Tuberkolose in Rötgenbild (Quelle: Colourbox)
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- Tuberkulose – auch bei uns eine Gefahr?

Tuberkulose bekommt man längst nicht so leicht wie eine Erkältung – doch wer sie hat, muss sich auf eine monatelange Behandlung einstellen, oft sogar in Quarantäne. Resistenzen gegen Antibiotika erschweren die Therapien, doch neue Präparate machen Hoffnung. Wie ist der Stand 2019? Die rbb Praxis fragt nach.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein hehres Ziel: bis zum Jahr 2050 will sie die Tuberkulose ausgerottet haben. Doch davon ist die WHO weit entfernt. Jedes Jahr erkranken weltweit neun Millionen Menschen an der gefährlichen Infektionskrankheit. Die WHO schätzt zudem, dass ein Drittel der Menschheit mit Tuberkulose-Erregern infiziert ist, ohne es zu wissen.

Hierzulande schien die Tuberkulose schon ausgerottet. Jetzt aber kehrt sie mit aller Macht zurück. Da die Tuberkulose eine meldepflichtige Erkrankung ist, kann das dafür zuständige Robert Koch Institut konkrete Zahlen liefern. Im Jahr 2018 erkrankten in Deutschland 5.429 Menschen an der Tuberkulose – ähnlich viele wie in den Jahren 2017 und 2016. Ein jährlicher Rückgang um 10 Prozent wäre aber erforderlich, um das Ziel der Weltgesundheitsorganisation zu erreichen.

Tuberkulose – eine alte Bekannte

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts starb jeder vierte Erwachsene in Deutschland an Tuberkulose. Damals wurde sie noch als Schwindsucht bezeichnet. Dass die Ursache der Erkrankung eine Infektion mit dem Erreger Mycobakterium tuberculosis ist, hat erst der deutsche Mediziner und Mikrobiologe Robert Koch (1843-1910) herausgefunden. Mit seiner Entdeckung begründete Koch die Ära der Tbc-Forschung. 1905 erhielt er den Nobelpreis. Noch heute wird das Verfahren, das Robert Koch vor mehr als 135 Jahren entwickelt hat, in vielen Kliniken zum Nachweis der Krankheit angewandt: die Anzucht von Bakterien-Kulturen aus dem Auswurf der Patienten auf Glasplättchen.

Das Problem: Noch gab es keine wirklich wirkungsvolle Waffe gegen die Bakterien. In Kurheimen glaubte man, der Tuberkulose mit Frischlufttherapien, Badekuren und gesunder Luft beizukommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich die Krankheit auch in Berlin aus. Tausende Menschen litten an Hunger; die Abwehrsysteme der Menschen gegen Krankheitserreger aller Art funktionierten nicht mehr. Im Jahr 1947 gab es rund 65.000 Tbc-Erkrankungen – allein in Berlin. Erst in den 1950er Jahren wurde die Tuberkulose meldepflichtig; mit strengen Kontrollen versuchte man die Seuche in den Griff zu bekommen. Endlich gab es auch Zugang zu wirksamen Medikamenten: Mit Antibiotika lässt sich die Krankheit heilen. Und die Zahl der an Tuberkulose Erkrankten ging ständig zurück. In Deutschland galt die Tuberkulose vor wenigen Jahren daher als seltene Krankheit. Doch seit 2012 steigen die Zahlen wieder.

Enger Kontakt bedeutet hohes Risiko

Anstecken kann man sich überall, wo Menschen dicht gedrängt zusammen sind. Voraussetzung für eine Infektion ist allerdings meist ein enger Körperkontakt über einen längeren Zeitraum.
Besonders gefährdet sind vor allem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem oder einer genetisch bedingten Anfälligkeit. Auch ungünstige Lebensumstände gelten als Risikofaktoren. So tritt die Erkrankung häufiger bei obdachlosen Menschen, HIV-Infizierten und Tumorpatienten auf. Aber auch Kinder sind aufgrund ihres noch jungen Immunsystems gefährdeter.

Die Krankheit wird beim Einatmen infektiöser Tröpfchen – sogenannter Aerosole – über Mund und Nase übertragen. In vielen Fällen werden die Erreger bereits in den Atemwegen abgewehrt, so dass von allen infizierten Personen nur etwa zehn Prozent tatsächlich an Tuberkulose erkranken.
Gelangen die Bakterien jedoch in die Lungen, wird es gefährlich. Die Abwehrzellen (Makrophagen) des Immunsystems können die Bakterien zwar in sich aufnehmen, aber nicht restlos abtöten. Die Bakterien-Stäbchen überleben in den Zellen, teilen sich und breiten sich aus. Die Bakterien können über das Blut überall in den Körper gelangen, bis in die Knochen. Die Knochentuberkulose ist fast so häufig wie die Lungen-Tbc, jedoch nicht ansteckend.

Nur in den wenigsten Fällen bricht die Krankheit direkt nach einer Infektion aus. Der Zeitpunkt zwischen Ansteckung und Ausbruch – die sogenannte Inkubationszeit – ist sehr lang. Die Erreger können im Körper viele Jahre überleben.

Unspezifische Beschwerden mit schlimmen Folgen

Die Symptome der Erkrankung sind in der Regel unspezifisch. Meist beginnt sie mit einem ganz normalen Husten. Viele Patienten vermuten einen grippalen Infekt. Erst später folgen Schwächeanfälle, Gewichtsverlust, blutiger Auswurf, Nachtschweiß und Fieber. Deshalb wird eine Tbc oft spät erkannt.
Von "offener" Tuberkulose spricht man, wenn Keime im Auswurf (Sputum) nachweisbar sind. Finden die Ärzte Erreger in anderen Proben, aber (noch) nicht im Sputum, spricht man von einer "geschlossenen" Tuberkulose.

Im Ernstfall kommt es darauf an, eine Tuberkulose möglichst schnell zu diagnostizieren. Bei Symptomen wie länger bestehendem Husten, Nachtschweiß, Fieber und Gewichtsabnahme sollte immer auch an Tuberkulose gedacht werden. Als Schlüsseluntersuchung gilt die mikroskopische Untersuchung des Sputums, also des ausgehusteten Schleims. Jede zweite Tuberkuloseerkrankung lässt sich so identifizieren. Auch Magensaft und Urin eignen sich zum Nachweis.

Die säurefesten stäbchenförmigen Bakterien lassen sich durch eine spezielle Färbung nachweisen. Allerdings gibt es außer den Tuberkulose-Bakterien noch andere säurefeste Stäbchen, so dass ein positives Ergebnis nicht immer eindeutig ist. Daher werden die Bakterien im Labor auf bestimmten Nährböden kultiviert. Die erfolgreiche Kultivierung ist der Beweis für eine aktive Tuberkulose. Allerdings dauert die Anzucht einige Tage.

Eine weitere Diagnose-Möglichkeit ist die Röntgenuntersuchung der Lunge, bei der nach Tbc-typischen Auffälligkeiten gesucht wird: weiße Flecke als Reaktion auf die Tuberkel- Bakterium und typische Kavernen, also Höhlen, wo das Lungengewebe schon ausgehustet wurde. Nicht selten ist zusätzlich eine Computertomographie der Lunge erforderlich.

Bei Menschen unter 50 Jahren und Kindern kann ein Hauttest weiterhelfen, der sogenannte Tuberkulintest. Dabei werden Kapselanteile der Mykobakterien, sogenannte Tuberkuline, unter die Oberhaut gespritzt. Reagiert das Immunsystem innerhalb von 72 Stunden mit einer rötlichen Verdickung auf die Bakterien-Injektion, deutet das auf eine aktive oder abgelaufene Infektion hin. Allerdings ist auch bei einer früheren Tbc-Impfung das Testergebnis positiv.

Therapie - oft unter Quarantäne

Stellt der Arzt die Diagnose Tuberkulose, müssen die Patienten sofort isoliert werden. Besuche in geschlossenen Wohnungen von Tbc-Kranken sind tabu, ebenso wie ihr Aufenthalt in Menschenansammlungen. Vor der Tür gilt Mundschutz-Pflicht. Auf Anordnung des Gesundheitsamtes müssen Betroffene sogar Warnschilder an der Wohnungstür anbringen.

Je eher die Therapie beginnt, umso geringer die Folgeschäden an geschädigten Lungen oder Knochen. Neben den Antibiotika bekommen Betroffene Tabletten, die die starken Nebenwirkungen der Antituberkulotika dämpfen sollen. Rund ein Dutzend Medikamente pro Tag sind üblich. Und das über Zeiträume von Monaten, oft mehr als ein Jahr.

Tuberkulose – besonders in armen Ländern ein Problem

Ein Problem bei der Medikamentengabe: Gegen die wichtigsten Medikamente haben verschiedene Bakterien-Stämme im Laufe der letzten 20 Jahre Resistenzen entwickelt. Die Bakterien verändern ständig ihre Strukturen und suchen sich neue Wege in die Abwehrzellen des Immunsystems. Die Wirkung der Antibiotika läuft ins Leere.
Das ist besonders in Ländern mit unzureichender medizinischen Versorgung ein Problöem. Dort werden dann statt der üblichen vier bis sechs Antibiotika nur zwei Präparate gegeben – mit der Folge, dass die Bakterien nicht richtig abgetötet werden und Resistenzen entwickeln. In den osteuropäischen und euroasiatischen Ländern gab es im Jahr 2015 allein 81 000 Tuberkuloseerkrankungen bei denen die Patienten gegen nahezu alle Medikamente resistent waren.

Ein weiteres Problem: Im südlichen Afrika geht die Krankheit eine unheilvolle Allianz mit AIDS ein. Das HI-Virus schwächt das Immunsystem der Patienten so stark, dass Tuberkulose-Bakterien leichtes Spiel haben. Hunderttausende sind bereits an Tuberkulose gestorben, bevor eine AIDS-Therapie beginnen kann.

Experten zufolge wird sich in Südafrika entscheiden, ob der weltweite Kampf gegen die Tuberkulose gewonnen werden kann. Zwar gibt es bei der Diagnostik und Erfassung der Tuberkulosekranken große Fortschritte. Aber immer wieder tauchen neue resistente Bakterienstämme auf, denen mit herkömmlichen Medikamenten kaum mehr bei zu kommen ist. Die große Hoffnung ist ein neuer Impfstoff – wenn das Ziel Weltgesundheitsorganisation erreicht werden soll, bis 2050 die Tuberkulose zu besiegen. Denn allen beteiligten ist klar: Die Tuberkulose kann nur zurück gedrängt werden, wenn man sie in den Herkunftsländern besiegt.

Neue Hoffnung: ein neuer Impfstoff

Im Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie forscht intensiv daran Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln, an die sich der Tuberkulose-Erreger nicht mehr anpassen kann. Denn der bisherige Impfstoff BCG, der Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, ist inzwischen gegen die meisten Tuberkulose-Bakterien machtlos.

Am Max-Planck-Institut wurde daher ein neuer Impfstoff entwickelt. Der neue Impfstoff wurde gentechnisch so verändert, dass er sich vor dem menschlichen Immunsystem nicht mehr verstecken kann, sondern es optimal stimuliert. Im Laborversuch und in ersten klinischen Prüfungen hat der neue Impfstoff sich als sehr vielversprechend erwiesen. Dennoch werden bis zur Zulassung noch einige Jahre vergehen.
Inzwischen ist klar: Zu lange war die Tuberkulose vom Radar der Infektionsmediziner verschwunden – die Forschung nach neuen Medikamenten gegen die Krankheit wurde weltweit praktisch eingestellt. Seit dreißig Jahren sind keine neuen Wirkstoffe auf den Markt gekommen. Nun kehrt sie mit aller Macht zurück – und hat ein leichtes Spiel.

Filmbeitrag: Johannes Mayer
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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