Musiker mit klassischen Musikinstrumenten (Quelle: imago/Greatstock)
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- Musik als Medizin

Sie werden bejubelt, gefeiert, beneidet – Musiker. Ihr Beruf ist oft Berufung. Doch Musizieren ist Hochleistungssport, das Risiko zu erkranken ziemlich hoch. Für leidende Musiker gibt es an der Charité das Berliner Centrum für Musikermedizin. Zudem klären wir, wie Musik uns in Pandemie-Zeiten helfen kann.

Für ihr Publikum wirken Musiker wie die Verkörperung eines Traums: Ein Mensch entdeckt sein Talent, noch dazu für eine der schönsten Beschäftigungen der Welt, die Musik. Er darf sein Leben damit verbringen zu musizieren, also das zu machen, was ihm am meisten Spaß und Freude bereitet. Er fährt in der Welt herum, darf auftreten, wird gefeiert – was kann es Schöneres geben? Doch für viele der Musiker führt dieser Traum zu einer Erkrankung.

Anstrengend für Leib und Seele

Was kaum einer weiß: Musizieren ist einer der körperlich ruinösesten Berufe. Musizieren ist Hochleistungssport, das Risiko zu erkranken relativ hoch. Über zehn Prozent der Angestellten in deutschen Orchestern sind krankgeschrieben. Nahezu jeder achte Musiker beendet sein Berufsleben aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig – ein Drittel häufiger als der Durchschnitt der Arbeitnehmer.

Die körperlichen Beschwerden hängen dabei eng mit der Spieldauer zusammen: Wer früh anfängt, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit krank. Etliche private Zusatzversicherer schätzen Profi-Musiker hinsichtlich eines vorzeitigen Berufsendes ähnlich gefährdet ein wie Piloten – beide gehören zur Hochrisikogruppe.

Ganz verschiedene Erkrankungen

Das Spektrum der Musikererkrankungen ist groß. An der Spitze der Beschwerden von Musikerinnen stehen:

· akute oder chronische Schmerzen und Erkrankungen,
· Auftrittsängste,
· Stressbelastung und
· weitere berufsbezogene psychomentale Beanspruchungen.

Die Violinisten haben schief gedrückte Kiefer und hässliche Flecken am Hals, dort, wo Geige und Bratsche aufliegen. Die Bläser leiden an schartigen Verletzungen an Mund und Lippen, kaum ein Zahn ist bei ihnen, wo er hingehört. Die Gitarristen verdrehen beim Spiel ihr Becken, und die Fagottspieler schmerzt die Halswirbelsäule wegen ihres schweren Instrumentes. Ein Ohr ist taub und im anderen hat sich ein lästiges Geräusch breit gemacht, der Kreislauf spielt verrückt, das Herz pumpt wie wild und die Angst vor dem nächsten Auftritt ist groß.

Harte Konkurrenz

Dazu kommt die Angst vor Stigmatisierung: Viele fürchten, wegen eines körperlichen Leidens nicht mehr mithalten zu können im Kampf um Orchesterstellen und Auftritte – und halten ihr Leiden lieber geheim.

Beispiel fokale Dystonie: Sie ist eine der gefürchtetsten Krankheiten unter Musikern. Betroffene Geiger oder Pianisten können plötzlich einen oder mehrere Finger nicht mehr wie gewohnt bewegen: Die Gliedmaßen hängen beim Spiel hinterher, rollen sich immer wieder zusammen oder sind immerfort überstreckt.

Auch die Mundmuskeln von Bläsern oder die Muskeln im Kehlkopfbereich in Sängern können ein unkontrollierbares Eigenleben entwickeln, unter Experten als Musikerkrampf bezeichnet. Die neurologische Erkrankung ist mit schulmedizinischen Therapien selten heilbar. Die falschen Bewegungsmuster brennen sich mitunter so fest ins Gehirn ein, dass die Erkrankung das vorzeitige Ende einer hoffnungsvollen Musikerkarriere bedeuten kann.

Musikermedizin hilft

Die Musikermedizin hat in den letzten 25 Jahren hierzulande einen kontinuierlichen Aufschwung erlebt. Mittlerweile bestehen an der Mehrzahl der deutschen Musikhochschulen eigene Lehrbereiche im Fach Musikphysiologie und Musikermedizin. Neben alt eingesessenen Institutionen wie in Hannover und Dresden wurden Spezialeinrichtungen in Berlin, München, Frankfurt und Freiburg gegründet. Zahlreiche Fachärzte kümmern sich mittlerweile speziell um Musiker.

Auffällig: Oft sind diese Ärzte selbst ausgezeichnete Musiker. Die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin hat derzeit circa 450 Mitglieder – Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen, Psychologen, Physiotherapeuten, Körper-, Atem- und Stimmtherapeuten, Instrumental- und Gesangspädagogen sowie Orchestermusiker.

Heilsame Musik

Für beide – Musiker und Konzertbesucher – ist mit dem neuartigen Coronavirus eine schwere Zeit angebrochen. Keine Konzerte, keine Auftritte, das Veranstaltungsverbot trifft viele Künstler. Die Musiker dürfen nicht mehr auf die Bühne, die Zuschauer müssen auf ihre Live-Konzerte verzichten, und das gerade in diesen ungewissen Zeiten.

Dass es auch anders geht, zeigt ein Land, dass zu den beliebtesten Urlaubsländern der Deutschen zählt: Italien. Obwohl sich das Land in der nationalen Quarantäne befindet, bleibt das Volk optimistisch. Jeden Abend singen sie sich auf den Balkonen den Frust vom Leib, um sich Hoffnung zu geben und gegenseitig zu stützen. Gemeinsames Musizieren, das weiß man nicht erst seit Corona, wirkt verbindend und ist heilsam. Die ersten Balkonkonzerte gibt es seit dem Wochenende auch in Deutschland. Und wenn die Temperaturen weiter steigen, werden sich auch hierzulande die Menschen mit Tönen und Klängen bei Laune halten. Alternative für zu Hause: #rbbmachts

Filmbeitrag: Jana Kalms
Infotext: Constanze Löffler

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