Modell einer Knieprothese (Bild: imago images/Jochen Tack)
Bild: imago images/Jochen Tack

- Protheseninfektion

Künstliche Gelenke werden nicht durchblutet und besitzen damit auch keine direkte Immunabwehr. Siedeln sich im Gelenk Bakterien an, lockert sich die Prothese infolge der Entzündung und verursacht Schmerzen. Wie bekämpft man die Erreger erfolgreich? Und wie kann man sie ganz vermeiden?

Jährlich setzen Orthopäden in Deutschland rund 400.000 künstliche Hüft- und Kniegelenke ein. Die Implantation eines Kunstgelenks gilt inzwischen als Routine-Operation. Doch die OP hat auch Nebenwirkungen: Etwa zehn Prozent der Gelenke müssen wieder ausgetauscht werden. Entweder, weil die Lebenszeit des Implantats abgelaufen - das Kunstgelenk also verschlissen - ist oder die Prothese sich vorzeitig gelockert hat und der Patient über Schmerzen klagt. Häufige Ursache dafür: eine Infektion. Keimquelle ist meist die Haut des Patienten. Die Infektion einer Gelenkprothese kann zu jeder Zeit auftreten, am häufigsten jedoch in den ersten zwei Jahren nach dem Einsetzen des Kunstgelenks.

Protheseninfektion als Nebenwirkung

Offiziellen Zahlen zufolge machen Infektionen nach einer Prothesenoperation nur zwei Prozent aus – sind damit eher selten. Experten vermuten allerdings, dass die Zahlen deutlich höher liegen.
Die Besiedelung von Prothesen mit Keimen während des Einsetzens lässt sich scheinbar kaum verhindern. In den meisten Fällen hält das Immunsystem die Bakterien in Schach. Doch bei immer mehr Patienten versagt die hauseigene Keimkontrolle.

Infektionen um ein Kunstgelenk herum, sind schwer in den Griff zu kriegen. Eine Prothese ist nicht durchblutet, hat keine Immunabwehr und kann sich somit nicht gegen Bakterien wehren. Zudem bilden Bakterien auf dem Prothesenmaterial einen hartnäckigen Biofilm, der sich mit Antibiotika kaum beheben lässt.
Infizierte Prothesen bedürfen deshalb einer intensiven Betreuung der Patienten, die mehrere Punkte umfasst:
• Moderne Gentests können verborgene Erreger entdecken.
• Eine zielgerichtete Behandlung erfolgt mit Antibiotika und einem Prothesenwechsel, bei dem die Ersatzteile im Ultraschallbad von hartnäckigen Biofilmen befreit werden.
• Nach der erneuten OP ist eine gezielte und rasche Mobilisation der Patienten notwendig.

Diagnose

Die Diagnose ist meist schwierig. Im Röntgen ist die Infektion nicht unbedingt erkennbar. Auch eine Punktion von Gelenkflüssigkeit fällt nur in 50 Prozent der Fälle positiv aus. Die Keime auf dem Biofilm werden dadurch ohnehin nicht erfasst. Selbst die Entzündungswerte sind kein verlässlicher Hinweis: Ein Drittel der Patienten haben keine erhöhten CRP-Werte. CRP steht für C-reaktives Protein und ist der wichtigste Marker für Entzündungen. Zusätzlich können Gewebe oder das Material der Prothese analysiert werden. Durch Untersuchungen der Lunge, des Zahnstatus und des Herzens suchen die Gelenkspezialisten nach möglichen Infektionsherden. Zukünftig könnte die Diagnose leichter werden: Wissenschaftler, unter anderem von der Berliner Charité, testen verschiedene Infektions-Marker. Beispielsweise sucht man gezielt nach Stoffen im Blut, die nur von Bakterien gebildet werden.

Umfassende, individualisierte Therapie

Im Jahr 2013 wurde an der Charité die erste Spezialstation in Deutschland eröffnet, auf der Chirurgen, Infektiologen und Mikrobiologen ausschließlich Menschen mit infizierten Prothesen behandeln. Das Team hat ein Handbuch entwickelt, in dem Diagnosemöglichkeiten und alle sinnvollen Therapieoptionen aufgelistet sind. Gemeinsam im interdisziplinären Team wird beraten, was bei jedem Patienten individuell zu tun ist.

Eine Möglichkeit, die betroffenen Patienten zu behandeln, ist eine intensive Antibiotika-Kur. Doch in der Regel sind eine oder mehrere Operationen erforderlich.
• Bei einer frühen Infektion innerhalb der ersten Wochen können die Ärzte die Prothese in der Regel erhalten. Sie spülen das Kunstgelenk, entfernen infiziertes Gewebe und tauschen nicht-metallische Teile der Prothese aus. Die Patienten erhalten begleitend eine Antibiotikatherapie.
• Wenn die Infektion fortgeschritten oder chonisch ist, muss das Implantat vollständig ausgetauscht werden. Die Ärzte entnehmen das Implantat, spülen das Gelenk und entfernen infiziertes Gewebe. Nach zwei bis acht Wochen ersetzen sie das Implantat. Bevor das neue Gelenk eingesetzt wird, muss die Infektion komplett ausheilen. Die Patienten nehmen zwölf Wochen lang Antibiotika ein.

In der Zeit, in der die Metall- oder Keramikstütze fehlt, muss der Patient im Bett bleiben. Diese dauert in 98 Prozent der deutschen Kliniken sechs Wochen – obwohl auch zwei bis drei Wochen reichen, wie die Experten der Berliner Charité inzwischen nachgewiesen haben. Im Anschluss an den Eingriff erfolgt eine schnelle Mobilisierung der Patienten.

Vorsorge

Wird die Prothesen-Infektion rechtzeitig erkannt und die Infektion im Anschluss daran gezielt behandelt, können neun von zehn Patienten geheilt werden. Besser noch ist es, Infektionen um das Kunstgelenk ganz zu verhindern, indem man sich beispielsweise eine geeignete Klinik sucht und auf gewisse Qualitätskriterien achtet. So sollte die Klinik mindestens 300 Kunstgelenke pro Jahr implantieren. Diese Angaben findet man im öffentlich zugänglichen Qualitätsbericht des Krankenhauses. Darüber hinaus sollten Patienten prüfen, wie viele Eingriffe der jeweilige Operateur im Jahr durchführt. Sind es mindestens 50 pro künstlichem Hüft- oder Kniegelenk und Jahr, kann man davon ausgehen, dass er über die notwendige Erfahrung verfügt.
Diese Anzahl hat sich mittlerweile auch in den Deutschen Fachgesellschaften durchgesetzt: So setzt eine Mitgliedschaft in der Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik (AE) ebenso die Implantation von 50 Endoprothesen pro Jahr und Arzt voraus wie die Zertifizierung durch EndoCert. Eine weitere Orientierungsgröße ist eine freiwillige Teilnahme der Fachklinik am Endoprothesenregister Deutschland (EPRD). Als nationales Register will es die Versorgungsqualität in der Hüft- und Knieendoprothetik verbessern.

Filmbeitrag: Pia Kollonitsch
Infotext: Constanze Löffler

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