Frau hält sich schmerzenden Kopf (Bild: imago images/Panthermedia)
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- Neue Hilfe bei Migräne

Als "Wundermittel gegen Migräne" wurde sie bezeichnet, die sogenannte Migräne-Spritze. Anders als bisher verwendete Medikamente wie etwa Betablocker oder Antidepressiva wirken die CGRP-Antagonisten spezifisch gegen die anfallsartigen Kopfschmerzen. Seit zwei Jahren sind die neuen Therapeutika auf dem Markt. Die rbb Praxis fragt nach, wie gut die Spritze Migräne-Patienten tatsächlich hilft.

Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen in Deutschland überhaupt: Rund acht Millionen Menschen leiden darunter. Frauen sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Männer. Typischerweise klagen die Betroffenen über heftige, einseitig pochende Kopfschmerzen, Blitze in den Augen, Übelkeit und Erbrechen. Eine Attacke dauert mal ein paar Stunden, mal bis zu vier Tage. Verantwortlich für die Symptome sind überaktive Botenstoffe an den Nervenendigungen. Die Folge: In Bereich der Hirnhäute dehnen sich die Blutgefäße aus und entzünden sich, das bereitet Schmerzen.

Schmerzmittel helfen akut

Bei akuten Beschwerden kommen Wirkstoffe wie
•    Acetylsalicylsäure 500 mg,
•    Paracetamol 500 mg oder
•    Ibuprofen 400 mg zum Einsatz.

Triptane eroberten Anfang der 1990er Jahre zunehmend den Markt. Die Pharmaindustrie entwickelte sie speziell gegen Migräne, sie hemmen die Ausschüttung von schmerz- und entzündungsfördernden Botenstoffen im Akutfall. Aktuell gibt es sieben verschiedene Wirkstoffe, auf die Patienten unterschiedlich gut ansprechen. Triptane sind als Tablette, Nasenspray und Spritze erhältlich. Letztere wirkt besonders gut und schnell, ist aber vermehrt mit Nebenwirkungen verbunden.

Attacken vorbeugen

Vorbeugend lassen sich die Migräneattacken mit Entspannungsmethoden wie progressiver Muskelrelaxation, autogenem Training, Akupunktur oder Biofeedback reduzieren. Empfohlen wird auch ein regelmäßiger Tagesrhythmus, begleitet von gesundem, regelmäßigem Essen, Bewegung und ausreichend Schlaf. Ein Migräne-Tagebuch hilft dabei festzustellen, wovon jeder Patient persönlich am meisten profitiert.

Zu den Medikamenten, die Attacken verhindern, gehören blutdrucksenkende Betablocker und Kalzium-Antagonisten, Antiepileptika, ursprünglich eingesetzt gegen Krampfleiden, oder niedrig dosierte Antidepressiva.

Für Patienten mit einer chronischen Migräne an mehr als 15 Tagen pro Monat ist seit 2011 Botulinumneurotoxin Typ A zugelassen. Vermutlich setzt "Botox" die Empfindlichkeit schmerzleitender Fasern herab, indem es die Freisetzung von Botenstoffen blockiert. Für die Therapie spritzt ein Neurologe die Substanz regelmäßig – alle ein bis drei Monate – an rund 30 definierte Stellen von Stirn, Kopfseite, Hinterkopf, Nacken und Schultermuskulatur. Zwei von drei Patienten sprechen auf die Behandlung an.

Neue präventive Wirkstoffe

Seit anderthalb Jahren sind eine Reihe von Wirkstoffen auf dem Markt, die vorbeugend und spezifisch gegen Migräne-Kopfschmerzen wirken: die sogenannten CGRP-Antagonisten. Seit November 2018 ist der Wirkstoff Erenumab in deutschen Apotheken erhältlich. Seit April 2019 sind die Antikörper Galcanezumab und Fremanezumab zugelassen. Ein weiterer CGRP-Antikörper, Eptinezumab, befindet sich in der Pipeline. Heilen lässt sich die Migräne mit den CGRP-Antikörpern nicht – aber zumindest die Anzahl der Schmerztage reduzieren.

Beim Migräneanfall steigt das Peptid "Calcitonin Gene-Related Peptide" an, kurz CGRP, ausgeschüttet von den Endigungen des Trigeminusnervs. CGRP bindet an spezielle Rezeptoren und löst eine Kettenreaktion aus: Die Gefäße entzünden sich, schwellen an und verursachen die Schmerzen. Die Jahrestherapiekosten betragen rund 6.000 Euro. Es zeigt sich schnell, ob die recht teuren CGRP-Antikörper helfen oder nicht: Wenn nach drei Monaten keine Verbesserung festzustellen ist, sollte die Therapie nicht fortgeführt werden.

Die neu entwickelten Medikamente neutralisieren als Antikörper die CGRP-Moleküle, indem sie diese abfangen (Eptinezumab, Fremanezumab und Galcanezumab), bevor der Botenstoff an die Zellen (im Gehirn) andocken kann. Varianten blockieren die Rezeptoren, so dass der Botenstoff nicht mehr andocken und seine schmerzvermittelnde Rolle ausführen kann (Erenumab). So verhindern sie, dass ein Migräneanfall überhaupt erst entsteht.

CGRP-Antikörper auch Teil der Migräne-Leitlinie

Die CGRP-Antikörper sind nur für Patienten zugelassen, die mindestens vier Migränetage im Monat haben und bei denen andere vorbeugende Medikamente in der Vergangenheit nicht oder nicht ausreichend wirken. Die Antikörper werden einmal im Monat gespritzt. In Studien hat sich gezeigt, dass alle drei CGRP-Antikörper die Häufigkeit der Migränetage pro Monat etwa die Hälfte senken konnten. Nicht alle Patienten sprechen gleich gut auf die Präparate an: Einige haben nach der Behandlung gar keine Migräneattacken mehr, andere weniger Anfälle und schwächere Symptome, eine dritte Gruppe verspürt keine Wirkung.

Aufgrund der positiven Studienlage wurden alle vier Wirkstoffe Ende 2019 in die gemeinsam von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) veröffentlichten S1-Leitlinie "Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne" bei der Behandlung der chronischen und der episodischen Migräne aufgenommen und bewertet.

Nicht nur Medikamente helfen

Auch weil die Schmerzspritzen nicht bei allen Patienten gleich gut wirken, sollten nicht-medikamentöse Strategien wie Ausdauersport, Entspannungstechniken und kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren gegen Migräne immer mitgedacht werden. Stress beispielsweise gilt als wichtiger Triggerfaktor für Migräne. Ihn erst gar nicht aufkommen zu lassen kann Anfälle reduzieren. Sport, vor allem Ausdauersport, kann Stress abbauen. Patienten, die durch die "Migräne-Spritze" weniger Anfälle haben, können oft zum ersten Mal wieder Sport, Bewegung und körperliche Aktivität praktizieren.

Hilfreich kann auch die Smartphone-gestützte Migränetherapie SMARTGEM sein. Damit dokumentieren Patienten ihre Migräne selbst und schicken die Informationen an ihren behandelnden Arzt. Dabei werden Häufigkeit, Schmerzstärke und Auslöser der Migräne festgehalten. Das hilft, bestimmte Muster und Triggerfaktoren zu erkennen. Mit Hilfe eines integrierten Therapiemoduls werden die Patienten in der Durchführung von Entspannungsverfahren und Ausdauersport unterstützt und durch Vermittlung von individuellen verhaltenstherapeutischen Ansätzen geschult.
Die App wird derzeit an der Charité in einer Studie getestet. Teilnehmen können Patientinnen und Patienten aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die an mindestens fünf Migränetagen pro Monat leiden. Inwiefern neue Probanden auch in Coronazeiten gesucht werden - dazu informieren Sie sich bitte direkt beim Forschungsprojekt der Charité.

Filmbeitrag: Ursula Stamm
Infotext: Constanze Löffler

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