langzeitwirkungen mehr Aufmerksamkeit. So empfiehlt die Gemeinschaft der amerikanischen Geriater, die American Geriatrics Society, Säureblocker nicht länger als acht Wochen am Stück anzuwenden – außer man muss aufgrund anderer Erkrankungen Kortison oder bestimmte Schmerzmittel einnehmen. Grund für diese Empfehlung ist ein leicht erhöhtes Risiko für Knochenschwund (Osteoporose) und Darminfektionen, das sich in Studien gezeigt hatte.

Infektionsgefahr durch PPI

Eine weitere mögliche Nebenwirkung bei Dauertherapie beruht auf dem eigentlich gewünschten Effekt der Präparate. Sie verringern die Magensäure. Das ist gewollt, um Magengeschwüre zu vermeiden. Allerdings ist die Säure im Magen auch ein Schutz vor Infektionskrankheiten. Denn Säure tötet Keime ab. Wird die Magensäure verringert, können sich auch leichter Keime im Magen ansiedeln, darunter gefürchtete Arten wie etwa Salmonellen oder andere Keime, die zu Darminfektionen führen können. Die Keime können auch beim Verschlucken in die Luftwege gelangen und dort eine Lungenentzündung verursachen.

Mangelzustand dank Säureblocker

Auch wegen eines weiteren Nebeneffektes steht die Dauertherapie mit Säureblockern in der Kritik. Im Auftrag der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA bewerteten Experten im Jahr 2012 das Risiko eines Magnesiummangels durch die langfristige Einnahme von PPI – und bestätigten einen Zusammenhang. Sie vermuten, dass die Säureblocker die Aufnahme von Magnesium beeinträchtigen. Folgen eines Magnesiummangels können Erschöpfungszustände, Krämpfe und Herzrhythmusstörungen sein.

Ähnliches gilt auch für das Vitamin B12, das der Körper für die Blutbildung benötigt. Studien zufolge erhöht die Einnahme von PPI das Risiko eines Vitamin B12-Mangels. Warum das so ist, ist noch nicht abschließend geklärt.

Neue Studie lässt aufhorchen

Die Diskussion über die Nebeneffekte der langfristigen Einnahme von Säureblockern wird durch eine aktuelle Studie neu entfacht. Schon länger gab es Hinweise darauf, dass PPI die Nierenfunktion einschränken können. Eine Studie von 2016 zeigte, dass das Risiko für eine chronische Nierenerkrankung abhängig von der Dosis des eingenommenen Säureblockers stieg. Auch wurde immer wieder diskutiert, ob Säureblocker das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen erhöhen. Patienten, die sie einnehmen, erleiden laut einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2015 häufiger einen Herzinfarkt. Dänische Forscher berichteten 2016 auf dem Jahreskongress der American Heart Association (AHA), dass Patienten, die Säureblocker nehmen, ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall haben.

In der aktuellsten Studie, die im März 2019 veröffentlicht wurde, haben Experten über 175.000 Männer, die Säureblocker für eine Langzeiteinnahme verschrieben bekommen haben, über zehn Jahre beobachtet. Meist nahmen die Patienten etwa 20 Milligram Omeprazol oder Rabeprazol ein bis zweimal täglich ein. Die Forscher registrierten, wann und aus welchem Grund die Männer verstarben .

Das Ergebnis: Nimmt man Säureblocker über einen längeren Zeitpunkt ein, erhöhen sie tatsächlich das Risiko, an chronischen Nierenerkrankungen oder Herzkreislauferkrankungen zu versterben. Und dieses Risiko besteht unabhängig davon, ob man bereits Vorerkrankungen an Nieren oder Herzkreislaufsystem hat. Und ebenso unabhängig davon, ob die Säureblocker wirklich aufgrund einer bestehenden Erkrankung der Magenschleimhaut oder aus anderen Gründen eingenommen wurden.

Kritik an Studien

Doch es gibt auch Ärzte, die den Studien kritisch gegenüber stehen, wie etwa Prof. Dr. Herbert Koop, Gastroenterologe und langjähriger Chefarzt am Helios Klinikum Berlin-Buch. Er meint, dass die beobachteten Risiken nur leicht erhöht seien. Die Analysen würden auf großen Datenbanken basieren, die nur wenig Rückschlüsse auf den Lebensstil der Patienten zuließen. Sie würden sich außerdem mit der Tatsache erklären lassen, dass die PPI-Verordnung ein Marker für kränkere Patienten sei. Diese wären älter, hätten mehr Begleiterkrankungen und bräuchten mehr Medikamente.

Nicht einfach die Säurblocker weglassen

Protonenpumpeninhibitoren sind wirksame und unverzichtbare Arzneistoffe, daran ändern auch die Ergebnisse der neuen Studie nichts. Dennoch sollte man die Verschreibung solcher Medikamente gut abwägen und mit seinem Arzt besprechen. Experten gehen davon aus, dass etwa 50 Prozent der Säureblocker-Verordnungen unnötig sind. Auf keinen Fall sollte man leichtfertig die rezeptfreien Präparate über einen längeren Zeitraum einnehmen, ohne mit einem Arzt Rücksprache zu halten und die Ursache der Magenbeschwerden zu ermitteln. Insbesondere Ältere oder Kranke sollte die ständige Einnahme von PPI überprüfen lassen, wenn sie ihnen vor längerer Zeit verschrieben wurden. Wenn der Arzt zum Absetzen der PPI rät, sollte man sie nicht abrupt absetzen, da es dann zu vermehrtem Sodbrennen kommen kann. Besser ist, sie langsam über zwei Wochen auszuschleichen.

Hausmittel gegen Magenschmerzen

Es gibt auch natürliche Alternativen und bewährte Hausmittel gegen Sodbrennen, Magenschmerzen und Völlegefühl. Bei kurzfristigen, leichteren Beschwerden sind oft die alltäglichen kleinen Sünden der Auslöser. Stress schlägt bekanntlich auf den Magen. Aber auch der Verzicht auf bestimmte Genusstoffe oder Medikamente kann helfen, so etwa auf
• Rauchen
• Kaffee
• Alkohol
• Schmerzmedikamente aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) wie etwa Acetylsäure, Ibuprofen oder Diclofenac.

Ist der Magen gereizt, leisten Kräuter gute Dienste:
• Kamillentees oder Kamillen-Öl beruhigen
• Schafgarbe hilft gegen Völlegefühl
• Kümmel-Tee oder Kümmeltropfen entkrampfen

Auch Heilerde kann eine Alternative sein. Das Besondere an dem Gesteinspulver ist seine hohe Gesamtoberfläche. Dadurch hat es die Fähigkeit, andere Substanzen wie z.B. Magensäure, zu binden. Die Heilerde sollte 2-4 Stunden nach oder vor anderen Medikamenten eingenommen werden, da sonst die Wirkung der Medikamente beeinträchtigt werden kann. Außerdem kann Natriumhydrogencarbonat (besser bekannt als Natron oder Bullrichsalz) Abhilfe schaffen. Es neutralisiert überschüssige Magensäure und hilft somit Schmerzen zu lindern. Auch das Salz sollte nicht mit Medikamenten zusammen eingesetzt werden, da durch eine pH-Veränderung sowie durch den Salzgehalt Wechselwirkungen und eine Wirkungsminderung entstehen können.

Immer besser als Medikamente oder Kräuter: Stress reduzieren, denn der ist die Hauptursache für Magenschmerzen. Wer ganz auf Tabletten, Tees und Salze verzichten möchte, für den bleibt immer noch die gute alte Wärmflasche.

Filmbeitrag: Stefan Sperfeld
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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