Hand unter einer Flasche Desinfektionsmittel (Bild: imago images/Panthermedia)
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- Desinfektionsmittel für zu Hause - (k)eine gute Idee?

Mittel zur Händedesinfektion gibt es mittlerweile schon in jeder größeren Drogerie zu kaufen. Doch wie wirksam sind sie? Und ist es überhaupt sinnvoll, sich zu Hause und unterwegs andauernd die Hände zu desinfizieren? Die rbb Praxis fragt bei einem versierten Hygiene-Experten nach.

Der Absatz von Desinfektionsmitteln steigt – nicht erst, seit das Corona-Virus die Welt in Atem hält. Desinfizieren wird immer beliebter. Handdesinfektionsmittel werden inzwischen schon in poppig-bunten Verpackungen für die Allerkleinsten angeboten. Der Markt setzt dabei voll auf die Angst von Müttern vor ansteckenden Erkrankungen. Dabei ist eine Desinfektion in den meisten Fällen nicht nur unnötig – sie hat auch schwerwiegende Folgen für die Umwelt und auch den keimängstlichen Menschen selbst. Denn womöglich schadet er seiner Gesundheit damit mehr, als dass er sie unterstützt.

Allergien nehmen zu

Desinfektionsmittel töten nicht nur Krankheitserreger ab, sondern auch die Keime, die wir für unsere natürliche Hautflora benötigen. Zudem enthalten viele von ihnen Alkohol, der auf Dauer die Haut spröde und rissig macht. In der Folge wird die Hautbarriere geschädigt und neue Keime können so möglicherweise leichter eindringen und zu Entzündungen führen als ohne Desinfektion.

Gerade für Kinder ist eine übertriebene Hygiene schädlich: Ein Großteil der Keime im Haushalt ist harmlos. Dennoch müssen die Kinder sich mit diesen harmlosen Keimen "auseinandersetzen". Denn sie trainieren auf diese Weise ihr Immunsystem. Studien zufolge treten in Haushalten, die mit antibakteriellen Reinigern putzen, sogar mehr Krankheiten auf als in denen, die konventionell putzen.

Desinfektionsmittel - Problem für Kläranlagen

Zudem belasten Desinfektionsmittel die Umwelt: Über das Abwasser gelangen sie in die Kläranlagen, in denen Bakterien und Einzeller bei der Klärung des Wassers eine große Rolle spielen. Die Desinfektionsmittel zerstören dort diese biologischen Abbau-Helfer.

Besonders in die Kritik geraten ist Triclosan, ein Wirkstoff, der in einigen Hygienereinigern eingesetzt wird. Triclosan lässt sich in Kläranlagen nicht aus dem Wasser filtern und gelangt über das Trinkwasser zurück in den Kreislauf - zwar nur in geringen Mengen, aber es handelt sich um einen Wirkstoff, der in Verdacht steht, die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen und krebserregend zu sein. Viele Wissenschaftler weltweit setzen sich für ein Verbot von Triclosan ein. Einige Hersteller in Deutschland verzichten inzwischen schon auf den Einsatz des umstrittenen Wirkstoffs.

Desinfektionsmittel nur in Ausnahmefällen nutzen

Nur in Ausnahmefällen raten Experten dazu, Desinfektionsmittel zu verwenden. So etwa, wenn man auf Reisen ist, bei denen man sich nicht die Hände waschen kann. Allerdings sollte jedem klar sein, dass durch ein Desinfektionsmittel in diesem Fall zwar die Keime beseitigt werden, die Hände aber nicht unbedingt sauber.

Ebenfalls sinnvoll sind Desinfektionsmittel, wenn man zuhause einen Angehörigen pflegt, der ein schwaches Immunsystem hat. Oder wenn in der Familie ein Mitglied an einer hoch ansteckenden Erkrankung leidet, wie etwa dem Noro-Virus, das Durchfall hervorruft, und ein anderes Familienmitglied ebenfalls ein geschwächtes Immunsystem hat.
In beiden Fällen aber gilt: Man sollte nicht einfach im Drogeriemarkt zu irgendeinem Mittel greifen, sondern sich genau erkundigen, welches Mittel für den jeweiligen Zweck geeignet ist. Denn Hygienemittel enthalten unterschiedliche Wirkstoffe – und die wirken unterschiedlich gut gegen die verschiedenen Keime.

Das zeigt auch eine hochaktuelle Studie zum Thema Coronaviren: Demzufolge würde ein Mittel auf der Basis von Ethanol, Wasserstoffperoxid oder Natriumhypochlorit die Zahl der infektiösen Coronaviren binnen einer Minute drastisch reduzieren. Andere Mittel, wie Chlorhexidindigluconat oder Benzalkoniumchlorid hingegen, waren weniger effektiv.

Richtig Händewaschen - mit Happy Birthday

Bei intensivem Händewaschen werden übrigens gut 99 Prozent aller Keime einfach so weggespült. Dazu reicht es, die Hände nass zu machen und 20-30 Sekunden einzuseifen. Das machen Studien zufolge übrigens nur 36 Prozent aller Menschen.

30 Sekunden - das ist in etwa so lange, wie es dauert, wenn man zweimal hintereinander Happy Birthday singt. Danach abspülen und abtrocknen - wenn möglich mit einem sauberen, frischen Handtuch, das mindestens einmal die Woche bei 60 Grad gewaschen werden sollte.
Besonders wichtig ist das vor dem Kochen, vor dem Essen, nach dem Toilettengang oder nach Kontakt mit Tieren. Antibakterielle Seifen sind dazu nicht nötig - große Studien haben gezeigt, dass sie das Ansteckungsrisiko in der Normalbevölkerung nicht nennenswert verringern.

Filmbeitrag: Ursula Stamm
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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