Mann greift sich schmerzverzerrt an den Nacken (Bild: imago images/Panthermedia)
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- Rheuma verschont kein Alter

Bei "Rheuma" denken viele an ältere Patienten. Doch Rheuma ist bei weitem keine "Alte-Leute-Krankheit": Sie kann Menschen jeden Alters treffen, auch Kinder und junge Erwachsene. Doch nicht selten dauert es bei Betroffenen jeden Alters lange bis die richtige Diagnose gestellt wird. Die rbb Praxis zeigt, wie man der Erkrankung auf die Spur kommt. Und wie man heute mit modernen Medikamenten Rheuma in Schach halten kann.

Die rheumatoide Arthritis (RA), kurz Gelenkrheuma, ist die häufigste Form der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. In Deutschland sind etwa eine halbe Million Menschen betroffen. Rheuma ist eine chronische Autoimmunerkrankung. Das bedeutet, dass sich Abwehrzellen in den Gelenken sammeln. Eigentlich sollen sie schädliche Erreger bekämpfen. Im Falle der rheumatoiden Arthritis wenden sich die Zellen aber gegen den eigenen Körper und lösen eine aggressive Entzündung der Gelenke aus. Die meisten Patienten erkranken zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, Frauen drei Mal häufiger als Männer.

Rheuma ist keine Frage des Alters

Rheuma ist keine "Alte-Leute-Krankheit". Sie kann Menschen jeden Alters treffen, auch Kinder und junge Erwachsene. Die häufigste chronische entzündlich-rheumatische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen ist die sogenannte juvenile (also jugendliche), idiopathische (also selbstständige) Arthritis, kurz JIA. Sie tritt laut Definition vor dem 16. Lebensjahr auf, besteht mindestens sechs Wochen. Andere mit einer Arthritis einhergehende Erkrankungen müssen ausgeschlossen sein. Allein in Deutschland leben etwa 15.000 Kinder und Jugendliche mit JIA. Jährlich bricht sie bei etwa 1.500 Kindern zum ersten Mal aus.  

Kindliches Rheuma – verschiedene Formen

Die JIA wird in verschiedene Untergruppen eingeteilt, je nachdem, wie sich die Krankheit in den ersten sechs Monaten entwickelt:

• Bei weniger als fünf betroffenen Gelenken sprechen Experten von der Oligoarthritis (oligos – griechisch für wenig).
• Bei mindestens fünf betroffenen Gelenken sprechen Experten von Polyarthritis (poly – griechisch für viel). Dabei grenzen sie noch zusätzlich Rheumafaktor-positive von einer Rheumafaktor-negativen Form ab.
• Hat ein betroffenes Kind oder ein Verwandter ersten Grades eine Schuppenflechte (Psoriasis), spricht man von der "juvenile Psoriasisarthritis".
• Sind neben den kindlichen Gelenken auch die Sehnenansätze entzündet und tragen die Kinder das genetische Merkmal HLA-B27, so handelt es sich um die sogenannte "Enthesitis-assoziierte Arthritis".
• Eine sechste Form geht neben der Gelenkbeteiligung auch mit Fieberschüben und Hautausschlägen einher. Die Rheumatologen sprechen von "systemische juvenile idiopathische Arthritis" ("Still-Syndrom").

Es trifft nicht nur die Gelenke

Bei Kindern kann sich das Rheuma zudem schnell auch an verschiedenen anderen Organen ausbilden:

- an der Regenbogenhaut des Auges,
- an inneren Organen,
- an der Muskulatur,
- in der Haut und Unterhaut,
- in der Wand von Blutgefäßen.

Die Kinder leiden durch die entzündeten Gelenke schnell unterSchmerzen, so dass sie eine Schonhaltung einnehmen. Zudem verändern sich die Gelenksflächen und -kapseln. Die Gelenke werden weniger beweglich, die Muskelkraft lässt nach. Schon nach kurzer Zeit kann es zu Fehlstellungen kommen. Selbst wenn die Kinder zügig behandelt werden, können diese Fehlstellungen oft nicht wieder behoben werden. Beginnt die Krankheit im Vorschulalter, kommt es oft zu Störungen der Skelettentwicklung und bleibenden Schäden.

Frühe Diagnose ist der Schlüssel zum Erfolg

Eine frühe und treffsichere Diagnose ist daher gerade bei Kindern enorm wichtig. Oft vergehen jedoch viele Monate, bis eine Diagnose gestellt wird. Spätestens zehn Wochen, nachdem die Eltern erste Hinweise registrieren, sollten die Kinder und Jugendlichen beim Rheumatologen sein und entsprechend behandelt werden.

Doch nicht nur bei Kindern ist der Weg zur Diagnose oft lang: Auch bei Erwachsenen bleibt Rheuma oft unerkannt oder aber es werden andere Schmerzsyndrome fälschlicherweise für Rheuma gehalten. Denn nicht jeder Schmerz geht auf einen entzündlichen Prozess wie bei Rheuma zurück. Darum helfen die Rheuma-Medikamente auch nicht jedem Patienten mit Schmerzen in Gelenken oder Muskulatur. Eine gute und frühe Diagnostik ist daher besonders wichtig und Indizien dafür liefert vor allem: ein ausführliches Gespräch.

Wie lange bestehen die Beschwerden schon? Wie viele Gelenke sind betroffen? Wann sind die Schmerzen am Schlimmsten? Auch Vorbefunde und Gespräche mit anderen Ärzten können wichtige Hinweise liefern, etwa wenn Patienten eine Lungenentzündung haben, die sich unter Antibiotika nicht bessert oder Veränderungen an der Haut, den Augen oder Gefäßen auftreten. Bei der Sammlung der Befunde können auch so genannte Checklisten oder Screeningbögen helfen, die auch online verfügbar sind, zum Teil angeboten von Krankenkassen.

Aus "Indizien" sichere Diagnosen gewinnen

Im Labor fallen oft erhöhte Entzündungswerte und eine beschleunigte Blutkörpersenkung auf. Das allerdings sind eher unspezifische Hinweise, die auch bei anderen Entzündungen vorkommen.

Etwas mehr Sicherheit bringt die Bestimmung des so genannten Rheumafaktors: Das sind Eiweißstoffe im Blut, die ein Zeichen für einen autoimmunen Prozess sind. Etwa die Hälfte aller Rheumapatienten hat einen positiven Rheumafaktor. Der kommt aber auch bei anderen Erkrankungen des Muskel- oder Skelettsystems vor - in seltenen Fällen ist er sogar bei gesunden Menschen im Blut nachweisbar. Dennoch macht ein positives Ergebnis des Rheumafaktors eine rheumatische Erkrankung wahrscheinlicher.

Aussagekräftiger sind andere Eiweißstoffe, die bei rund 60 bis 75 Prozent aller Rheumapatienten vorkommen: Diese so genannten CCP-Antikörper sind nur sehr selten bei anderen Erkrankungen erhöht. Liegt also ein positives CCP-Antikörper-Testergebnis vor, ist in neun von zehn Fällen eine rheumatoide Arthritis die Ursache.

Bildgebende Verfahren schließen die Diagnostik dann ab: Neben Ultraschall und klassischen Röntgenbildern setzen sich inzwischen immer mehr auch MRT- oder spezielle CT-Untersuchungen durch. Die Ärzte beurteilen hier die Gelenkflächen, den Gelenkspalt und das umliegende Weichteilgewebe, um schon kleinste Entzündungsherde auszumachen und die Therapie entsprechend früh einleiten zu können.

Rheuma kann lebensbedrohlich werden

Eine frühe Therapie ist wichtig. Denn Rheumaschübe führen unbehandelt zu einer Zerstörung der betroffenen Gelenke. Die Folge: Fehlstellungen, Schmerzen und Versteifung und Funktionsverlust der entsprechenden Gelenke. Aber nicht nur die Gelenke sind bei Rheuma gefährdet. Auch alle anderen Organsysteme können von dem Entzündungsprozess betroffen sein: die Haut, Schleimhaut, die Muskulatur, verschiedene innere Organe, Speichel- und Tränendrüsen oder die Augen.

Unerkannt können Rheuma-Erkrankungen sogar lebensbedrohlich verlaufen – etwa wenn die Entzündung die Blutgefäße betrifft. Mediziner sprechen dann von einer mikroskopischen Polyangiitis. Bevor es bestimmte Therapien gab, verliefen diese Gefäßentzündungen in fast 80 Prozent der Fälle innerhalb von drei Monaten tödlich.

Neue Hoffnung für Rheuma-Patienten: Biologika

Die Therapie von Rheumapatienten erfolgt in jedem Fall zunächst medikamentös - egal ob es sich um Kinder oder Erwachsene handelt.
Eingesetzt werden zum Beispiel:

• nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Indometacin und Naproxen,
• Glucocorticoide, eine Klasse von Steroidhormonen aus der Nebennierenrinde, die aber nicht langfristig und nicht als Standardmedikament verordnet werden
• Antimalariamittel,
• Methotrexat (MTX), das bei Autoimmunerkrankungen wie Rheuma eingesetzt wird, um eine krankhafte Aktivität (Überaktivität) des Immunsystems zu unterdrücken.

Seit einigen Jahren gibt es so genannte Biologika, die den Erkrankungsprozess frühzeitig stoppen können. Angriffsziel der neuen Medikamente ist das so genannte TNF-alpha. TNF-alpha ist ein Botenstoff des Immunsystems, der bei Rheumapatienten die körpereigenen Abwehrzellen irrtümlich zur Innenhaut der Gelenke locken, wo diese dann das eigentlich gesunde Gewebe attackieren.
Die Biologika genannten Medikamente blockieren das TNF-alpha und verhindern so, dass Abwehrzellen andocken und das Gelenk angreifen. Die Entzündung wird gestoppt. Die Medikamente greifen also direkt in das Immunsystem ein und ermöglichen so vielen Rheumapatienten ein weitgehend normales Leben zu führen. Allerdings werden sie nur bei schweren Verlaufsformen eingesetzt oder wenn die anderen Medikamente versagt haben.

Rheuma und Sport - kein Widersprich mehr

Rheuma beeinträchtigt die Patienten in ihrem täglichen Leben: durch ständige Schmerzen, die oft eingeschränkte Bewegungsfähigkeit und die ständig wiederkehrenden Rheumaschübe. Viele Rheumapatienten sind schwer behindert. Auch rheumakranke Kinder und Jugendliche sind durch ihre Krankheit oft in ihrem Bewegungs- und Aktionsradius eingeschränkt. Lange Zeit dachte man sogar, dass Sport und Kinderrheuma sich gegenseitig ausschließen. Doch neue Studien und bessere Therapiemöglichkeiten für Kinderrheuma sorgen dafür, dass rheumakranke Kinder auch mithilfe von sporttherapeutischen Elementen ihre Krankheit besser in Schach halten können.

Denn tatsächlich schadet Sport nicht bei Rheuma, er hilft sogar: Sobald Muskeln sich intensiv bewegen, produzieren die Zellen nämlich so genannte Myokine. Das sind Eiweiße, die sich über das Blut im ganzen Organismus verteilen. Manche wirken antientzündlich. Wichtig dabei: Rheumapatienten benötigen spezielle Freizeit- und Sportangebote, die ihre Gelenke wenig strapazieren. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt pro Woche 75 Minuten Bewegung bei höherer Intensität. Oder 150 Minuten bei mittlerer Intensität. Dazu jede Woche 2 - 3 Mal dosiertes Krafttraining an Geräten oder mit dem eigenen Körper. Das Ziel: Wieder Freude an Bewegung finden, die zuvor durch die Schmerzen so eingeschränkt war.

Filmbeitrag: Ulrike Licht, Stefan Sperfeld
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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